Kommentar von Dennis Kraus (aus der BACKSPIN MAG #112)

Längst hatte ich vergessen, was da vor ziemlich genau zwei Jahren passiert war.
Doch diesen Frühling hat es die Redaktion wieder eingeholt. Hudson Mohawke und Major Lazer waren in der Stadt. Natürlich hatte die BACKSPIN ein Interview mit Mohawke angefragt. Doch dann das. „Der Künstler wird der BACKSPIN aufgrund des Vorfalls vor zwei Jahren kein Interview geben“, ließ die betreuende Agentur wissen. Scheiße. Hintergrund der Absage sind die Leaks der Alben von ToddlaT und Thundercat. Im Frühling 2011 hatte Ninjatunes, lange vor Veröffentlichung, die beiden Alben an diverse Redaktionen verschicken lassen. So auch an einen Mitarbeiter der BACKSPIN (der im Übrigen kein Redakteur des Magazins ist, sondern der Anzeigenleiter). Die CDs waren mit Wasserzeichen versehen, die, sollten digitale Kopien dieser CDs im Netz landen, Rückschluss auf den Besitzer der Alben zulassen. Neben dem Vertrauen in die Redaktionen ist dies das einzige Mittel, mit dem sich die Labels bei Vorab-Bemusterungen vor Leaks schützen können. Letzten Endes aber müssen sie sich schlicht darauf verlassen, dass die bemusterten Redakteure auf die CDs aufpassen, dass der Postbote sie richtig zustellt, dass die Arbeiter in den CD-Kopierwerken nichts mitgehen lassen und so weiter und so fort. Und dann standen plötzlich diese beiden Alben im Internet – mit Wasserzeichen, die auf den BACKSPIN-Mitarbeiter hinwiesen. Für die Redaktion war das ein Super-GAU. Ein Sturm der Entrüstung brach über uns herein, diverse Medien berichteten. Einige nannten, Dank des Prangers auf der Website von Ninjatunes – gar den vollen Namen des vermeintlichen Übeltäters. Es gab ja auch keinen Grund, etwas anderes zu vermuten. Wasserzeichen lügen nicht. Im Büro schlugen wir die Hände über dem Kopf zusammen. Wie konnte das passieren? Wer ist das gewesen? Nie vorher war ein Album, das der BACKSPIN- Redaktion anvertraut worden war, in die falschen Hände gefallen. Niemals. Und dann das. Wir konnten es uns nicht erklären. Praktikanten? Ein Einbruch in unser Büro? War unser Netzwerk gehackt worden? Auf einmal schien nichts mehr unmöglich. Nur: Wenn da wer mit krimineller Energie zu Werke gegangen war, warum hat er dann nur diese beiden Alben geleakt? Hätten sich der oder die Täter mit ihrem Zugriff auf unveröffentlichte Musik brüsten wollen – es hätte, bei allem Respekt vor Toddla T und Thundercat, zu diesem Zeitpunkt durchaus größere, wichtigereAlben auf unseren Schreibtischen und Rechnern gegeben, die zu leaken diesen Typen mehr Fame gebracht hätten. Jedenfalls aus unserer Sicht. In den folgenden Wochen führte ich einige Telefonate um herauszufinden, wie oft watermarked CDs im Netz landen. Tatsächlich geschieht das öfter als ich mir zunächst vorgestellt hatte. Etwas beruhigend fand ich, dass einige Promoter und Labels bei diesem Thema relativ entspannt waren. Auch mit dem deutschen Promoter von Ninjatunes sprach ich. Der freilich war stinksauer. Aber was hätten wir tun können? Natürlich verdächtigten wir den einen oder anderen. Gut angefühlt hat sich das nicht. Und beweisen konnten wir nie irgendwas. Bis heute wissen wir nicht, wer die beiden Alben geleakt hat. Alles, was ich weiß ist, dass es mir für die Artists leid tut, dass so etwas überhaupt passiert ist – unabhängig davon, auf wessen Namen die Wasserzeichen deuten. Den Gedanken, Ninjatunes für das Nennen des Namens des vermeintlichen Leakers abzumahnen, um etwas Ruhe zu erzwingen, hatten wir bald wieder verworfen. Wir hofften, dass das Thema im Sande verlaufen würde. Zumal der Promoter von Ninjatunes der einzige ist, der uns nicht mehr bemustert. Alle anderen vertrauen uns weiter – und wir tun alles, um dem Vertrauen gerecht zu werden. Und dann kommt zwei Jahre später Hudson Mohawke in die Stadt und erinnert uns mit seinem Boykott an diese Geschichte. Nach anfänglichem Ärgernis ob der Absage machte sich bei mir schließlich Respekt für Mohawkes Haltung breit. Solidarität unter Musikern ist ja ein eher seltenes Gut. Das muss ich gutheißen – auch wenn die Solidarität sich in diesem Fall zu unseren Ungunsten geäußert hat und wir auf ein Interview mit diesem wichtigen Artist verzichten müssen. So bleibt am Ende die Hoffnung, dass es beim nächsten Mal mit dem Interview klappt. Es wäre ja auch eine gute Gelegenheit, unter anderem dieses Thema zu besprechen.

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