Warum der „deutsche Kendrick Lamar“ nicht existiert

Yo, ich bin Joshua. In meiner monatlichen Kolumne will ich Aktuelles kommentieren, Grundsätzliches klarstellen, Verschiedenes lobpreisen, kritisieren und steile Thesen um mich werfen. Diesmal: Der Mythos des „deutschen Kendrick Lamar“ und Vergleiche zwischen deutschem und amerikanischem Rap.

Bei aller Liebe und sonstigen Gefühlen, die wir mit Deutschrap verbinden, gibt es einen Fakt, den wir leider nicht leugnen können: Deutschrap ist eine adaptierte (Musik-) Kultur, kein Original.

Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass egal von welcher Seite regelmäßig Vergleiche mit dem großen amerikansichen Idol gezogen werden. Es ist ein bisschen wie bei den Sopranos. Mit New Jersey als Basis, gehören sie nicht wirklich zu den ‚echten‘ Mafiosi. Sie sind kein Teil der fünf großen Familien aus New York und gehören schon gar nicht zum eigentlichen Original aus Sizilien. So kommt es, dass sie im Laufe der Serie, immer wieder Entscheidungen dadurch treffen, dass sie sich an „Scarface“ oder „Der Pate“ orientieren und sich fragen, was die Protagonisten dort wohl machen würden oder getan haben. Dann handeln sie wie im Film, in dem Glauben, so ihrer Rolle gerecht zu werden. Ganz ähnlich machen wir das in der deutschen Rapszene. Ständig suchen wir nach „dem deutschen“ Dies und „dem deutschen“ Das und versuchen, unsere Szene mit dem großen, heiligen Original aus den USA zu vergleichen.

So kommt es z.B., dass aus einem sich an die Spitze mobbenden Farid Bang mal eben der „deutsche 50 Cent“ wird. Ein Titel, den er sich jedoch auch mit Massiv teilen muss wegen dessen Schussverletzung. Oder aus einem drogennehmenden und raptechnisch hochbegabten SD der „deutsche Slim Shady“.  Der Titel der „deutschen Nicki Minaj“ geht an Shirin David wegen ihrer selbstbewusst-offensiven Art, ihre Weiblichkeit zu präsentieren und zu feiern. Kollegah, mit seinem aufgeflogenen Zuhälter-Fake-Image, trägt den des „deutschen Rick Ross“. Diese Liste könnte unendlich weitergeführt werden. Manchmal scheint es fast so, als sei deutscher Rap eine Art Rollenspiel, in dem es feste Rollen zu besetzen gibt, die der US-Rap festlegt. Was es dort gibt, braucht ein deutsches Pendant, um im Spiel nicht zu versagen.

Nun ja, so ganz verteufeln möchte ich das Ganze nicht. Ein Vergleich ist nun mal eine sehr simple und leicht verständliche Art, etwas zu erklären oder zu beschreiben. Zumal die deutschen Künstler ja in vielen Fällen auch gezielt darauf hinarbeiten, wenn sie ihren amerikanischen Vorbildern nachstreben. Oder in noch viel mehr Fällen sogar deren Musik kopieren. Darum haben solche Vergleiche irgendwo schon ihre Berechtigung, werden aber zu fahrlässig und inflationär gezogen. Das zeigt sich besonders an der Suche nach dem „deutschen Kendrick Lamar“.

Angefangen als philosophische Stammtischdiskussion zwischen Niko und Lars Weisbrod von der Zeit, macht die Frage nach dem deutschen Äquivalent zu Kendrick Lamar mittlerweile den Eindruck eines Running Gags.

Das liegt zum einen an der Vielzahl der Nominierten, die ebenfalls mittlerweile fahrlässig und absurd erscheint. Anfangs war es noch nachvollziehbar mit z.B. Credibil als Kandidaten. Würde man eine Tabelle mit Attributen anlegen, die ein deutscher Kendrick Lamar haben müsste, würde er wohl am besten abschneiden. Er hat den Migrationshintergrund, die Nähe zur und den Respekt von der Straße, die Weitsicht in seinen Texten und bereits die Feuilleton-Portraits, die ihn als „good kid, mad city“ stilisieren. Was bei ihm fehlt, ist die kommerzielle Durchschlagskraft. Liegt vielleicht auch nicht an ihm, sondern an Deutschland, aber dazu später mehr. Von da an, habe ich die Übersicht verloren. Es kam mir fast so vor, als würde man jeden schwarzen deutschen Rapper grundsätzlich erstmal in Erwägung ziehen, als Falk Schacht plötzlich Tarek K.I.Z. in die Runde warf. Der hatte gerade seinen ersten Solotrack veröffentlicht (ein Liebessong wohlbemerkt, nichts kendrickeskes). Kurz zuvor war es OG Keemo nach seiner Single „216“. Nach diesem Track griff Niko im BACKSPIN-Stammtisch das Kendrick-Thema wieder auf und sah in Keemo einen neuen Kandidaten. Finde ich alles schon etwas merkwürdig, kann die Gedanken aber im Großen und Ganzen nachvollziehen. Tarek hat schon bei K.I.Z bewiesen, wie stark er Haltung zeigen kann und Keemos Track beschäftigt sich eben mit seiner Hautfarbe und black empowerment.  Doch irgendwann kam dann sogar der weiße deutsche Münchner Rapper ohne Migrationshintergrund, Fatoni, ins Spiel, der – nun ja – weiß, deutsch, ohne Migrationshintergrund und aus München ist. Seine Kunst, seine Ansichten und Inhalte in allen Ehren, aber: Hä?! Ab hier wurde, war und ist es leider nur noch absurd, sorry not sorry. Dabei ist das Thema eigentlich deutlich ernster als es klingt.

