Kool Savas: “Ich habe kein Monopol auf Rapmusik.”

bildschirmfoto-2016-11-02-um-20-24-37Ein Urgestein unseres Lieblingsgenres ist wieder da – Die Krone wurde zurecht gerückt und Kool Savas meldet sich mit seinem Mixtape „Essahdahmus“ zurück. Seine Geschichte wurde oft erzählt: Als Kind zog er mit seiner Mutter aus Istanbul nach Deutschland, nach Aachen, um genau zu sein. Eine Reise, die viel veränderte und sowohl musikalisch, als auch optisch mit dem Cover von „Essahdamus“ aufgegriffen wird. Seit Mitte der 90er Jahre aktiv, erlangte Kool Savas nicht nur als Solokünstler, sondern auch als Teil von Westberlin Maskulin und der legendären Rap- Crew M.O.R. Aufmerksamkeit. Mit letzterer zog es ihn zum aktuellen Projekt nach langer Zeit wieder ins Studio, auch ein gemeinsamer Song mit dem alten Weggefährten und Straßenrap-Ikone Azad ist auf „Essahdamus“ zu finden. Die Themenwahl und musikalische Gestaltung des Mixtapes erscheint ebenso vielfältig wie die lange Liste der illustren Featuregäste. Zu viel wollen wir vorab aber nicht verraten. Wir haben uns mit Kool Savas über „Essahdamus“ unterhalten, Geschichten aus DJ Smooves Studio in Bamberg gehört, über die Rolle von Erfolg in Kunst und noch vieles mehr gesprochen.

Wenn wir schon dabei sind: Im Rahmen des Reeperbahn Festivals haben wir Kool Savas bei seinem Wohnzimmer-Konzert begleitet – das Ergebnis könnt ihr hier anschauen! 

Wie bist du „Essahdamus“ angegangen – stand im Vorfeld fest, dass es ein Mixtape wird oder wurde dir das erst im Laufe des Prozesses bewusst?

Kool Savas: Nach „Märtyrer“ hatte ich relativ schnell wieder Bock, neue Musik zu machen. Erst wollte ich nach Bamberg ins Studio und einfach Beats machen. Zwischendurch stand sogar die Idee im Raum, ein Beattape zu veröffentlichen. Irgendwann hatte ich nicht nur eine Menge Songs, sondern auch schon einige Gäste aufgenommen, sodass ich mich dazu entschied, das als Mixtape zu veröffentlichen. Im Prinzip war es zum Schluss hin dann derselbe Arbeitsflow wie bei einem Album.

Auf „Märtyrer“ sprach deine deutsche Oma ein Skit, dieses Tape wird durch ein Skit deines türkischen Opas eröffnet. Wieso entscheidest du dich immer wieder für diese besondere Art von Skits?

Kool Savas: Das Skit stammt aus einer Zeit, die für mich, im Nachhinein betrachtet, sehr wichtig war. Es geht um Dinge, die mich als Kind beschäftigt haben und auch heute noch, also bis zu meinem 41. Lebensjahr beschäftigen. Dadurch dass es so persönlich ist, habe ich das Skit eher für mich selbst gewählt und nicht groß für andere. Auf „Bester Tag“ beispielsweise, ist meine Oma zu hören, kurz darauf ist sie gestorben. Daher ist es sehr schön für mich, solche Momente zu konservieren.

Was erzählt er eigentlich genau?

Kool Savas: Das Cover von „Essahdamus“ zeigt ja die Szene, wie meine Mutter und ich im Zug sitzen und gerade den Bahnhof Istanbul verlassen. Mein Opa knüpft dort an und erzählt, wie er uns zum Bahnhof gebracht hat. Der Skit, der ja auch Zuggeräusche und das alles beinhaltet, ist die musikalische Version des Covers. Im letzten Song nehme ich dann nochmal ganz klar Bezug darauf.

