Kraftklub: „Jeder Fan hat ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Rap“

Nach rund 2,5 Jahren seit ihrem letzten Album ist die Band mit dem K zurück.
Kraftklub haben die letzten Monate irgendwo zwischen Chemnitz und Berlin, irgendwo zwischen Konzerten und Studio verbracht, um am 02. Juni ihre neue Platte „Keine Nacht für Niemand“ präsentieren zu können.
Obwohl sie dort niemals hinwollten, haben wir Felix und Max von Kraftklub in Berlin zum Zwischen den Zeilen Interview getroffen und mit ihnen über ihr ambivalentes Verhältnis zu Rap, Crystal Meth in Chemnitz und Kicker-Spiele als Konfliktlösung gesprochen.

Mit „Keine Nacht für Niemand“ erscheint am 02. Juni euer drittes Album. Was steckt hinter dem Albumtitel?

Felix: Der Albumtitel ist eine Verneigung vor einer der größten deutschsprachigen Texter aller Zeiten: Rio Reiser. Ich weiß nicht, ob HipHop Fans Rio Reiser und TonSteineScherben kennen, wer sie nicht kennt, sollte sie sich auf jeden Fall mal reinziehen. Ich fand ihn immer schon großartig, weil Rio Reiser schon immer politische Themen und auch Liebessongs gemacht, ohne dass diese peinlich wirken. Das ist eine geile Kombination.

Findest du denn Künstler, die politische, sowie Thematiken rund um die Liebe kombinieren, mit Ausnahme von Rio Reiser durch die Bank weg peinlich?

Felix: Nee, aber er verbindet das sehr gut miteinander. Es sind nicht alle anderen peinlich, aber es gibt auf jeden Fall eine Menge peinlicher Songs. Wobei es wahrscheinlich auch einige Leute gibt, die viel von dem, was wir machen, peinlich finden. Das ist auch in Ordnung (lacht).

Könnt ihr „Keine Nacht für Niemand“ auf eine Grundaussage herunterbrechen?

Max: Nein, das würde ich den Journalisten überlassen – dir quasi (lacht). Vielleicht kann man es am ehesten mit dem Titel runterbrechen.

Welche Thematiken werden auf der Platte konkret behandelt?

Felix: Es werden ganz viele Themen behandelt. Ehrlich gesagt habe ich das selbst auch eher durch die Interviews und auf den Bezug der dort gestellten Fragen bemerkt. Der rote Faden, der sich wie das Garn durch unsere roten Jacken zieht, ist vielleicht Drogen, die Nacht, Liebe auf jeden Fall und Selbstzweifel. Es geht viel um Reflektion.

Welche Rolle spielt Berlin für dieses Album? Ich war noch nie in Chemnitz, aber gerade als ich Songs wie „Chemie Chemie Ya“ gehört habe, klangen die für mich doch schon sehr von Berlin inspiriert.

Felix: Berlin fanden wir schon immer geil.

Max: Schon damals, als die Leute gesagt haben, Berlin ist uncool, haben wir Songs darüber gemacht, wie geil Berlin ist.

Okay, Ironie off.

Felix: Natürlich waren wir während des Albumprozesses auch feiern und wir haben das Album in Berlin aufgenommen. Einen direkten Zusammenhang zu „Chemie Chemie Ya“ zu ziehen und zu sagen, dass wir während des ganzen Prozesses auf Drogen im Berghain waren, ist vielleicht etwas weit hergeholt. Der Song beschreibt vor allem auch unser ambivalentes Verhältnis, das wir zu Drogen haben. Wir thematisieren nicht nur die geilen Feier-Seiten, sondern auch den negativen Scheiß, der auch eine Rolle spielt. Die Seiten kriegt man in Chemnitz übrigens ganz gut mit. Wir wohnen in einer Stadt, die nah am Erzgebirge ist – einer der Hauptumschlagplätze für Crystal Meth.

