Kommentar (aus BACKSPIN #118)

Eigentlich wollte ich mich in dieser Ausgabe einem homosexuellen Künstler widmen. Inspiriert war das Ganze von einem Interview der New Yorker Radiostation Hot 97 mit MC Lyte. Voller Begeisterung erzählt Lytro über ihre Arbeit mit jungen Künstlern. Wie so oft wird sie auch auf ihre mögliche Homosexualität angesprochen. Wie gewohnt hält sich Lyte in dieser Sache bedeckt. Konkreter wurde die Frage nach dem Kinderwunsch. Könne sich Lyte eigene Kinder vorstellen? Was für eine Keule von Hot 97! Als Betrachter des Interviews hat es mich bei dieser Frage mindestens genauso zerlegt wie MC Lyte. Bumm! Das hat gesessen. Lyte hat wie gewohnt souverän geantwortet. Aktuell wäre es nicht ihr oberstes Ziel, Mutter zu werden. Sie sei erst ein- mal auf der Suche nach einem vertrauenswür-digen Partner.

Mir reichte das nicht. Ich wollte mehr wissen, mich mit einer oder einem Homosexuellen über Kinder unterhalten.

Dafür hatte ich zwei interessante Gesprächspartner am Start. Der eine war ein Vertreter der ganz frühen Schule von Hip-Hop in Deutschland gewesen. Ein Elternteil war ein in Bayern stationierter G.I. Weiter hätten wir in der Geschichte wirklich nicht zurückgehen können. Der andere Gesprächspartner war eine super smarte Dame aus dem Norden der Republik, die – so hat man mir erzählt – Boom Bap mit Löffeln gefressen hat. Ich war also Feuer und Flamme, mein Fragenkatalog zwei Seiten lang. Aber es kam anders. Die Interviewakquise entwickelte sich zu einem

Tauziehen. Entweder haben sich meine Interviewpartner taub gestellt oder wir haben uns ganz allgemein über Homosexualität ausgetauscht.

So war zum Beispiel die New Yorker Dance- teria, einer der ganz frühen Klubs, in denen Hip- Hop laufen lernte, eine der Top-Adressen für Homosexuelle. Eigentlich gab es insgesamt drei Danceterias. Die zweite war der Gay-Klub, die dritte der Hip-Hop-Spot. Wie die Punk-Bewegung und wie Hip-Hop emanzipierten sich die Homo- sexuellen. Subkulturen entwickelten sich parallel zueinander und verschmolzen unterwegs auf irgendeine Weise wieder miteinander. Dies war natürlich dem Umstand geschuldet, dass die Subkulturen zur gleichen Zeit und am gleichen Ort stattfanden: in einer großen Metropole wie New York City. Aber auch andere Metropolen wie Los Angeles und die Bay Area waren hiervon betroffen. Die Beastie Boys kamen als Punkband aus diesem Schmelztiegel – genauso wie der König der Gay-Rap-Szene: Man Parrish. Im Zuge meiner Akquise hat ein Bekannter Man Parrish diesen Titel aufgedrückt und ich finde, er passt ganz gut. Schon im Jahr 1995 hat der leider bereits verstorbene Mentor von Grandmaster Flash, Kev Dog, die Bedeutung von Man Parrish he- rausgestellt. Niemand zweifelt daran, dass Keith Cowboy von den Furious Five für die namensgebende Phrase „To the hip hop, you don’t stop“ steht. Man Parrish habe diese Phrase laut Kev Dog mit seiner Hitsingle „Hip Hop, Be Bop (Don’t Stop)“ zementiert und unserer Kultur endgültig ihren Namen verliehen. Wie MC Lyte wird Afrika Bambaataa ebenfalls alle Tage wieder in Verbindung mit Homosexualität gebracht. Schaut man

sich die Outfits der frühen Rap-Stars an, sind The Village People („YMCA“) nicht weit weg. Pop-Art fand sich auf den Covern von Cindy Laupers Band Blue Angel wieder wie der Safe-Sex-Protagonist Keith Haring in Büchern, die sich mit der Entwicklung des Stylewriting beschäftigten. Für mich ist das alles kein Zufall. Und zeitgleich grölt das Publikum mit Kool Savas „Alle MCs sind schwul in Deutschland!“ Ist das vielleicht dem Umstand geschuldet, dass das Fundament der Kultur, in der wir uns bewegen, von Homosexu- ellen genauso mitgetragen wurde wie von den vielen anderen Einflüssen, die sich im Hip-Hop wieder finden? Immer wieder wird Hip-Hop mit „Ultra-Macho-Fickern“ assoziiert. Damit ist doch wohl klar, dass ein Coming-out das Letzte ist, was diese Kultur gebrauchen kann. Renditen würden ausbleiben und die maskulinsten Vertreter des Rap würden unverblümt zart dastehen wie die Madonna von Leonardo da Vinci. Warum fällt mir da gerade „Ruffneck“ von MC Lyte ein?

