Hip-Hop darf Pop, findet euch damit ab!

„Kurze Frage, aber was hat das mit Rap zutun?“ schreibt uns ein wütender Facebook-User in die Kommentare. Naja, vielleicht gar nicht so viel. Aber was fällt denn dann bitte einem Hip-Hop Magazin wie uns ein, Worte über Künstler, die am Tellerrand mit Hip-Hop Elementen spielen, zu verlieren? Und warum findet Künstler-XY überhaupt in der Szene statt, wenn er doch keine extravaganten Flows an den Tag legt, nicht einmal Doppelreime zustande bringt und dann keine Geschichten vom Struggle auf der Straße erzählen kann? So schwingt es im Unterton mit. 

Ein leidiges Thema, ja. Aber die Scheuklappen gehören eben auch bei Hip-Hop-Fans zu den liebsten Accessoires. Als eine Kultur, die international mittlerweile über 40 Jahre auf dem Buckel hat, haben schon so einige Generationen von Jugendlichen durch Hip-Hop ihre musikalische Sozialisation erlebt. Und natürlich ist es verständlich, dass man sich nach den Zeiten zurücksehnt, in denen das eigene Leben von Unbeschwertheit und Freiheit geprägt war. Die greifbarste Verbindung dazu ist – mal abseits von Fotos – wohl die Musik, die diese Tage begleitete. Sich vor neuen Entwicklungen zu verschließen ist da durchaus legitim, am Ende ist Musikgeschmack vor allem nicht objektiv beurteilbar; jedem seine eigene Rap-Blase.

„Das ist nicht mein Hip-Hop, also ist es kein Hip-Hop!“ So ein Schwachsinn.

Aber mit den Kommentarspalten zeigte sich uns auch der Hate. „Das ist nicht mein Hip-Hop, also ist es kein Hip-Hop!“ So ein Schwachsinn. Denn in den 40 Jahren Hip-Hop Geschichte sind wir an einem Punkt angekommen, an dem sich das Musik-Genre von seinen Wurzeln löst. Von einem Subgenre, das dank der roughen Ausdrucksweise irgendwie immer gern außen vor gelassen wurde, ist man mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ja sogar das den Musikmarkt durch seine Innovationslust am meisten prägende Genre. Gerade letzteres lässt sich dem Hip-Hop von Beginn an zuschreiben. Gesucht wurde nicht immer der Weg des geringsten Widerstands, der des Andockens an Bestehendes. Kaum ein Pop-Musik-Stil hat sich in seiner bestehenden Zeit gleichzeitig so rasant über die ganze Welt ausgebreitet und sich dabei durch verschiedene kulturelle Vorprägungen so viel bestehende Musik einverleibt und damit weiterentwickelt.

Denn am Ende war Hip-Hop-Musik nie geprägt von dem “einen spezifischen Soundbild” – selbst wenn es unbestreitbar einen eindeutigen Ausgangspunkt gab – sondern von der Attitüde. Von dem Willen ohne Mittel etwas zu schaffen, von Rekontextualisierung und Adaption, von einer Revolution des Individuums. Gerade in Zeiten der Verbreitung übers Internet, der ultimativen Zugänglichkeit musikalischer Back-Kataloge und weltweitem Austausch von und über Künstler sind harte Genre-Grenzen ohnehin altbacken, schlichtes Wunschdenken in der eigenen, festgefahrenen Blase. Weltenwandler wird es bei dem musikalischen Input, dem eine aktuelle Künstler-Generation „ausgesetzt“ ist, immer geben. Genauso wie die, die sich schon im Heranwachsenden-Alter wohler in den Gefilden fühlen, die seit 30 Jahren bestehen. Das ist doch wunderbar.

Die Game-Changer von morgen werden sich nicht durch Skills, sondern durch Mut zum Aufweichen von Stil-Grenzen definieren.

