Illuminati, Pyramiden, 666 – Warum Rapper (wirklich) mit okkulten Symbolen spielen

Über Rap und Verschwörungstheorien wurde schon viel geschrieben. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem mal weniger, meist mehr abstrusem Unsinn, den Rapper in Interviews von sich geben. Dazu wurde alles wichtige schon mehrfach gesagt (s/o Skinny). Auch wenn die Anlässe dafür leider nie auszugehen scheinen… Doch dieser Text dreht sich viel mehr um die nicht weniger abstrusen Theorien, die andere Leute über Rapper aufstellen. Rapper als Teil der sagenumwobenen Illuminati, als Satanisten oder Marionetten einer geheimen Elite, die im stillen Kämmerlein die Welt regiert.

Es kommt mir vor wie ein alter Hut. Doch es scheint sich wohl zu einer Tradition zu entwickeln, dass Rapfans in regelmäßigen Abständen den Verstand verlieren. Dann werden Musikvideos auf Handzeichen abgescannt, wirre Zahlencodes entschlüsselt oder sogar Platten rückwärts abgespielt, um die ‚versteckten Botschaften‘ der Illuminati zu finden. Ich weiß noch, wie ich das vor rund zehn Jahren selbst getan habe und total faszinierend fand. Ich würde auch lügen, wenn ich sage, dass mich das nicht interessieren oder unterhalten würde. Gefährlich wird es aber dann, wenn man diese Videos nicht mehr als Unterhaltung oder höchstens als semi-seriöse Quelle für die Bedeutung bestimmter Symbole begreift. Sondern die dort oft gezogenen Schlüsse – Rapper X ist Teil von bösem Y – als Wahrheit empfindet. Sei es aus altersbedingter Naivität, Faulheit, selbst zu denken oder schlicht Unwissenheit. Momentan z.B. zu beobachten bei Haftbefehls Video zu „RADW“, wo er seine Hände zu einer Pyramide formt und dafür sorgt, dass sich Youtube-Deutschland die Finger wund tippt und die Illuminati-Keule schwingt.

Warum die ganze Aufregung? 

Wo ist das Problem? Wer oder was sind die Illuminaten? Eigentlich ist die Historie des Illuminatenordens gar nicht so spannend. 1776 von Adam Weishaupt gegründet, war er einer von vielen aufklärerischen Geheimbünden dieser Zeit. Was den Illuminatenorden von anderen unterschied war, dass er nicht durch eine gewaltvolle Revolution etwas an den bestehenden Verhältnissen ändern wollte, sondern im Stillen. Nach und nach wollte man wichtige Positionen im Staatsapparat besetzen und so langfristig eine Änderung erreichen. Um das zu schaffen, warb man viele einflussreiche Leute an und besonders von einem anderen bekannten Geheimbund, den Freimaurern, ab (Funfact: Zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe). Mit wachsendem Erfolg, wurde es immer chaotischer und der irgendwann gar nicht mehr so geheime Bund 1784 verboten. Da sich die Illuminaten jedoch nie offiziell aufgelöst haben, gibt es bis heute zahlreiche Mythen und Legenden um sie. Dass sie nie wirklich aufgehört hätten und heute die geheimen Drahtzieher dieser Welt wären. Auch der Erfolgsautor Dan Brown trug mit seinen Romanen viel zum neu auflebenden Mythos der Illuminati bei. Auf Youtube gibt es unzählige, vermeintliche „Aufklärungsvideos“ zu dem Thema. Nicht selten driften die dort aufgestellten Theorien früher oder später auch in lupenreinen Antisemitismus und das Klischee des ‚raffgierigen Juden‘ ab. Das macht das Thema in Teilen sehr gefährlich. Doch was hat Deutschrap damit zu tun? 

Einige deutsche Rapper spielen hin und wieder mit okkulter Symbolik, machen mysteriöse Andeutungen in ihren Texten oder inszenieren sich als Teil einer solchen Geheimgesellschaft. Dadurch werden sie auf manchen Kanälen ebenfalls Teil dieser „Aufklärungsvideos“ und sollen in die vermeintliche Weltverschwörung involviert sein. Dabei ist der Grund, warum Rapper damit spielen eigentlich so simpel wie logisch. Oder zumindest nicht weniger wahrscheinlich als die Theorien um Rapper in Geheimbünden. Grundsätzlich gibt es zwei Motive: Aufmerksamkeit generieren oder die Symbole als Stilmittel einsetzen.

Trau keiner Promo

Stumpf, aber wirksam. Rapper merken, dass über andere Rapper, die solche Symbole in ihre Videos packen, gesprochen wird. Einschlägige Youtube-Kanäle machen Videos über ihr Video und ihr Video bekommt mehr Kommentare, weil etliche Jünger der Erleuchteten ein „Illuminati confirmed“ o.Ä. da lassen. Das ist gut für den Algorithmus und damit auch für den Geldbeutel. Durch die wachsende Popularität dieser Youtube-Kanäle, nimmt auch der Aspekt des Trollens eine entscheidende Rolle ein. Rapper oder Videoregisseure kennen diese Kanäle natürlich auch. Lachen ggf. auch gerne über die dort getätigten Aussagen und Theorien um ihre Person. Da ist es doch ein Leichtes, hier mal eine Pyramide zu formen, dort mal eine 666 an der Wand zu platzieren, um ein bisschen zu triggern. Der Erleuchtete hat Content, der Betroffene was zu lachen und staubt nebenbei noch ein paar Klicks ab.