Für meine Interviewakquise habe ich sogar eine ungewohnt lange Reise auf mich genommen. Bewusst habe ich einen Rucksack spartanisch gepackt und ein Billigticket gelöst wie ein 16-Jähriger. Hip-Hop war mein Motor. Die Fahrt ging ins Ungewisse. Haben meine Kontakte vor Ort Zeit für mich? Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Treffe ich neue Leute und bringe ich Interviews mit nach Hause? Zwölf Stunden saß ich im Zug. Derezon holte mich in Berlin vom Bahnhof ab. Wie vor zwanzig Jahren, mit einem Zweitürer. Mensch, war ich glücklich! Wenige Stunden später, um Mitternacht, stand ich dann auch schon am Ziel meiner Reise: in einem spartanischen Kreuzberger Kellerklub. Das war diese Art von Klub, in der wir in den Neunzigern die steilsten Partys feierten. Der erste Floor war etwas weitläufiger, mit Rückzugsmöglichkeiten. Dort unterhielt ich mich mit KCL aus Kopenhagen über die schöne alte Zeit und wie wir unser Lebensgefühl ins Heute übertragen. DJ Reezm aus Zürich war am Mix. Das Publikum war eine bunte Mischung aus eigentlich ganz angenehmen Leuten. Eigentlich. Eine Dame, die alle Vorurteile vereinte, die man Lesben unterstellen kann, fauchte mich an. Ich hätte sie mit meinem Rucksack berührt. Tat mir leid. Das war nun einmal meine Verkleidung in dieser Nacht. Anders als früher war ich der Einzige, der an diesem Abend Rucksack trug. Das Kapitel der Backpacker gehört der Vergangenheit an. Dermaßen aggressiv aus meiner Traumwelt gerissen, verkroch ich mich auf den zweiten Floor, den man mangels Tür nur im Limbo erreicht. Hier brannte die Luft. Die Leute tanzten sich den Teufel aus dem Leib, zappelten umher, als wurde Koks satt gereicht. Körper an Körper, die Leiber schweißgeba- det. Marc Hype von Dusty Donuts heizte ein. Klemens von Rap History, ein Lächeln auf den Lippen, sortierte seine Platten. Torch versuchte, sich höflich einer dieser überdrehten Damen zu entledigen, denen Hype gerade den Verstand raubte. Ich sah Blacky. Wir stellten uns in die letzte freie Ecke und hielten uns an einer Flasche Bier fest. Wollte ich nicht Interviews führen? Meine Interviewpartner sollte ich in dieser Nacht nicht mehr wieder finden. Entweder legten sie Platten auf oder standen umringt von interessanten Gesprächspartnern in Grüppchen. Wir hatten Spaß. Wir waren eine Familie. Es herrschte Frieden.

Am Rand erwähnt – ich will zum Thema zurück – wimmelte der Klub von Homosexuellen. Beim überwiegenden Teil war es mir allerdings unmöglich, herauszufinden, in welcher Liga sie spielten. Diejenigen, die ich mit gleichgeschlechtlichen Partnern im Bett sah, hatten Mann und Kind zu Hause. Ätsch, Eigentor! Interviews kamen in dieser Nacht keine zustande. Vielleicht war es das Ziel meiner Interviewpartnerin, mich nach Berlin in ihren Klub zu locken? Ich sollte die Atmosphäre einfangen. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Sie hatte Ihr Ziel erreicht.

Völlig übermüdet fand ich mich morgens um sechs im Zug wieder. An schlafen war nicht zu denken. Die Gedanken ratterten wie der Zug auf den Gleisen. Wie komme ich nun an mein Interview? Zurück zu Hau- se war mir klar, dass es dieses Interview gar nicht braucht. Weshalb soll man über die normalste Sache der Welt reden? In meiner Vergangenheit hatte ich immer wieder mit Homosexuellen zu tun. Ihre Homosexualität kam dabei allerdings nie zur Sprache. Warum auch? Es gibt

wesentlich interessantere Aspekte an Menschen als ihre sexuelle Ausrichtung. Schon 1994 interviewten wir den Briten She für unser kleines Yard-Magazin. Zeitgleich outete sich mein Ziehvater von der Berliner SWAT-Posse als Homosexueller. Wo lag das Problem? Die wenigen Fra- gen, die offen blieben, habe ich gestellt und meine Antworten bekommen. Jeder ist anders. Jeder geht anders mit seiner Sexualität um. Ein Mittzwanziger setzt seine Prioritäten anders ein Vierzigjähriger. Komisch, oder? Genau die gleiche Antwort bekam ich von meinen gesuchten Interviewpartnern auf die Frage, wie wichtig ihnen das Coming-out war. Und genau die gleiche Antwort gab MC Lyte auf die Frage von Hot 97 zu ihrem Kinderwunsch. Ich habe also meine Antwort gefunden: Heutzutage ist es egal, wie man ist. Hauptsache, man ist glücklich. B

Text: Sasha Weigl

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