Jay Electronica – Der beste Rapper, den Deutschland nie kannte

Nach über zehn Jahren voll qualvoller Warterei, falschen Versprechungen und Enttäuschungen ist es am Freitag, dem 13. März tatsächlich geschehen: Mit „A Written Testimony“ erschien das Debütalbum von Jay Electronica. „Von wem?“, werde ich oft gefragt, wenn ich mal wieder ungefragt darüber philosophiere, wie großartig das ist (und das tue ich oft). Hierzulande scheint ihn kaum einer zu kennen. In den USA gehört er für viele zu den besten Rappern aller Zeiten. Grund genug, dem Mythos Jay Electronica auf den Grund zu gehen.

Jay Electronica ist vieles. Er ist wohl der Inbegriff des geflügelten Wortes „Lieblingsrapper deines Lieblingsrappers“, ein herausragender Lyricist und Poet und vor allem eines: Ein einziges, großes Mysterium.

Die Geschichte beginnt 2007, als JayAct I: Eternal Sunshine (The Pledge)“ releast – einen 15-minütigen Song ohne Drums zur Filmmusik von „Vergiss mein nicht!“. Durch die minimalistische Untermalung kamen seine lyrischen Fähigkeiten noch besser zur Geltung. Der Track landete damals auf seiner Myspace-Seite und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zuvor erschienen dort verschiedene Songs (meist auf Beats von J. Dilla), die später von Fans in Compilations wie “Style Wars” oder “Attack of the Clones” zusammengefasst wurden. Jay Electronica entwickelte sich in Kürze zu einem der ersten echten Internet/Social Media-Hypes. Einer, der ‚Clout‘ hatte statt Fame. Doch so richtig abgehen sollte es dann 2009. Genau wie hierzulande, lag auch Amirap damals ziemlich am Boden. Als dann ein völlig unbekannter, begnadeter MC wie Jay Electronica um die Ecke kam, wurde er schnell zu Hip-Hops Rettung auserkoren. Einer, der Rap wieder als Poesie verstand. Einer der alten Schule, der alles mitbrachte, was Puristen vermissten. Einer mit Message und Inhalt. Einer, der fünf Minuten lang ohne Hook Bars lieferte, die einem den Atem rauben.

It’s a Roc Nation, Jay Electronic-extravaganza / The fans need a oxygen mask for every stanzaJay Electronica, “Jedi Code” (2013)

 Auf das großartige „Exhibit A“ folgte schließlich „Exhibit C“ – der Song, der alles veränderte und dafür sorgte, dass der eben noch völlig Unbekannte plötzlich auf einer Stufe mit den Größten der Größten gehandelt wurde. Dazu brauchte er kein “Illmatic”, keine beeindruckende Karriere. Ihm reichten fünfeinhalb Minuten. Auf einem Beat von Just Blaze erzählt Jay Electronica von seinem Weg und Aufstieg vom perspektivlosen Obdachlosen zu einem, dem das ‘Who is Who’ die Bude einrennt:

„Nas hit me up on the phone, said “What you waitin’ on?” / Tip hit me up with a tweet, said, “What you waitin’ on?” / Diddy send a text every hour on the dot saying / “When you gon’ drop that verse? N***a, you‘re takin‘ long” – Jay Electronica, “Exhibit C” (2009)

Nach diesem Song stand auch erstmals das Debütalbum im Raum. Damals noch unter dem Namen „Act II: Patents of Nobility (The Turn)“. Weil Beweisstück A und besonders C („Exhibit B“ ist ein Remix des ersten Teils mit Mos Def) so groß und populär wurden, hat sich mit den Jahren des Wartens ein falsches Narrativ etabliert, Jay hätte nur diese beiden Songs. Das stimmt nicht, auf meiner Festplatte liegen rund 80 Songs von ihm. Man muss nur suchen. Wer besonders tief diggt, findet sogar noch weiteres Material, das er um die Jahrtausendwende noch unter dem Namen Je’Ri veröffentlicht hat. Er macht es einem nicht leicht, sein Fan zu sein. Zum einen, weil er immer wieder seine Spuren verwischt – nachdem „Exhibit C“ erschien und diesen riesigen Hype auslöste, stellte er z.B. sein Myspace-Profil mit allen anderen Songs einfach offline. Zum anderen, weil er einfach nicht releast. Jedenfalls nicht wie ‚normale‘ Künstler.