Sido z.B. sagte kürzlich in seinem Livestream, dass es Bushido und ihm bei ihrem gemeinsamen Album „23“ hauptsächlich darum ging, Verschwörungstheoretiker zu triggern, um sich über sie zu amüsieren. Darum der Titel – die Zahl 23 gilt als die Zahl der Illuminati. Darum die Eule auf dem Cover – die Eule hat zahlreiche Bedeutungen in Mythologie und Aberglaube. Von Glücksbringerin, Unglücksbringerin und Todesbotin bis zum dämonischen Teufelsvogel ist alles dabei. Zentral ist in diesem Zusammenhang allerdings die Rolle als Symbol für Weisheit in Form der Eule der Minerva. Diese benutzte der Illuminatenorden als Symbol. Auch die Verschwörungstheorien rund um den Bohemian Club spielen hier eine Rolle. Dabei geht es im Wesentlichen darum, dass sich eine Gruppe mächtiger Leute im Bohemian Grove, einem Gelände in Kalifornien, unter Ausschluss der Öffentlichkeit trifft. Neben Spekulationen um geheime Absprachen in Sachen Weltpolitik, sollen dort auch verschiedene Rituale praktiziert werden. Unter anderem das Anbeten einer Eule. Eine Menge Stoff, auf den sich die Verschwörungstheoretiker bei dem Cover stürzen konnten. Dazu kam noch das Video zu „So mach ich es“ von Specter, bei dem eine Art Aufnahmeritual der Illuminati nachgespielt wurde und überall Symbole und natürlich die Zahl 23 platziert wurden.

Weniger durchdacht, aber mit einem ähnlichen Motiv entstand wohl auch Farid Bangs neues Video zu „Nador City Gang“. Während bei „23“ noch ein Konzept erkennbar war, wirken die Symbole bei Farid völlig willkürlich eingestreut und fast schon deplatziert. Ohne jeden inhaltlichen Bezug, zeigt er eine 23 in die Kamera oder formt seine Finger zu einer Sechs oder Pyramide. Scheint, als merke auch er, dass sich momentan eine wieder erstarkte Verschwörungsgeilheit unter den Deutschrap-Fans zusammenbraut. Das nimmt er mal eben mit für ein bisschen Publicity und ggf. einen guten Lacher, falls die Verschwörungstheoretiker darauf anspringen.

Durch geheimes Wissen an die Spitze?

Neben Cloutchasing – dem stumpfen, kurzlebigen Erhaschen von Aufmerksamkeit – gibt es noch ein anderes, weniger ‚billiges‘ Motiv. Nämlich den künstlerischen und kreativen Mehrwert, den das gut gewählte Einsetzen okkulter Symbole oder mysteriöser Andeutungen in den Texten haben kann.

Gut eingesetzt dienen sie nämlich als Stilmittel, um Dinge wie Erfolg sowie künstlerische, oft damit einhergehend auch finanzielle Unantastbarkeit auszudrücken. „Ihr und wir spielen nicht in der gleichen Liga“, sagen z.B. Sido und Bushido, wenn sie auf „23“ damit kokettieren, Teil einer elitären Vereinigung zu sein. Überlegt mal, die beiden größten Rapper des Landes (Stand 2011) schließen sich zusammen. Bewegen sich als Solokünstler erfolgstechnisch in Dimensionen, von denen alle anderen Rapper Deutschlands nur träumen können. Da ist es doch naheliegend, sich als mächtige, unantastbare Elite in Form der Illuminati zu präsentieren. Eine andere Möglichkeit wäre vielleicht gewesen, sich als Astronauten oder Außerirdische zu inszenieren, um klar zu machen, dass man sich (erfolgstechnisch) in anderen Galaxien bewegt. Aber wie peinlich wäre das denn gewesen?

Ähnlich war es auch bei Bushido und Shindy mit „Cla$$ic“. Der große Bushido, der gerade einen zweiten Frühling erlebte und Shindy, der wohl angesagteste Rapper dieser Zeit, machen zusammen ein Album. Alleine der Move ist schon ’ne Ansage. Selbstverständlich ist hier das Hauptthema, dass man an der Spitze steht, in einer anderen Liga spielt und die anderen mit einem kein Brot brechen können. Um nicht zu langweilen und dauerhaft nur zu wiederholen, dass man besser, reicher und erfolgreicher ist als der Rest, mystifiziert man das Ganze ein wenig. Schmückt das Narrativ um eine Sonderstellung in der Szene mit ein paar mysteriösen Andeutungen, baut ein paar Symbole in die Videos ein. Das schafft ohne großen Aufwand eine besondere Ästhetik, sorgt für Gesprächsstoff und passt gut ins Konzept der Unantastbaren an der Spitze der Nahrungskette. Es ist ein Stilmittel, mehr nicht. Das ist auch der Grund, wieso solche Spielereien nur in den oberen kommerziellen Rängen im Deutschrap passieren. Nicht, weil dort nur die ‚Marionetten des Teufels‘ bzw. der Illuminati sind. Sondern, weil sich alle anderen doch total zum Affen machen würden. Ohne den Status und die finanzielle und kommerzielle Schlagkraft dahinter.

