Unsere Abwehrhaltung steht uns selbst im Weg.

Ja, es geht schon wieder um die Echoverleihung, Kollegah, Farid Bang und Campino. Was in dieser Diskussion unterzugehen droht, ist der Umgang von uns als ganzer Hip-Hop-Szene mit dem Problem. Nur eine Hand voll Rapper wie die Antilopen Gang melden sich konstruktiv zu Wort. Ein Summer Cem findet den richtigen Ton in dem er sich zumindest über die Einigkeit der Szene freut, Bushido filetiert die Geissens für ihren Nonsense. Aber das reicht noch nicht.

Alle sprechen über Grenzen der Kunstfreiheit. Das geht am eigentlichen Problem – nämlich der Frage nach einer Unterscheidung von Kunstfigur und Künstler – vorbei. Weil die Diskussion, wie Dennis Sand in seinem Kommentar für die Welt gut auf den Punkt bringt, „von Anfang an falsch geführt wurde“. Über einzelne Zeilen zu diskutieren, verfehlt den Sinn. Es werden die falschen Anschuldigungen getätigt, es folgen die falschen Verteidigungsreaktionen. Kaum jemand blickt über den Tellerrand.

Kunst und Satire dürfen erstmal alles, so sagt es die wahre Floskel. Künstler aber nicht. Auf seinen Social Media-Kanälen verrennt sich Kollegah in Medien-Verschwörungstheorien und spielt die Vorwürfe gegen sein Musikvideo „Apokalypse“ (siehe WDR-Doku „Die dunkle Seite des Deutschrap“) herunter. Bei der Rechtfertigung bleibt ein elementarer Punkt auf der Strecke: Diskriminierung findet nicht immer mit ihr als Intention, sondern auch im in Kauf genommenen Interpretationsspielraum statt.

Dass aber überhaupt debattiert wird, ist richtig. Die Intention von Campinos Engagement in dieser Sache war prinzipiell auch richtig, selbst wenn er in seiner Rede den Kern der Sache inhaltlich genauso verfehlt. Der Wille, Tacheles zu reden, den konstruktiven, öffentlichen Diskurs zu suchen, hat aber immer seine Berechtigung. Verschwörungstheorien und antisemitische Stereotype haben doch nichts mit Jugendkultur oder Hip-Hop zu tun, sondern mit Gesellschaft.

 

Diskriminierung findet nicht immer mit ihr als Intention, sondern auch im in Kauf genommenen Interpretationsspielraum statt.

 

Der Echo mag zwar antiquiert sein. Die Tatsache, dass erst jetzt, wo der Skandal schon hochgekocht ist, ernsthaft über Änderungen des seit Jahren kritisierten Systems – von dem Deutschrap in der öffentlichen Wahrnehmung dank des kommerziellen Erfolgs in den letzten Jahren übrigens selbst noch an Relevanz gewonnen hat – nachgedacht wird und das, obwohl JBG zuvor noch vom Ethik-Beirat durchgewunken wurde, zeigt, wie er am Boden liegt. Die Aufmerksamkeit, die sich auf die Veranstaltung richtet, ist trotzdem in zahlreiche Richtungen gestreut. Das bietet für eine ernsthafte Diskussion noch immer mehr Raum, als die Instagram-Seiten der einzelnen betroffenen Parteien.

Kollegahs Entgegnung auf der Verleihung, man wolle doch nur einen schönen Abend zusammen haben und feiern, wirkt, als wolle er sich der Problematik entziehen, um bloß die Komfort-Zone der eigenen Kanäle nicht verlassen zu müssen. Kollegah verfehlt die Chance, die große Aufmerksamkeit zu nutzen. Dabei wäre es vielleicht nur nötig gewesen, bereits Gesagtes zu wiederholen und damit einem Verhärten der Fronten, wie es aktuell stattfindet, entgegenzuwirken.

Diskriminierung und Verschwörungstheorien durch Äußerungen von Künstlern und das daraus eventuell resultierende Nachplappern von Fans gehört nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in der Öffentlichkeit diskutiert. Vor allem öffentlich innerhalb der Hip-Hop-Szene. Dass der WDR mit der wirklich sehenswerten Doku einen Diskussionsanstoß gibt, ist auf der einen Seite lobenswert, ärgert auf der anderen Seite allerdings, da wir es als „die größte Jugendkultur“ nicht schaffen, diesen Diskurs von selbst in Gang zu bringen. Sicherlich könnten Gespräche über Grenzen und das Verschwimmen dieser zwischen Kunstfiguren und Künstlern viel sinnvoller geführt werden, wenn auch Battle-Rap und dessen Freiheiten auf allen Seiten als gegeben angesehen werden würden. Das hieße nicht pauschal die Gegenpositionierung zu Kollegah, auch das wäre zu einfach. Mit dem Einschießen auf einzelne Problemfiguren landen wir schnell bei einer „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“-bedingten Flaute in der Diskussion.

 

Verschwörungstheorien und antisemitische Stereotype haben doch nichts mit Jugendkultur oder Hip-Hop zu tun, sondern mit Gesellschaft.

 

Gesellschaftliche Probleme einfach hinzunehmen, da die Gesellschaft sie hinnimmt, ist keine zufriedenstellende Lösung. Hip-Hop ist natürlich ein Spiegel der Gesellschaft, gestaltet diese aber auch mit – und das aktuell so massenwirksam wie nie zuvor. Es ist viel sinnvoller, dann mit gutem Beispiel voranzugehen und den Dialog anzubieten.

Das gilt für Rapper, für uns Szene-Medien wie BACKSPIN und am Ende auch für Fans. Sich durch die im Fall der WDR-Doku berechtigt geübten Kritik gleich geeint angegriffen zu fühlen und in Abwehrhaltung zu gehen, damit drängt sich Deutschrap selbst weiter in die Ecke, in die er sich von der Boulevard-Presse gedrängt fühlt.

Ist man aufrichtig, müsste jedem klar sein, dass die Diskussion, die wir brauchen, von unserer Seite über „Antisemitismus gibt es  im Deutschrap nicht“-Rufe hinausgehen muss. Diskriminierung irgendeiner Art zu leugnen, hat noch nie geholfen.

Diese ganze Debatte zeigt, wie viel wir noch vor uns haben, wenn wir in der Gesellschaft nicht mehr die immer gleichen Diskussionen über Hip-Hop und seine künstlerischmoralischen Grenzgänge führen wollen.

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