Kommentar: Falk Schacht (aus der BACKSPIN MAG #110)

 

Dieser Verlag macht ein Jugendmagazin, also müssen sie auch wissen, wie die Jugend tickt. Nur irgendwie seltsam, dass sich genau nach der Schließung der Bravo HipHop Special Cro insgesamt 5 Wochen lang auf Platz eins der Charts halten konnte. Und danach kam dann gleich noch Max Herre hinterher. Und jetzt, wo ich das schreibe, sind Nazar und die 257ers in den deutschen Top Ten, davor die Woche war Eko Fresh in den Top 10. Geht das nur mir so, oder passt da was nicht zusammen? Natürlich hat der Verlag die Zeitung eingestellt, weil die Verkaufszahlen gesunken sind. Aber kann es sein, dass die Schlussfolgerung des Verlages, dass die Auflage sank, weil Hip-Hop wieder mal tot ist, nichts weiter ist als eine miese Ausrede? Eine, die vom eigentlichen Grund für die gesunkene Auflage ablenken soll?

Wenn man sich alle Ausgaben der Bravo HipHop Special anschaut, wird einem schnell klar, dass dieses Magazin eigentlich kein Hip-Hop-Magazin war, sondern immer ein Bushido– und Sido-Magazin. Die Eminem, 50 Cent, 2Pac und Dr.Dre-Cover können wir ignorieren, denn entweder haben diese Leute die letzten Jahre an Bedeutung verloren, oder bringen nichts raus oder sind tot. Die einzigen, die in dieser Zeit immer relevant bei den Lesern waren, sind Bushido und Sido. Aber dann kam es vor ca. 2 Jahren zum Bruch zwischen dem Magazin und beiden Künstlern. Sido sagte „Wenn ihr Hip-Hop liebt, kauft ihr nie wieder eine HipHop Bravo. Ich rufe alle auf euch zu boykottieren…DRECKSHEFT!!!!!“.

Bushido sagte Ähnliches, und beide fingen an, das Magazin zu boykottieren. Keine Homestorys mehr, keine Beef-Geschichten mehr und vor allem keine Cover-Shootings mehr. Wenn man sich jetzt die Verkaufszahlen der letzten zwei Jahre anschaut, dann wird schnell klar, dass die Auflage seit dem Boykott um fast die Hälfte eingebrochen ist. Nur: wie verbockt man es sich als Magazin mit seinen beiden wichtigsten Partnern? Eventuell wirft ein Beispiel, wie man bei dem Magazin hinter den Kulissen gearbeitet hat, ein neues Licht auf die unterschiedlichen Herangehensweisen der Redaktion was die Themen betrifft. In der letzten Ausgabe der Bravo HipHop Special war eine Review zum Cro-Album. Darin wurde das Album komplett auseinander genommen. Problem war nur, das Album wurde niemals an die Redaktion geschickt. Sie hatten eine Review erfunden. Das eigentlich Lustige daran ist, das der Chefredakteur der Bravo HipHop Special inzwischen der Chefredakteur der normalen Bravo ist. Und, upps, nachdem Cro ein paar Wochen auf der Nummer 1 der Album Charts verbrachte, ziert er plötzlich das normale Bravo-Cover. Diese Form der Berichterstattung könnte man zumindest als fragwürdig bezeichnen. Geht es doch anscheinend eher darum, Themen so zu verarbeiten, dass sie eine bestimmte Klientel ansprechen, und nicht darum, einen eigenen journalistisch möglichst objektiven Standpunkt darzulegen. Nennt mich altmodisch, aber ich verabscheue diese Form von Journalismus. Die Sprecherin des Verlages sagte noch abschließend zur Schließung „News und Storys über die angesagtesten Rap-Artists wird es ab jetzt verstärkt in Bravo geben.“

Ja, das ist doch super, im Hauptheft versucht man dann jetzt, die netten Hip-Hopper zu verarbeiten, während man das Heft über den bösen Hip-Hop zu Tode geritten hat. Am Ende geht es einzig und allein nur um den Profit. Es geht niemals um die Fans oder die Künstler oder die Hip-Hop-Kultur. Das ist alles egal für diese Leute. Und deshalb ist es auch nicht schade, dass das Heft geschlossen wurde.

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