„Die Große Zeit des Hip-Hops ist vorbei.“ – Es lebe der Hip-Hop!

Kommentar Bravo

Genau fünf Jahre ist es her, seitdem die Deutsch-Journalismus-Institution Bravo Hip-Hop Special ihre Pforten geschlossen hat. Seit 2005 hatte sie die fleißigen Leser mit Informationen rund um Gossip, Beef und Outfitchecks bespeist, bis es dann im verflixten siebten Jahr zu Ende ging. Die Begründung dafür klang für viele Rapfans fast wie Hohn. “Die große Zeit des deutschen HipHops mit großen, in der jungen Zielgruppe stark angesagten Akteuren wie Bushido, Sido usw. ist vorbei.“ Diese Aussage wurde in dem Jahr getroffen, in dem Cros Debüt „Raop“ jegliche Kassenrekorde gebrochen hat, was in der Retrospektive nur der Anfang von dem war, was Deutschrap heute ist.Kommentar Bravo

Ironischerweise war genau das Album des Pandas ein weiterer Nagel im Sarg, der sich letztendlich für die Bravo geschlossen hat. Anfang Juni 2012, im Heft 04/12 tauchte eine Review zu „Raop“ in der Bravo auf, die an dem Album kein gutes Haar ließ. „Hinter den Erwartungen geblieben“ sei es, heißt es da. Die Crux: durch ein offizielles Statement von Chimperator und Groove Attack wurde es bekannt, dass die Bravo nie ein Exemplar zur Bemusterung erhalten hat, die Review also komplett aus den Fingern gesogen war. Diese Art von Journalismus ist die Versinnbildlichung der Herangehensweise, mit der das Magazin so lange erfolgreich war. Mehr reißerische Themen, „Schusswunden-Checks“, oder das x-te Bushido oder Sido Interview, weniger fundierte Recherche und tatsächlicher Inhalt. Die beiden Berliner waren auch immer schon tragende Säulen  der Zeitschrift gewesen, was sich durch etliche Cover der beiden manifestierte. Als Sido im Februar 2011 mit dem Tweet “ WENN IHR HIPHOP LIEBT, KAUFT IHR NIE WIEDER EINE @bravohiphop … opferverein!!!!!“ zum Boykott gegen die Bravo aufrief und Bushido dies noch bestärkte, war das Schicksal der Bravo eigentlich schon besiegelt. Während sie im zweiten Quartal 2008 noch über 65.000 verkaufte Einheiten vorweisen konnte, war die Zahl 2012 auf ca. 35000 gesunken. 

Ein weiteres Argument, welches die Bravo als Begründung anführte, lautete: “ US-Rapper wie Eminem und 50 Cent , die in der breiten Fangemeinde akzeptiert sind, seien derzeit kaum aktiv „. Vielleicht hätte man sich Abseits der Rapper, die seit mehreren Jahren aktiv sind, auch mal nach links und rechts umschauen müssen, um zu sehen, dass kurz zuvor Alben wie „Take Care“ von Drake oder „Careless World: Rise of the Last King“ von Tyga erschienen sind. Take Care war das 3. meistverkaufte Album des Jahres und reihte sich als eines der einzigen Rapalben zwischen Popgrößen wie Adele oder Michael Bublé ein. Kaum aktiv klingt anders. 

Insgesamt ist seit 2012 so dermaßen viel im Hip-Hop passiert, dass die Aufzählung vier Bücher füllen könnte. Meilensteine sind zum Beispiel „Russisch Roulette“, dem Klassiker von Haftbefehl, der im November 2014, zwei Jahre nach „dem Ende von Hip-Hop“ das Licht der Welt erblickte. Durch seine Wortwahl, die Delivery und seine Flows schaffte er es in seiner Karriere, Deutschrap einen neuen, nie dagewesenen Weg zu ebnen, der bis heute bewandert wird. Ein anderes Paradebeispiel ist das Kollaboprojekt von Bonez und Raf Camora, „Palmen aus Plastik“, welches inzwischen mit Platin ausgezeichnet ist, also 200.000 verkaufte Einheiten vorweisen kann und dabei die Soundvorlage für eine ganze Generation lieferte. Auch wäre es 2012 wohl nicht denkbar gewesen, dass ein Kanacke aus Dortmund mit „Kokaina“ den Autotune-beladenen Hit des Jahres liefert, und dabei mal eben das zweit meistgeklickte Deutschrap-Video auf YouTube ist.

Währenddessen lässt Drake in den USA mit Afrikanischen Rhythmen die Clubs beben und  Macklemore und Ryan Lewis bringen selbst die ü40-Generation mit ihren Hits auf die Tanzfläche. Das ist natürlich nur ein Querschnitt von all dem, was seit dem „Sterben“ von Hip-Hop passiert ist. Totgesagte leben bekanntlich länger.

Als selbsternanntes Hip-Hop Magazin, die Aussage zu treffen, dass „Die Große Zeit des deutschen Hip-Hops vorbei ist“ ist ungefähr so treffend, wie die „Wendy“ einzustellen, weil ja jetzt alle Auto fahren. Rapdeutschland und deren Fans haben auf dieses voreilige Begräbnis von Hip-Hop aber bestens reagiert: Sieht man sich an, was seitdem passiert ist, könnte die Prognose der Bravo falscher kaum sein: Das Florieren einiger Labels à la Selfmade Records, den Azzlackz oder Banger Musik und die daraus hervorgebrachten Künstler.  den fast schon garantierten Charterfolg von bekannten Rappern oder die schiere Artenvielfalt, die Deutschrap inzwischen zu bieten hat. Von Shindy über Spongebozz bis zu Xatar: Für jeden Künstler gibt es eine Masse an Fans, die jegliche Informationen über ihre Idole aufsaugt. Das Einführen des Deluxe-Box-Games, was inzwischen jeder Rapper gemeistert hat oder das Dominieren von Streaming-Diensten, was seinen eindrucksvollen Zenit in  Millionen(!!!) Streams von dem neuen 187 Strassenbande „Sampler 4“ an einem Tag findet. Rapdeutschland trauert der Bravo nicht hinterher, und frei nach Wilhelm Liebknecht  heißt es: „Hip-Hop ist tot. Es lebe der Hip-Hop!“

The following two tabs change content below.

2 Comments

  1. Melody

    21. September 2018 at 11:36

    Nicht nur der kommerzielle Hip Hop hat sich seit 2012 vervielfacht. Auch durch immer mehr Hip Hop Projekte für Jugendliche aller Hintergründe wird die Zukunft des deutschen Hip Hop immer bunter und vielfältiger.

    Keine Sorge, die neue Generation der Hip Hop Künstler, kömmte ihr euch schon bei X-Vision Ruhr und Konsorten anschauen. Noch mit freiem Eintritt. ;D

  2. ProfGriff

    22. Juli 2017 at 10:09

    Jetzt heißts halt hiphopde

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.