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Kommentar: Warum veranstaltet Razer eine Keynote?

Regelmäßig stattfindende Keynotes und Pressekonferenzen in der Tech-Branche sind nichts Ungewöhnliches. Vor allem der Herbst scheint die ideale Jahreszeit für Ankündigungen zu sein: erst Apple mit dem iPhone 7, Sony mit der PlayStation 4 Pro, Google mit dem Pixel und nun Razer mit …  – hm, mit was eigentlich? Die Antwort darauf bleibt die Einladung zu Razers Keynote schuldig.

Kurz gehalten, vage formuliert: Die Einladung zur Keynote von Razer verliert nicht viele Worte über den Anlass. Ort, Zeit, Ablauf – mehr ist den wenigen weißen Zeilen auf schwarzem Grund nicht zu entnehmen. Dabei sind es vor allem die Informationen, die Razer bewusst vorenthält, die neugierig machen. Doch vor den Details schauen wir uns kurz den Kontext an.

Obwohl Razer 2018 bereits sein 20-jähriges Bestehen feiern wird, ist die Anzahl der eigenen Pressekonferenzen in den vergangenen Jahren überschaubar gering. Das in San Diego, Kalifornien, ansässige Unternehmen nutzte in der Vergangenheit das mediale Großaufgebot international renommierte Messen, um in einer Art Synergie seine Produkt-Neuheiten einem möglichst großen Publikum zu präsentieren. Razer ist vornehmlich bekannt für seine an Core-Spieler gerichtete Peripherie. „For Gamers. By Gamers.“der Slogan gilt bis heute als Produktmaxime. Wobei das Portfolio längst nicht mehr nur Mäuse und Tastaturen bereithält, in der Einladung spricht Razer von sich selbst als „das führende Lifestyle Brand für Gamer“. Und tatsächlich: Im Online-Store von Razer finden sich neben verschiedenen PC-Mäusen und -Tastaturen, den Namen nach von Reptilien und Spinnen inspiriert, inzwischen Gamepads, Headsets, Soundsysteme und passende Kleidung für den Vollblutherpetologen. Im Laufe der Zeit ist das Sortiment um immer neue Produkte aus dem Gaming- und Gadget-Bereich angewachsen. Razer bietet inzwischen Mikrofone für Streamer (Seiren), Capture-Karten (Ripsaw), Virtual-Reality-Headsets (OSVR) und Wearables (Nabu) an. Eigene leistungsstarke und entsprechend kostspielige Gaming-Notebooks (Blade) runden das Setup ab. Demnächst bringt Razer eine Webcam (Stargazer) in den Handel, die den Spieler mittels 3D-Scan auch ohne Greenscreen vor seinem Hintergrund erkennt und ausschneidet.

Erst durch Razer ein ganzer Gamer? Viele PC-Spieler schwören auf den „Cult of Razer“.

Erst durch Razer ein ganzer Gamer? Viele PC-Spieler schwören auf den „Cult of Razer“.

Die meisten dieser Produkte werden jährlich in neuen Revisionen mit leichten Designänderungen revitalisiert. Eine Keynote für ein Update eines dieser Produkte wäre angesichts der Vorhersehbarkeit obsolet. Bei Ankündigungen wie diesen wird häufig einfach eine Pressemitteilung an Journalisten verschickt und parallel dazu eine News im Insider-Forum von Razer gepostet. Selbst für größere Produkte wie den Konsolen-Hybriden Razer Shield und Forge TV oder bei Kooperationen wie für OSVR und Ankäufen wie bei der Android-Konsole Ouya organisiert Razer keine eigene Konferenz – schon gar nicht losgelöst von irgendeiner Messe oder ähnlichem.

Was für ein Produkt könnte Razer also präsentieren, das eine eigene Keynote verdient? Schauen wir uns die Einladung genauer an:

„Razer, das führende Lifestyle Brand für Gamer, möchte dich einladen, an Razers exklusiver Keynote am Donnerstag, den 20. Oktober 2016 in Berlin teilzunehmen. Razer-Mitgründer und -CEO Min-Liang Tan wird persönlich und weltexklusiv eines der spannendsten Tech-Produkte des Jahres in Deutschlands Hauptstadt vorstellen.“

Gehen wir der Reihe nach durch: 1. Die Keynote wird in Berlin stattfinden. Warum Berlin, warum überhaupt Deutschland? Zum einen wäre die Überlegung, dass Razer in Berlin einen Flagstore eröffnen könnte, ähnlich den Apple-Stores. Also ein Geschäft, das dezidiert nur Razer-Produkte anbietet und mit entsprechendem Design aufwartet. In Asien hat Razer bereits mehrere Flagstores eröffnet – allerdings unterhält das Unternehmen dort auch eigene Entwicklerstudios und Produktionsstätten. Hierzulande werden die Produkte bislang lediglich verkauft.