Apropos Cover: Die Szenerie beschreibt den Umzug von deiner Mutter und dir von Istanbul nach Aachen. Natürlich ist das ein wichtiger Teil deiner Lebensgeschichte, aber wieso hast du dich für genau diese Szenerie als Cover entschieden?

Kool Savas: Man entwickelt mit der Zeit ein Gespür dafür, was richtig ist. Würde ich etwas machen, was nicht viel mit mir persönlich zu tun hat, würde ich das recht emotionslos angehen. Aber dieses Cover spiegelt einen Teil meiner Geschichte wieder und ist somit auch ein wenig Vergangenheitsbewältigung. Die Grundidee gab es schon und ich habe dann mit Adopekid mehrere Varianten durchgespielt. Wir haben uns schnell darauf geeinigt, dass das Cover überhaupt nicht nach Rap aussehen soll. Es sollte konträr zur Musik sein und für sich stehen. Wir wollten nicht sowas haben, wie ich auf einem brennenden Thron sitze und mein Mikro schwinge (lacht).

Musikalisch ist das Mixtape ja sehr vielfältig. Songs wie „Candyman“, die im ersten Moment nach Country-Song klingen, haben mich total überrascht.

Kool Savas: Für mich gibt es nicht die eine Richtung, in die alles gehen muss. Ich habe auch gar keine Lust, mich da selbst so zu limitieren.

Bei mir gibt es nur zwei Optionen: Entweder ich fühl’s oder eben nicht.

Bei „Candyman“ finde ich lustig, dass der Song teils Battle-Lyrics beinhaltet, die dann aber gesungen auf einem Gitarrenbeat vorgetragen werden. Der Song ist nachts bei Abaz im Studio entstanden. Wir haben eine Pfeife geraucht, bis ich irgendwann meinte, hol mal die Gitarre raus. Klar ist das auch ein bisschen seltsam, es ist eben was neues. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Song auch gut live funktioniert, weil der total auflockert.

Es ist ja bekannt, dass du passionierter Autofahrer bist. Das Studio von Smoove, in dem „Essahdamus“ zum Großteil entstanden ist, liegt in Bamberg, also 4,5 Stunden von Berlin entfernt. Wie habt ihr die Distanz gehandhabt?

Kool Savas: Hier gibt es ein altes Bauernhaus mitten im Grünen, welches wir zum Studio umfunktioniert haben. Das heißt, du hast alles, was du brauchst. Ich habe sogar ein provisorisch eingerichtetes, eigenes Zimmer. Wenn ich hier war, habe ich immer versucht, auch mindestens eine Woche zu bleiben. Außerdem besteht die Möglichkeit auch mindestens vier, fünf Leute unterzubringen. Oft kamen Gäste ins Studio oder Freunde, die einfach nur gechillt haben. Das heißt, man verbindet das Musik machen gleichzeitig mit einer Art Kururlaub.

Wenn du sagst, du hattest zwischendurch auch Freunde im Studio: Wessen Meinungen holst du dir eigentlich während der Arbeit an Projekten ein?

Kool Savas: Keine.

Ich höre überhaupt nicht auf andere, das interessiert mich null.

Das ist gar nicht böse gemeint, aber ich glaube, wenn ich nach all dieser Zeit nicht das Selbstbewusstsein hätte, um selbst entscheiden zu können, was gut oder schlecht ist, könnte ich’s voll vergessen. Bei allen anderen Dingen bin ich immer dazu bereit, mir Meinungen anzuhören, aber bei meiner Musik bin ich stur.

Welche der zahlreichen Featuregäste waren euch denn in Bamberg besuchen?

Kool Savas: Moe Mitchell, Olli Banjo und PA Sports waren hier mit mir im Studio. In Berlin war ich dann mit MOR im Studio. Wir haben definitiv viel hin und hergeschickt.

Mit Azad standest du ja kürzlich auf deinem Brainwash-Festival nach langer Zeit wieder gemeinsam auf der Bühne. Wäre es nicht schöner gewesen, für „Essahdamus“ auch ein Studio zu teilen?