Max: Interessanterweise habe ich mich neulich, während meiner ersten Wurzelbehandlung, mit dem Zahnarzt gesprochen und der meinte, das ist wirklich sehr schlimm dort. Ich meine, der kriegt das ja auch live mit. Das ist wirklich krass, wenn der Zahnarzt dir das tatsächlich nochmals bestätigt.

Felix: Ich mag bei dem Song, dass dieser Punkt dort auch mit durchkommt. Auf der anderen Seite macht es den Song aber auch nicht zu einem drogenkritischen Song, auf dem wir von den Gefahren des Drogenkonsums sprechen.

Es existiert eine „Keine Nacht für niemand“ Deluxebox. Ehrlich gesagt dachte ich lange Zeit, dieses Deluxe-Boxen-Ding wäre ein Phänomen, das ausschließlich im Rap vertreten ist.

Max: Doch, die ganzen großen Bands kommen eigentlich auch immer mit Deluxeboxen.

Felix: Wir hätten eigentlich keine gemacht, weil wir es ein bisschen albern finden. Aber dann kam diese gute Idee mit der Lampe. Dass die Box selbst schon ein Gimmick ist, fanden wir ganz reizvoll.

Auf wessen Konto geht denn die glorreiche Idee mit der K-Lampe?

Felix: Diese Idee ist Steffen gekommen. Er war generell der Boxen-Verantwortliche.

Das heißt, Steffen ist auch dafür verantwortlich, dass unter Anderem Socken in der Box enthalten sind.

Felix: Ich weiß nicht, wer auf die Socken-Idee kam. Aber es ist lustig, dass wir gerade mit einem HipHop-Medium reden und tatsächlich über den Boxinhalt sprechen. Ich frage mich immer, wie Rapper die ganze Zeit von ihren komischen Boxen reden können.

Wir haben gerade schon festgestellt, dass der Albumprozess nicht im Berghain stattgefunden hat –aber wie darf man sich denn einen Albumprozess und die Studioatmosphäre bei Kraftklub vorstellen, läuft alles harmonisch ab oder werden sich ab und an auch mal die Köpfe eingeschlagen?

Max: Konflikte werden im Kicker-Turnier ausgetragen. So werden immer grundsätzliche Entscheidungen gefällt. Es werden Teams gebildet, der fünfte von uns ist immer der Schiedsrichter. So sind viele Dinge auf dem Album entstanden, die ohne Kicker Tisch vermutlich nicht möglich gewesen wären.
Das ist doch eine super Konfliktlösung. Gleichzeitig kann man so überschüssige Energie rauslassen. Die Anspannung löst sich und man kann auch mal schreien.

Felix: Zum Albumprozess würde ich noch gern sagen, dass wir aus einer Stadt kommen, die subkulturell natürlich nicht ganz so viel zu bieten hat wie Berlin. Wir sind alle große Konzertfans. So waren wir meist eher tagsüber im Studio und nachts dann eben in Berlin unterwegs. Vielleicht ist dort auch noch ein Bezug zum Albumtitel: Wir sind jetzt nicht die allergrößten Raver, aber waren dennoch viel Nachts in Berlin unterwegs.

Sammelt ihr während Konzerten auch Inspiration für die eigene Liveshow?

Felix: Ja, auf jeden Fall! Aber wir waren schon immer große Fans von anderen Künstlern und haben uns die Shows mit großen Augen angeguckt. Aus der Inspiration haben wir aber auch nie einen großen Hehl gemacht. Besonders im Rap passiert es ja oft, dass die Leute erzählen, sie hätten keine Vorbilder und dass alles aus ihnen selbst kommt.

Max: Ich finde es schön, dass man für sich selbst entscheiden kann, was man musikalisch mag und was nicht. Am Ende bleibt dann ein buntes Pottpouris an Einflüssen, das man zusammenschmelzen kann.

Felix: Bei unserer Band gibt es ja auch fünf Charaktere und somit fünf unterschiedliche Musikgeschmäcker. Der eine hört mehr Punkrock, der andere ist elektronisch unterwegs und der wieder andere ist wesentlich mehr auf Deutschrap fokussiert. So verschmilzt ist. Kraftklub ist gewissermaßen Konsens-Musik von fünf Typen.