Eben aus diesem Grund ist es auch vollkommen legitim, dass deutsche Künstler wie Rin, Bausa oder Cro und Casper (wahrscheinlich der König im Rekontextualisieren von Sounds und Texten) und co in Deutschland gleichzeitig im Pop wie im Hip-Hop angebunden sind. Mit RAF und Bonez oder der KMN Gang finden sich sogar gleich eine ganze Reihe “kredibiler” Acts im Pop-Business wieder, werden mit Awards, Gold- und Platinplatten überschüttet und beherrschen die Clubs im deutschsprachigen Raum. Und dieser Erfolg kommt nicht von irgendwoher. Mit “Palmen aus Plastik” wurde ein Sound-Experiment in Club-Richtung gewagt, dass vor den ursprünglichen Fans mit der Treue zur eigenen Künstler-Identität gerechtfertigt werden konnte – ein Schachzug, der bei vielen Nachzüglern des Stils leider auf der Strecke blieb. Aber genau das ist der Punkt. Am Ende braucht es den einen, von der eigenen Kreativität getriebenen Innovator. Seien es nun RAF & Bonez, KitschKrieg, Rin und Yung hurn oder Haftbefehl. Die spannendsten und wichtigsten Hip-Hop Künstler der letzten Jahre waren eben die, die mit Normen gebrochen haben, die Deutschrap-Neuland betreten haben. Hört man in die Breakthrough-Projekte eben dieser Künstler, dann sucht man Kalkül vergebens.

Erklärter Feind war Pop eigentlich selten aufgrund der Musik, sondern aufgrund der Abläufe hinter ihrer Entstehung.

Deshalb darf ein Hip-Hop-Album anno 2018 auch neue Experimente mit eingängigen oder ungewöhnlichen Sounds wagen. Anleihen aus Synthie-Pop, Indie-Rock oder Techno, Dada-Auftreten inklusive 45 Wiederholungen des selben Satzes oder einfach mal einen komplett gesungenen Track bedeuten nicht gleich den “Verrat” der Roots. Das Flow- und Technik-Game ist nun mal mittlerweile durchgespielt, die Game-Changer von morgen werden sich nicht durch Skills, sondern durch Mut zum Aufweichen von Stil-Grenzen definieren. Ein Weg, der mit der Selbstschaffung einer polymorphen Deutschrap-Szene von Künstlern wie Marteria, Casper oder Peter Fox nach der ersten großen Flaute erschlossen und nun Stück für Stück weiter ausgebaut wurde. Fast verwunderlich, dass der Pop-Begriff an sich nach so vielen Grenzgänger-Projekten in der Hip-Hop-Szene noch immer derart vorbelastet ist. Immerhin umfasst dieses kurze Wort so einiges mehr als die Mark Forsters, die uns die lokalen Radio-Stationen Tag für Tag um die Ohren jagen, sondern bündelt all das, was aus den vergangenen 80 Jahren Jugendkultur auf musikalischer Ebene hervorgegangen ist. 

Erklärter Feind war Pop eigentlich selten aufgrund der Musik, sondern aufgrund der Abläufe hinter ihrer Entstehung. Wegen extern konstruierter Künstler-Fassaden, Songwriting-Camps, ja wegen eines kühlen Kalküls, einfach wegen fehlender Echtheit. Und wenn du real bist – und das heißt nicht zwingend mit Straßen-Vergangenheit, sondern unmittelbar aus dem Leben und von eigenen Erfahrungen erzählend, ob nun im Block oder im Kleinstadt-Reihenhaus – dann kannst du verdammtnochma Pop-Musik unter’m Hip-Hop-Deckmantel machen. Es braucht nur ein bisschen Mut. Das Ganze ist eben mehr als nur RAP.

Vielleicht sollten wir die Scheuklappen einfach lockern und uns alle etwas näher zusammenrücken. Peace Out.

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Ich kann quasi nur über Musik reden...

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