Denn wie bereits erwähnt, verging mehr als eine Dekade bis zum Debütalbum des mittlerweile 43-Jährigen. Wen es im Detail interessiert, kann z.B. hier eine kleinteilige Timeline nachlesen, wie es zu einer solchen Verspätung kommen konnte. Im Großen und Ganzen lief es aber so: Er kündigt das Album an, es passiert nichts. Ohne Vorankündigung erscheint ein neuer Song auf Soundcloud, dann wird es wieder still. Mit etwas Glück wird der Song nicht gelöscht, manchmal ist er auch schnell wieder weg. Und das wiederholt sich wieder und wieder. Am 08. März 2012 hieß es sogar, „Act II“ würde morgen (!) dem Label übergeben werden. Was stattdessen passierte? Nichts. Von der ursprünglichen Tracklist des Albums gelangten mit den Jahren acht der 15 Tracks an die Öffentlichkeit. Unter anderem die großartigen Kollabo-Tracks mit Jay-Z, „Road to Perdition“ und „Shiny Suit Theory“. Letzterer schaffte es zehn Jahre nach Release sogar trotzdem noch auf das Album. Bei Jay Electronica ist wirklich nichts unmöglich.

Trotz seiner sporadischen Anwesenheit, war er 2013 Teil einer der größten Hip-Hop-Momente der Dekade. Jay Electronica ist nämlich der Typ mit dem undankbaren Spot direkt hinter Kendrick Lamars berühmten „Control“-Verse, in dem dieser sich selbst zum König beider Küsten erklärte und die halbe Rapszene namentlich disste. Natürlich hörte da niemand mehr zu, sondern versuchte erst einmal wieder Luft zu bekommen, nachdem Kendrick alles zerstört hatte. Schade um Jays Part, denn der ist – wie fast alles von ihm – lyrisch absolut brillant.

You could check my name on the books / I Earth, Wind & Fire’d the verse, then reigned on the hook Jay Electronica, “Control” (2013)

Ganz untätig war er also nie, aber er ist definitiv kein Künstler, der nach gängigen Industriemechanismen handelt. Man könnte sagen, er hat das Spiel, das Rap-Game, nie wirklich mitgespielt. Dennoch gehört er für viele zu den ganz großen Gewinnern. Allen voran für die, die es wirklich mit- und durchgespielt haben. Wie Jay-Z, der ihn am 12. November 2010 als neues Signing bei Roc Nation vorgestellt hat. Ich wage mal zu behaupten, dass es sonst keinen Künstler auf dieser Welt gibt, den Jay-Z zehn Jahre lang auf seinem Label ohne Albumrelease dulden würde. Jay Electronica schon.

Ein Highlight in Jay Electronicas großem Durcheinander, das er seinen Katalog nennt, ist der We Made It“-Freestyle mit Jay-Z 2014. Auf den Beat von Soulja Boys Original, dem sich zuvor auch schon Drake bediente, zeigen sich die beiden Jays in absoluter Bestform. Umso erfreulicher war die Nachricht, dass Jay-Z auch auf „A Written Testimony“ vertreten sein wird. Schnell verbreitete sich das Gerücht, er sei sogar mehr als sieben Mal auf dem Album. Das Gerücht hat sich bestätigt. Tatsächlich ist Jay-Z auf acht von zehn Tracks vertreten. Zugegeben, der Verglich hinkt, aber das ist wohl das Nächste an so etwas wie „Watch The Throne“, was wir je wieder von ihm bekommen werden. Und das für einen Künstler, der über zehn Jahre nicht in die Pötte kam und sein Debütalbum einfach nicht releaste. Das zeigt wohl ganz gut, wie sehr Jay-Z, der – wie ich schon mal erklärte – größte Rapper aller Zeiten, Jay Electronica schätzt und verehrt.

Him as a lyricist is almost scary. He’s scary good – Jay-Z über Jay Electronica (2013)

Durch sein ständiges Verschwinden, sein atemberaubendes Talent und seinen Aufstieg, bei dem es einem vorkommt, als hätte er fünf, sechs Stationen einfach übersprungen und sich direkt in die Champions League gerappt, umgibt ihn ein Mythos. Man weiß nicht wirklich, wie man ihn begreifen soll. Schaut man sich seine wenigen Interviews an, kann man kaum glauben, dass dieser Mann zu solch brillanten Texten im Stande sein soll. Denn dort trifft man auf einen unsicheren, schrecklich stotternden Typen, der kaum eine einzige Frage souverän beantworten kann. Erykah Badu – die beiden haben ein gemeinsames Kind – beschreibt ihn auf „Act I“ als einen „Alien“. Auch Just Blaze sagte mal über ihn, dass Jay einfach nach seinem ganz eigenen Tempo handeln würde und nicht viel mit seiner Außenwelt gemein habe. Als sich der junge Jay Electronica in New Orleans auf den Weg machte, für seine Rapkarriere nach New York zu gehen, legte er einen Zwischenstopp in Atlanta ein, weil sein Busticket nur bis dort hin reichte. Doch statt am nächsten Tag weiter zu ziehen, verblieb er am Ende ein ganzes Jahr dort. Das beschreibt wohl ganz gut, mit was für einer Art Mensch wir es hier zu tun haben. Einem, der irgendwo in seinem ganz eigenen Universum zu Gange ist.