Kool Savas: Ich glaube, viele haben immer so eine krass romantische Vorstellung davon, wie es ist, gemeinsam im Studio zu sein. Die Realität sieht meist ganz anders aus. Das Musizieren an sich stellt für mich keinen besonders tollen Prozess oder so dar. Das beste daran, mit wem zusammen ins Studio zu gehen, ist das chillen. Klar liebe ich es, am Ende einen fertigen Song zu haben, aber ich mag das quatschen, gemeinsam kochen und sowas – eben diese sozialen Interaktionen.

Gibt es eine Lieblingsgeschichte, die du zu den Featuregästen zum besten geben magst?

Kool Savas: Gentleman ist ja auch als Featuregast auf „Essahdamus“ drauf. Nun ist er ja europaweit bekannt und man könnte schon fast von Weltstar sprechen. Da fand ich es so schön, wie lieb, nett und bodenständig er sich einfach gibt. Ich gebe mir auch Mühe, lieb und höflich zu den Leuten zu sein. Dennoch hat mich diese Herzlichkeit sehr positiv überrascht. Er wollte sich einfach einbringen und sein bestes geben können. Natürlich war die Zusammenarbeit mit allen Gästen cool, das Projekt ist wirklich aus Liebe entstanden. Es gab weder irgendwelche Egofilme, noch ekligen Hustle, alles lief sehr relaxt ab.

Eine Sache, die ich mich noch gefragt habe, während ich das Tape gehört habe: Seit wann singt Abaz eigentlich? Ich habe mich sehr gewundert, als ich die Hook von „Luftschlösser“ gehört habe.

Kool Savas: Die Hook von „Triumph“, die dann Adesse übernommen hat, hat ursprünglich auch Abaz geschrieben und gesungen. Dann kam „Luftschlösser“ als einer der letzten Songs, die ich aufnehmen wollte und mir fehlte einfach eine Hook. Abaz macht viel Songwriting, daher ist er fit, was Hooks betrifft. In der Nacht, bevor ich fertig sein musste, habe ich also Abaz angerufen und ihm den Song ohne Hook geschickt. Nur wenige Stunden später schickte er mir den Song dann zurück – insgesamt Hook.

Um nochmal auf die Features zurück zu kommen: Unter Anderem ist KC Rebell mit auf deinem Mixtape, der auch neulich bei deinem Brainwash- Festival geladen war. Das war zu Zeiten des KC- Xatar-Beefs. Inwiefern haben Leute denn Positionierung deinerseits zu diesem Thema erwartet?

Kool Savas: Ich mische mich in solche Sachen überhaupt nicht ein. Prinzipiell bin ich für Frieden und halte nichts davon, wenn Rapper sich wegen Rap die Köpfe einschlagen. Es gibt viel zu viel negative Scheiße.

Ich wünsche mir die Zeit zurück, in der Tracks aufgenommen werden und es lediglich darum geht, wer der bessere ist.

Für mich persönlich hat alles, was darüber hinaus geht, nichts im HipHop verloren. Mit Eko hatte ich damals auch meinen Heckmeck, aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen, ihm zu wünschen, dass ihm wirklich was zustößt. Alle wissen, dass ich mich völlig von solcherlei Angelegenheiten distanziere, daher lassen die Leute mich damit auch in Ruhe.

Thematisch äußerst du auf „Essahdamus“ viel Kritik an der aktuellen Rapszene. Kannst du es auf ein paar Punkte herunter brechen, was dich am meisten stört?

Kool Savas: Meine Kritik ist natürlich immer subjektiv. Ich bin nicht derjenige, der sagt, ich weiß, wie es besser geht.

Lediglich weiß ich, wie man bessere Mucke macht und wie man besser rappt. Im Großen und Ganzen hat jeder für sich das Recht, das für sich selbst zu entdecken. Ich habe kein Monopol auf Rapmusik.

Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich einiges nicht so krass abfeiere. Ich komme aus einer Zeit, in der Rap auf Skills basierte. Wenn ich mir im Fernsehen ein Tennisspiel angucke, ist es keins von Leuten, die seit zwei Wochen Tennis spielen. Genau so ist es beim Fußball und genau dort kommt dann wieder die krasse Doppelmoral zum Vorschein. Beim Fußball sind nämlich alle Rapper plötzlich voll die Profis. Bei den Fußballern wollt ihr, dass sie gut darin sind, aber bei Rappern ist es euch egal? Dann könnten doch auch alle Fußballer scheiße spielen und man rechtfertigt es damit, dass es deren persönliche Entscheidung ist. Für mich persönlich fängt es schon damit an, im Takt zu rappen. Wenn du nicht im Takt bist, kannst du es vergessen. Darüber hinaus solltest du deinen eigenen Style haben, ansonsten ist’s für mich direkt uninteressant. Darin, mich dem aktuellen Trend anzupassen, sehe ich einfach keinen Sinn. Ich habe keinen Bock, wie Young Thug zu klingen. Warum soll ich denn nicht einfach rappen, wie ich es möchte? Immerhin möchte ich ja mich und meine Persönlichkeit rüberbringen.

Auf „Wahre Liebe“ kritisiert du die Orientierung hin zum Kommerz innerhalb der Szene. Wie kam diese Entwicklung deiner Meinung nach zustande und wer trägt Schuld an ihr?

Kool Savas: Das ist ein Problem der Gesellschaft. Es geht inzwischen nicht mehr um Eigenständigkeit, Kreativität und Leidenschaft. Stattdessen gibt es nur noch einen Maßstab, der lautet: Wie erfolgreich ist irgendetwas? Du kannst irgendjemanden nehmen, der irgendwas macht. Sobald es erfolgreich ist, ist es das nächste große Dinge und dabei ist egal, was dahintersteckt. Instagram ist da auch ein gutes Beispiel. Leute, die nichts können oder nichts gemacht haben, posten irgendwas, generieren ihre Likes und Follower und werden dann irgendwann zu Stilikonen, obwohl dort auch nichts hintersteckt. Den Menschen heutzutage ist nur wichtig, ob sie Yeezys bekommen haben oder bereits das neue iPhone besitzen. Für mich ist es nicht
erstrebenswert, Menschen aufgrund irgendwelcher Objekte zu beurteilen. Der Wert der Kunst liegt ganz woanders.

Lass uns abschließend noch einmal klären, wie der Titel „Essahdamus“ zustande kommt und was du mit dem Propheten Nostradamus gemein hast.

Kool Savas: Es gab in meinem Leben diverse Momente, in denen ich ein Gefühl dafür hatte, was in der Zukunft passiert. Im Nachhinein kann das auch alles vollkommene Einbildung sein. Immerhin sage ich nicht, ich kann in die Zukunft schauen. Dennoch gibt es Schlüsselmomente, die in mir etwas ausgelöst haben. Beispielsweise als meine Mutter und ich damals im Zug von Istanbul Richtung Aachen saßen. Sowohl von meiner Heimat, als auch von meinem Vater musste ich mich damals trennen. In dem Moment ist der letzte Funken kindliche Naivität erloschen und der Glaube an das Gute zerbrochen. Die Wut, die ich bis heute noch in meinen Tracks habe, ist in diesem Moment entstanden. Ich hätte mich auch anders entwickeln können und diese Wut anders
ausleben können, im Sport zum Beispiel. Mir war nicht bewusst, dass ich Rapper werde, aber das Schicksal hat Rap als Ventil zu mir gebracht. Oder eben mich zu Rap. Das war also ein Schlüsselmoment, in dem sich meine Zukunft entschieden hat. Das hat folglich nicht viel mit in die Zukunft sehen zu tun, sondern viel mehr damit, zu spüren, wie dein Schicksal plötzlich eine Art Kehrtwende macht.

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