Ihr kommt ja schon immer mit sehr wenigen, beziehungsweise keinen Features aus.

Felix: Auf dem Album sind sehr viele Leute drauf, sie werden nur nicht aufgelistet. Aus der Rap-Welt gibt es auf jeden Fall eine Menge populärer Künstler, die vertreten sind.

Max: Und aus der Indie-Welt und aus der Pop-Welt …

… deren Namen ihr an dieser Stelle aber nicht nennen wollt?

Felix: Nicht, weil es Geheim ist, aber dann hätten wir es ja auch auf die Tracklist schreiben können. Wir fanden die Vorstellung lustig, dass man ein Album hört und erst beim vierten oder fünften Durchlauf schnallt, dass bestimmte Leute drauf sind.

Wie verhält es sich bei „Keine Nacht für niemand“ mit dem Erwartungsdruck von Außen? Das letzte Album, „In Schwarz“, liegt immerhin rund 2,5 Jahre zurück und ich habe das Gefühl, die Fans werden langsam echt ungeduldig.

Felix: Gerade im Vergleich zum zweiten Album war das sehr entspannt.

Ich hatte das Gefühl, wir nehmen das Album auf und weder Fans, noch Label wissen davon überhaupt.

Wir haben uns in eine Pause verabschiedet und sobald die Pause begann, hatten wir schon wieder Bock, Musik zu machen. Da hat es die Motten ins Licht, wieder in den Proberaum gezogen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass dieses Album ohne Druck von außen entstanden ist. Wir haben einfach nur gemacht und das hat sich gut angefühlt.

Max: In der Retrospektive war der Druck bei dem zweiten Album viel krasser, was wir aber auch damals gar nicht so richtig erfassen konnten.

Felix: Man hat im Vergleich und bei der Tatsache, wie entspannt dieses Album war, erst gemerkt, dass es beim zweiten Album viel krasser war. Da gab es dann ein erfolgreiches Debütalbum und die Aufgabe, ein zweites Album nachzulegen, war schon groß.

Wessen Feedback ist euch während der Entstehung einer Platte wichtig?

Felix: Das machen wir eigentlich alles unter uns und unserem Produzenten aus. Als die Platte einigermaßen fertig war, haben wir uns in Chemnitz getroffen und die 1-Song-1-Schnaps-Runde gemacht. So haben wir alle Songs des Albums gehört und dazu fettiges Essen gegessen und getrunken. Wir hätten jetzt auch nichts geändert, wenn unsere Freunde gesagt hätten, sie finden alles scheiße. Tendenziell ist uns die Meinung unseres engen Umfelds aber schon am wichtigsten.

Max: Natürlich ist es auch spannend, die Musik seinem Vater oder seinen Großeltern zu zeigen. Sodass andere Generationen das hören und sich mit dem Text vielleicht sogar identifizieren können.

Bisher klingt der ganze Produktionsprozess sehr harmonisch, gab es dennoch Schwierigkeiten, die rund um die Platte entstanden sind?

Felix: Wir hatten zum ersten Mal die Situation, dass ein Album wirkllich vorher fertig war und wir dann ins Studio gegangen sind. Das gab es vorher noch nie, dass alle Songs vorher bereits fertig waren.

Max: Ja, das war sehr komfortabel. Irgendwie hatte man ab und zu das Gefühl, dass irgendwann noch etwas schlechtes passieren muss, aber es kam nie irgendwas. Man hat einfach gemacht und gemacht und irgendwann waren wir einfach fertig – es lief einfach.

Fällt euch spontan eine interessante Randanekdote ein, die ihr rund um den Prozess zu „Keine Nacht für niemand“ erzählen könnt?