Ein Fakt, der auch viele seiner Fans rätseln lässt ist, dass der Rapper und selbsternannte Verschwörungstheoretiker drei Jahre lang mit der milliardenschweren Kate Rothschild zusammen war (Ja, die Rothschilds). Diese Beziehung lieferte Zündstoff für die wildesten Theorien unter seinen Fans. Er habe sich ‘die Illuminaten’ aus nächster Nähe ansehen wollen. Auch das Albumdelay hatte plötzlich eine Erklärung: Die Elite wolle ihn ‘unten halten’ und ‘stumm schalten’. Und so weiter und so scheiße. Was ich sagen will: Jay Electronica ist ein Phänomen. Ein vielschichtiges Mysterium, bei dem es wahnsinnig viel zu entdecken und entschlüsseln gibt. Aber vor allem ist er ein absoluter Ausnahme-Rapper.

Auch die Titel seiner Releases trugen maßgeblich zur Mythenbildung bei. Das „Act“-Konzept ist angelehnt an Christopher NolansThe Prestige“. Dort wird erklärt, dass ein Zaubertrick aus drei Akten besteht: The Pledge, The Turn und The Prestige. Im Pledge geht es darum, dem Publikum, etwas Gewöhnliches zu zeigen. Der Turn sorgt dafür, dass das Gewöhnliche etwas Ungewöhnliches tut wie z. B. verschwinden, um schließlich im dritten Akt wieder aufzutauchen und dadurch das Publikum zu begeistern.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass dieses ganze Hin und Her um „Act II: Patents of Nobility (The Turn)“ Teil einer Performance war, die nun mit „A Written Testimony“ und dem Wiederauftauchen den dritten Akt erreicht hat…


Ich habe bis zum letzten Moment daran gezweifelt. Alles andere wäre bei dieser Historie auch äußerst naiv gewesen. Tatsächlich hat Jay Electronica auch schon wieder gelogen. In seiner Ankündigung verriet er, das Album in 40 Tagen und 40 Nächten aufgenommen und fertig gestellt zu haben. Weitere 40 Tage sollten vergehen, bis das Album erscheint. Die wären am 18. März vorbei gewesen. Stattdessen erschien das Album bereits am Freitag, dem 13. März. Man kann sich nach wie vor nicht auf ihn verlassen. Auch Promo gab es so gut wie keine. Die größte Werbung war wohl, dass sich Jay-Z nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder in seinen halbherzig geführten Twitteraccount bequemte und alle Tweets von Jay Electronica mit „Gefällt mir“ markierte, die „A Written Testimony“ betrafen. Bis heute sind es die einzigen Likes mit seinem Profil überhaupt. Es gab auch keine Interviews, Singles oder Cover-Präsentationen wie es bei ‚normalen‘ Künstlern der Fall gewesen wäre. Hin und wieder gab es ein Lebenszeichen auf Twitter von ihm oder anderen Mitwirkenden wie Alchemist oder Young Guru. Mit so etwas muss man umgehen lernen, wenn man Jay Electronica verfolgt.

Doch die Zeit schien wohl endlich gekommen. Das Album ist tatsächlich da und es ist großartig. Bis auf das Intro, das lediglich den Mitschnitt einer Rede von Louis Farrakhan beinhaltet und dem 94-sekündigen „Fruits of the Spirit“, ist auch Jay-Z auf jedem Track vertreten. Wenn man so will, war also auch das wieder gelogen. „A Written Testimony“ ist schon wieder nicht Jay Electronicas langersehntes Solodebüt, sondern ein Kollaboalbum mit Jay-Z.

Dennoch: Es gibt endlich ein Album von ihm. Er spielt endlich offiziell das Spiel mit und bewegt sich weg vom nicht greifbaren Mythos und „Was wäre wenn…“ zu einem Künstler, den jeder Rap-Liebhaber guten Gewissens in seine ‚Top Five – Dead or Alive‘ aufnehmen kann, wenn er da nicht ohnehin schon heimlich einen Platz hatte (wie bei mir). Seite an Seite mit den anderen üblichen Verdächtigen. Auch wenn man natürlich gestehen muss, dass er mit dem Jay-Z-Support und einer Spiellänge von nur 39 Minuten, von denen man vier bereits seit zehn Jahren kennt, auch hier wieder gecheatet hat. Doch wer weiß, vielleicht bringt ihm genau das am Ende sogar den Grammy, den P. Diddy ihm vor Jahren bereits prophezeite.

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