Ein anderes Szenario wäre, dass Razer seine Blade-Notebooks nun doch offiziell in Deutschland vertreiben und verkaufen wird. Aufgrund namensrechtlicher Streitigkeiten ist Razer das in Deutschland bislang untersagt gewesen. Denkbar wäre, dass dieser Konflikt in einer Einigung beigelegt worden ist und die Blades auch hierzulande mit entsprechenden Anpassungen an deutsche Spieler verkauft werden dürfen, ohne Umweg über den Import.

Beide Möglichkeiten wären denkbar, klingen aber unwahrscheinlich. Zumal keines davon eine eigene Keynote nötig hätte. Lediglich die Tatsache, dass sie in Berlin stattfindet, passt zu der Vermutung, dass die Blades nun in Deutschland an den Start gehen oder es zumindest etwas mit dem Standort „Deutschland“ zu tun haben könnte – denn ansonsten wäre es völlig unerheblich und willkürlich. Also warum veranstaltet Razer seine Keynote in Berlin, wo sie selbst in San Diego beheimatet sind?

2. Razer-Mitgründer und -CEO Min-Liang Tan wird das Produkt persönlich vorstellen. Wer Razers Social-Media-Aktivitäten verfolgt, weiß um die zentrale Rolle, die der CEO Min-Liang Tan spielt. Der sogenannte „Cult of Razer“ kommt schließlich nicht von ungefähr: Min-Liang ist die strahlende Gallionsfigur des Unternehmens, der Posterboy für die Cult-Aktivisten. Wenig verwunderlich, dass jedes Razer-Produkt deshalb auch mit einer Art Glaubensbekenntnis daherkommt.

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Min-Liang Tan: ist nicht nur CEO von Razer, sondern auch das Gesicht.

Wie Steve Jobs oder Tim Cook von Apple übernimmt Min-Liang Tan die großen Ankündigungen selbst. Er lädt die Journalisten zu den Messe-Konferenzen ein und seine Fans zu den Live-Sessions bei Facebook und Co. Min-Liang Tan hat das Social-Media-Business verinnerlicht und zu seiner Bühne gemacht. Allerdings feiert er erst kommendes Jahr im November seinen 40. Geburtstag. Warum also steigt er ins Flugzeug, um persönlich nach Berlin zu kommen?
3. „Weltexklusiv“: Die sogenannte Exklusivität, die allenthalben versprochen wird, ist eine gleichermaßen beliebte wie schwammige Vokabel. Aufgrund der Elastizität, die der Exklusivität innewohnt, ist der Begriff mehr und mehr aus der Form geraten. Inzwischen sind schon Trailer exklusiv, die drei Sekunden neues Gameplay zeigen zu Spielen, die längst angekündigt sind. Von der sogenannten Zeitexklusivität ganz zu schweigen.
In diesem Fall scheint sich Razer aber auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs besonnen zu haben. Zumindest deutet bislang nichts daraufhin, dass in Berlin etwas bereits Bekanntes erneut „neu angekündigt“ wird. Andererseits lässt die offene Formulierung der Einladung viel Raum für Interpretation und Spekulation – insofern liegt die Gefahr einer Erneut-Ankündigung weiterhin im Bereich des Möglichen.
4. „Eines der spannendsten Tech-Produkte des Jahres“ will Razer in Berlin zeigen. Schon der Begriff „Tech-Produkt“ ist interessant, weil er sich nicht auf den Kosmos des Videospielens beschränkt. Dass sich Razers Tastaturen, Mäuse, Notebooks etc. nicht ausschließlich zum Spielen eignen, liegt auf der Hand. Insofern kann man davon ausgehen, dass auch das bislang unbekannte Produkt – vielleicht auch nur im weitesten Sinne – dem originären Gedanken des Gamings folgen wird. Eine Office-Anwendung oder eine B2B-Lösung würde Razer aufgrund seiner Vita und seiner Reputation, wenn überhaupt, nur unter einem anderen Namen auf den Markt bringen.
Da es sich bei dem Produkt um eines der spannendsten des Jahres handeln soll, ist anzunehmen, dass Razer plant, es noch dieses Jahr zu veröffentlichen. Das Weihnachtsgeschäft gilt traditionell als das ertragsreichste. Das Produkt anzukündigen und es zeitnah in den Handel zu bringen, ist aber nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht ein guter Schachzug. Das mediale Echo einer Pressekonferenz verhallt schnell, wenn das angekündigte Produkt anschließend zu lange auf sich warten lässt. Anders als bei Spielen ist es bei Hardware und Peripherie nicht üblich den Hype medial künstlich am Leben zu halten. Wie riskant der Zeitraum zwischen Ankündigung und Release sein kann, zeigt sich am Beispiel des Smartbands Razer Nabu. Die Aufmerksamkeit, die das Smartband kurz nach Bekanntwerden genoss, war zum Release eineinhalb Jahre später längst vergessen.