Felix: Eines morgens sind wir aufgewacht und so ein verrückter, orangener Psychopath ist Präsident der Vereinigten Staaten gewesen. Das war eine lustige Anekdote, die zwischendurch passiert ist. Ansonsten gibt es eigentlich keine crazy Anekdoten aus dem Studio-Alltag, das wirkt für Außenstehende vermutlich eher langweilig. Wenn du mit uns auf Tour kommst, ist alles lustig, aber im Studio nimmt man halt eine Platte auf, da feiert dich ja niemand ab. Da ist niemand, der schreit: „JETZT SAUFEN WIR, AHHHHH“. Dadurch, dass wir abends viel unterwegs waren, haben wir den Studioalltag recht langweilig verbracht. Da standen zehn Kisten Bier rum und am Ende war, glaube ich, ein halber leer (lacht). Wir haben nicht mal viel getrunken, das war alles relativ human.

Gibt es für euch einen Lieblingssong auf dem Album?

Max: Auf einen kann ich mich nicht einigen, es gibt auf jeden Fall mehrere. Bei mir ist’s eher so, dass ich unterschiedliche Herangehensweisen habe, was meinen Lieblingssong betrifft. Beispielsweise gibt es für mich einen Lieblingssong, wenn es darum geht, live zu spielen.

Felix: Bei dem Album geht’s mir tatsächlich auch so, dass ich einfach Bock habe, die wieder live zu spielen. Wir haben die Songs ja, bevor wir sie aufgenommen haben, im Proberaum gespielt und wussten, die funktionieren als Grundgerüst. Die haben sich so gut angefühlt und jetzt ist es schon bald soweit. Vor dem ersten Konzert bin ich auch viel aufgeregter als vor dem Albumrelease.

Max: Wir hatten ein, zwei Situationen, wo ein kleiner Teil der Crew dabei war und die neuen Songs live gehört hat. Die waren alle begeistert und hatten das so nicht erwartet.

Wenn es schon nicht den einen Lieblingssong gibt, könnt ihr eine Zeile nennen, die euch sehr gut gefällt und spontan einfällt?

Felix: Auf der Platte gibt es einen Song, der heißt „Venus“ und dort habe ich mich mit meinem ambivalenten Verhältnis zu Rap auseinandergesetzt.
Dass ich Rap auf der einen Seite liebe und auf der anderen Seite … man, so wie jeder Rapper eigentlich.

Jeder Rap-Fan hat doch eigentlich ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Rap.

Das ist aber eine steile These, die du da gerade aufstellst.

Felix: Das ist doch so, dass man Rap auf der einen Seite geil, auf der anderen Seite aber auch scheiße findet. Ich glaube, da kannst du jeden Rap-Fan fragen.

Max: Ich weiß noch, als wir „Venus“ im Proberaum entwickelt haben und ich mochte ihn wirklich gern. Zwischendurch hatte ich dann meine Schwierigkeiten mit dem Song und als wir dann fertig waren, habe ich den Song gemischt gehört und bin plötzlich riesengroßer Fan vom Song geworden. Und das, obwohl mein Background nichts mit Rap zu tun hat.

Felix: Die Zeile auf Venus ist: „Leute können mit uns nicht umgehen/ Das ist doch kein Rap mehr/ Biggie würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht so fett wär“. Da musste ich ein bisschen lachen. Auf dem Song sind auch viele Leute, vor denen ich mich verneige.

Wenn ihr rückblickend „In Schwarz“ betrachtet und dann zu „Keine Nacht für niemand“ schaut: Wo seht ihr eure größte musikalische Entwicklung?

Felix: Wir haben das Gefühl gehabt, dass wir nach „Mit K“ und „In Schwarz“ alle Texte durch erzählt hatten. Textlich haben wir erzählt, wer wir sind und wo wir herkommen und musikalisch musste immer alles nach dem Höher-schneller-weiter-Prinzip laufen. Es musste immer knallen und die Leute im Publikum mussten immer ausflippen. Sowohl textlich als auch musikalisch haben wir uns davon freigemacht.

Max: Wir haben uns einfach mal nach hinten gelehnt.

Felix: Ich empfinde das Album als freier.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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