FFM – Deutschraps Sodom & Gomorra

Am meisten und meiner Ansicht nach auch am besten setzt Haftbefehl die genannten Stilmittel ein. Seit seinem Universal-Deal zieht er diese ‚Illuminati-Schiene‘ voll durch. Auch er sitzt ja seit Jahren auf dem Straßenrap-Thron. Hat einen Status, der ihn alle anderen seiner Zunft überragen lässt. Jedoch kommt bei ihm noch eine weitere Facette hinzu. Haftbefehl verbindet das Ganze oft mit dem Teufel. Seien es Pizzen, die zu Pentagrammen geschnitten wurden, Spielerein mit der 666 oder die Darstellung von ihm selbst als Teufel. Und auch hier: Alles ergibt am Ende einen Sinn. Ganz ohne Illuminati und Weltverschwörung.

Bei Haftis Inszenierung gibt es zwei Ebenen. Zum einen die Spielerei mit der Unterschrift bei Universal und den damit verbundenen ‚Pakt mit dem Teufel‘. Zum anderen die Inszenierung von sich selbst als Teufel und Frankfurt am Main als einen gottlosen, von Sünden beherrschten Ort.

Ersteres ist so alt wie Rap selbst. Das Klischee des bösen Majors, bei dem man für den Erfolg seine Seele verkaufen muss. Es ist schon fast lustig, dass ausgerechnet Rapfans, deren Begeisterung für die Musik nicht selten sehr textzentriert ist; die Metaphern, Wortwitz und andere lyrische Spielereien abfeiern, scheinbar oft nicht in der Lage sind, solche Aussagen nicht wörtlich sondern metaphorisch zu verstehen. Das Majorlabel wird hier verstanden als ein finanzstarker Großkonzern. Eine Maschinerie, der es in erster Linie um Profit geht. Ist es wirklich so abwegig, als Künstler (dem es in erster Linie um seine Kunst geht), ein solches Konstrukt als böse oder gar teuflisch darzustellen? Ist es nicht. Dann ist es eigentlich auch nur eine logische Konsequenz, einen Vertrag mit diesem Konstrukt metaphorisch gesprochen mit einem Teufelspakt zu vergleichen. Weil man, genau wie Goethes Faust, dem Teufel etwas gibt (Kunst/Seele) und dafür das bekommt, was man will (Reichweite/Geld). Es geht, wie in allen anderen Themenbereichen in Rapsongs, auch hier um maßlose Übertreibung sowie poetischen und metaphorischen Sprachgebrauch. Wieso wird das bei Songs über Drogen verkaufen oder Gewalt verstanden, hier aber nicht?

Auch Haftis sonstige Affinität, sich selbst als Teufel darzustellen, mit oder über den Teufel zu reden, fügt sich logisch und schlüssig in seine Kunst ein. Wer schon einmal durch das Frankfurter Bahnhofsviertel gelaufen ist, wird verstehen, woher der Name „Crackfurt“ kommt und wieso Haft diesen Ort als ‚gottlos‘ bezeichnet. Während man aufpassen muss, nicht über einen am Boden liegenden Junkie zu stolpern, hat man stets die Wolkenkratzer im Blick, in denen Unmengen an Geld verdient wird. Leid und Hoffnungslosigkeit auf der einen, Profitgier und Wohlstand auf der anderen Seite. Und beides Tür an Tür. Haftbefehl selbst hat in seiner Vergangenheit als Dealer diesen ungerechten Zustand aufrechterhalten. Oft thematisiert er in seiner Musik, wie er Drogen an Junkies verkauft hat, beschreibt das Elend, in dem diese sich befanden. Dabei erlebt er einen permanenten Zwiespalt. Engel links, Teufel rechts. Oder viel mehr Engel im Herz, Teufel im Kopf. Auf sein Herz hören und nicht weiter kriminell sein oder der Stimme im Kopf nachgeben, die sagt, dass man keine andere Wahl hat? Haft nutzt den Teufel oft dann als Symbol, wenn er auch genauso gut seine eigenen ‚bösen‘ Gedanken benennen könnte und unmoralische Entscheidungen trifft. Doch seit wann zeichnet sich Poesie dadurch aus, nüchtern, klar und frei von Stilmitteln zu sein?

Im Grunde ist dieses ganze Illuminati-Gequatsche nichts anderes als sich mit diesem Mafiaboss oder jenem Sportler zu vergleichen. Ein Stilmittel, um das Gesagte spannender zu erzählen. Wie man sieht, gibt es auch nichts, was man nicht mit ein bisschen Feingefühl dafür, wann getrollt wird oder einer einfachen Textinterpretation erklären kann. Aber ich versteh schon, die Theorien sind einfach spannender…

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