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Project Christine: Seit der Ankündigung im Januar 2014 ist es still geworden um das Konzept eines modularen PCs.

Zu guter Letzt bleibt die Frage, was überhaupt eines der spannendsten Tech-Produkte des Jahres sein könnte. Angesichts der dafür geplanten Keynote ist anzunehmen, dass es einem Bereich entspringt, den Razer bislang nicht bedient. Möglich, dass Razer etwa über das reine Notebook-Geschäft hinausgehen will: Dass die Ankündigung also nichts mit der Blade-Reihe zu tun hat, sondern dass Razer auch in den Desktop-PC-Bereich vordringen will. Schon 2014 hatte Razer auf der CES das Project Christine vorgestellt: ein modularer Desktop-PC, bei dem man auf einfachste Weise Komponenten entfernen und ersetzen kann. Die Teile wären problemlos untereinander kompatibel; ein Upgrade würde im Grunde keinerlei Bastelei oder Hardwarekenntnis erfordern – es wäre die einfachste Art Plug and Play anzubieten. Allerdings handelte es sich bei der Ankündigung seinerzeit lediglich um ein Konzept, bei dem bis heute nicht abzusehen ist, ob es jemals ein Stadium erreicht, wo es für den Konsument interessant wird; seit der Ankündigung vor über zwei Jahren hat Razer in diese Richtung zumindest nichts mehr verlauten lassen. Bei der Vorstellung des Konzepts ging es vielmehr um die Vision dahinter. Sollte es allerdings ein Produkt in diese Richtung werden, wäre auch hier wieder die Frage: Warum Berlin?

Ein anderes Produkt ähnlicher Größe wie das Project Christine wäre ein Razer-Monitor, nach dem viele User im Insider-Forum immer wieder verlangen. In Zeiten, in denen PCs und die Konsolen-Upgrades verstärkt auf 4K-Auflösungen und HDR setzen, wäre ein dezidiert an Spieler gerichtetes Ausgabegerät eine sinnvolle Erweiterung im Portfolio.
Auch im VR-Segment herrscht derzeit noch Goldrausch-Stimmung. Allerdings haben die großen Player den Käufern ihre Brillen schon auf die Nasen gesetzt. Überdies hat Razer in diese Richtung bereits vorgefühlt, indem sie das OSVR-Headset mitproduzieren. Dabei handelt es sich um ein Open-Source-VR-Headset, das sich in erster Linie an Entwickler und Bastler richtet. Ob es davon jemals eine finale Version für den Endverbraucher geben wird, ist bis dato nicht abzusehen.

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Auch wenn Eidolon nur ein Aprilscherz war, so abwegig ist der Gedanke nicht, dass Razer eine Drohne entwickelt.

Eine Drohne von Razer wäre sicherlich ebenfalls denkbar, hatte das Unternehmen schon 2014 die Eidolon vorgestellt. In einem knapp dreiminütigen Trailer wurde das Fluggerät ausgiebig vorgestellt – dummerweise aber ausgerechnet am 1. April. Schon der doppeldeutige Name „Eidolon“ wies auf den Fake hin: steht er doch zum einen für eine Gattung der Palmenflughunde, zum anderen im Griechischen für Trugbild. Außerdem wäre ausgerechnet Deutschland mit seinen strengen Richtlinien nicht die ideale Bühne für eine Flugshow dieser Art.

Unwahrscheinlich hingegen erscheint, dass Razer möglicherweise eine Kooperation mit einem Smartphone-Hersteller bekanntgeben will, einen 3D-Drucker vorstellt – wenngleich die Möglichkeit, sich einzelne Tasten für die Tastatur selbst zu drucken, sehr sexy klingt – oder aber eine Augmented-Reality-Lösung anbietet.

Also, was bleibt? Letztlich muss es sich bei dem Produkt um eine Größenordnung handeln, die Aufmerksamkeit generiert, und die eine eigene Pressekonferenz und deren Kosten rechtfertigt. Keynotes dauern ungefähr 60 Minuten. 20 bis 30 Minuten fallen davon auf Rückschau und Statistiken ab; gleichwohl muss das Produkt aber so groß sein, dass man damit die restlichen 20 bis 30 Minuten Präsentation füllen kann, in der die Leute erstmal nur Infos und Bilder bekommen. Und es muss den Umstand rechtfertigen, dass Journalisten dorthin fahren und von dort berichten. Immerhin findet die Veranstaltung an einem Donnerstagnachmittag statt, so dass die anwesende Presse mindestens einen Tag dafür einplanen muss. Das Project Christine hätte eventuell diese Relevanz und Kapazität, um seitens der Presse sagen zu können: Darüber müssen wir berichten. Aber das Problem hierbei: Im Vorfeld ist schlichtweg nichts bekannt. Die Informationshäppchen reichen nicht ansatzweise aus, um eine Prognose konkret in eine Richtung abzugeben.

Am 20. Oktober 2016 wissen wir mehr.

 

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