Ich verstehe den Gedanken und noch mehr den Wunsch, dass wir in der deutschen Rapszene einen Künstler mit einem solchen Stellenwert hervorbringen. Denn egal wie sehr man sich am zeitgeistigen amerikanischen Rap und Hypes stören mag, muss man den Amis eines zugestehen. Wenn ein neues Kendrick Lamar-Album erscheint, steht das Land Kopf. Darum herrscht dort trotz allen Lil‘-[hier beliebiges Wort einsetzen] und generischem inhaltsleereren Einheitsbrei, ein besseres Gleichgewicht als in Deutschland, wo ‚Nischen-Rap‘ zwar auch immer größer wird, aber am Ende immer noch ein reines Phänomen für Rapfans bleibt, die sich freiwillig und gerne mit Rap auseinandersetzen. Der (meist inhaltsschwächere) kommerziell erfolgreiche Rap hingegen, ist heute so groß, dass sich niemand mehr davor entziehen kann. Er knackt alle möglichen Rekorde, läuft im Radio, sitzt in TV-Shows und und und. Genau da muss man auch mit inhaltsstarkem Nischen-Rap hinkommen. Der logische Weg dahin, in unserem Deutschrap-Rollenspiel, ist natürlich der gleiche wie beim Original: Ein „deutscher Kendrick Lamar“ muss her.

Ein Punkt, den wir in unserer Rap-Bubble dabei immer mal wieder aus den Augen verlieren: Es interessiert nur uns. Wir wünschen uns das. Wir wollen, dass alle verstehen, dass der große kommerzielle Rap, dem sich niemand entziehen kann, nicht alles ist. Dass es da noch was gibt, etwas tieferes, das – sorry für den Pathos – möglicherweise dieses Land verändern könnte. Wir wollen, dass das gesehen wird und den Unwissenden zu ihrem Glück verhelfen, es für sich zu entdecken. Ein großer Teil und mit Sicherheit die Mehrheit, scheißt aber darauf.

Mit einem Kendrick Lamar-Vergleich misst man sich an einem Pulitzer-Preis-Gewinner, einer Gallionsfigur für eine ganze Volksgruppe. Für ein solches Vorhaben müsste der Großteil des deutschen Kulturbetriebs sowie der Großteil der Gesamtgesellschaft, ein Mindestmaß an Interesse und Verständnis für eine Sache aufbringen, vor der sich viel zu gerne verschlossen wird. An einem „deutschen Kendrick Lamar“ hinge ein Rattenschwanz von Migrationsgeschichte über Rassismus bis hin zu Debatten über die sozialchauvinistische Ausgrenzung von Leuten, die nicht dem Einfamilienhaus-Gymnasium-Mittelstand angehören. Ich zwinge mich daran zu glauben, dass wir uns dahin bewegen. Und sehe auch, dass Rap viel zu diesem Dialog beiträgt und beitragen wird. Zum Beispiel habe ich als die provinzielle Kartoffel aus Rheinland-Pfalz, die ich bin, das Gefühl, dass ich ohne Rap und speziell ohne die Geschichte von beispielsweise Bushido und der Abou-Chaker-Familie, bis heute nichts von der Existenz und der Lebensrealität arabischer Großfamilien wüsste. Was in großen deutschen Städten Alltag sein mag, kennt man dort nur aus dem Fernsehen. Die ersten Dokumentationen, die es dazu gab, hatten den Schwerpunkt, die Nähe eines Rappers zu solchen Strukturen aufzuzeigen. Heute, rund zehn Jahre später, vergehen gefühlt keine drei Wochen, ohne dass irgendwo in irgendeiner Talkrunde darüber gesprochen wird. Ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, Dialoge geführt werden und nach Lösungen gesucht wird – Rap sei Dank, irgendwie.

Bei der Frage nach einem „deutschen Kendrick Lamar“ geht es um so viel mehr als um Musik und die Vision eines Künstlers oder einer Künstlerin. Da muss auch das Universum mitspielen, wenn man so will. Bis wir den Punkt erreichen, dass jemand es schafft, durch alle Gesellschaftsschichten hinweg, eine solche Relevanz zu erreichen und – noch viel wichtiger – eine solche Verantwortung zu übernehmen, ist es noch ein sehr langer Weg. Sollte es gesellschaftlich irgendwann soweit sein, wird Rap sicher eine tragende Rolle spielen. Bis dahin: Etwas vorsichtiger sein mit inflationären Labelungen und Titeln. Irgendwann kommt SIE oder ER wirklich mal, und der Titel ist bereits vergeben.

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...eigentlich schreib' ich nur Texte über Liebe.

1 Comment

  1. Simeon Pohl

    1. November 2019 at 19:12

    Tua.

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