Von wegen Fake-Streams: Wir verstehen nur die Jugend nicht mehr

Yo, ich bin Joshua. Ich werde ab jetzt in einer monatlichen Kolumne Aktuelles kommentieren, Grundsätzliches klarstellen, Verschiedenes lobpreisen, kritisieren und mit steilen Thesen um mich werfen. Zum Einstand: Gerüchte um Fake-Streams und manipulierte Klickzahlen und ein damit verbundener Generationenkonflikt.

Was war das für ein Event, als am 23. Mai die Öffentlich-Rechtlichen bzw. das Y-Kollektiv die Reportage „Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden“ (1,9 Mio. Klicks, Stand: 11. Juni 2019) veröffentlichte. Rapper zeigten sich schadenfroh, Medien teilten sie begeistert. Fans zeigten sich ebenfalls schadenfroh oder ergriffen Partei für die Künstler – je nach Gesinnung. Auch diejenigen, die unter sämtlichen Beiträgen der großen deutschen Zeitungen mit großem Einsatz stets fragten „Wer??? Muss man den kennen? Verstehe ja kein Wort, was der Bursche sagt…!!!“, wenn dort über die exorbitanten Erfolge der diskutierten Rapper berichtet wurde, hatten endlich einen Grund, sich wieder zu beruhigen. War doch klar, dass die nicht wirklich so erfolgreich sind! Dabei weist die Reportage erhebliche Schwachstellen auf.

Beginnen wir mit dem Titel: „Kauf Dich in die Charts!“. Wie das – problemlos – geht, wollen „Social Media-ExperteKai und der Reporter Ilhan Coskun vorführen. Coskun verpasst sich das Pseudonym Error 281, nimmt einen ironischen, aber durchaus unterhaltsamen Autotune-beladenen Song auf über sein Leben als Kameramann – Stichwort GEZ Money Rich. Im Video posiert er in typischer 2019er-Deutschrap-Optik in Trainingsanzug und Rolex in Parkhäusern vor Mercedessternen. Kai will ihn und seinen Song mit der gleichen Taktik in die Charts bringen und „einen Star“ aus ihm machen, wie er es angeblich mit den „größten Top Fünf-Künstlern in Deutschland“ getan hat. Im laufenden Gespräch wird durch versteckte Hinweise und teilweise sogar plumpes Namedropping deutlich, dass er hier nicht von Leuten wie Sido spricht, sondern von den jungen Newcomern, die seit einiger Zeit die Streamingwelt dominieren – sprich: z.B. Mero oder Sero el Mero.

Das Experiment scheitert, wird aber als Erfolg verkauft. Nach rund einer Woche erreicht der Song zwar 100.000 Streams, aber von Charts oder irgendeiner Form von Relevanz in der Rapszene ist keine Spur. Einzig ein Angebot von einer ‚Werbefirma‘, die Error 281 gegen eine Zahlung von 12.000 Euro zu 1.000.000 Streams verhelfen will. Bewiesen wurde also nichts. Das bloße Versprechen von Kai, dass das Ganze besser funktionieren würde, wenn Coskun 50.000 Euro zahlen würde, reicht scheinbar aus, um es als Tatsache anzusehen, dass Error 281 danach ein großer Rapstar wäre.

Die einzige Quelle des Berichts, ‚Social Media-ExperteKai, oder von Xatar wegen seiner überambitionierten Vermummung auch liebevoll „Bondage-Hacker“ genannt, wirft ohnehin eine Menge Fragen auf. Er behauptet, für seine Dienste monatlich bis zu 100.000 Euro verdienen zu können. Man dürfe dabei aber nicht vergessen, dass er ein Team zu bezahlen habe, unter dem dieser Betrag selbstverständlich aufgeteilt werde. Das beweist er dem Reporter sogar mit „Screenshots mit Überweisungen in Tausenderhöhe“. Frage Nummer Eins: Wie kann ein offensichtlich illegal arbeitender „Hacker“ Monat für Monat Zahlungen „in Tausenderhöhe“ tätigen, ohne aufzufallen? Frage Nummer Zwei: Wer wäre so blöd, solch ein lukratives Geschäftsmodell durch eine Reportage und Öffentlichkeit zu gefährden? Nummer Eins bleibt offen, Nummer Zwei wird am Ende der Reportage beantwortet: Jemand, dessen Herz gebrochen wurde. Kai sei nicht bezahlt worden wie abgemacht und jemand hätte ihm noch dazu seine Freundin ausgespannt. Besser hätten es GZSZ-Autoren nicht schreiben können! Wie ein Krimineller, der finanzielle Verantwortung für ein ganzes Team zu haben scheint und mehrmals betont, wie vorsichtig er doch sei, solch riskantes und impulsives Verhalten vor seinen Leuten rechtfertigen will, ist mir dennoch ein Rätsel. Zu alldem kommt noch hinzu, dass Kai im Laufe des Films die typische „Reportagen-über-Deutschrap“-Masche erfüllt und das ganze Prozedere mit Großfamilien (hier: „Drogenclans“) in Verbindung bringt. Passt ins BILD, klickt sich gut und ist seit 4 Blocks ja ohnehin der deutschen Presse liebstes Thema.

Des Weiteren vermischt der „Bondage-Hacker“ potenzielle Beweise für seine Behauptungen mit ganz logischen, normalen Entwicklungen der modernen Musikindustrie. Zum Beispiel, wenn er Coskun verschwörerisch darüber aufklärt, wie auffällig es doch sei, dass Meros Songs „gezielt so produziert werden“. „So“ bedeutet, dass sie alle circa zweieinhalb bis drei Minuten lang sind. Krass! Ich habe nur darauf gewartet, bis er sagt, dies sei eine Agenda der Rothschilds oder ähnliches. Songs werden kürzer. Seit Jahren, einfach so. Parts haben in der Regel höchstens noch zwölf statt den klassischen 16 Takten. Genau wie heute öfter die 808 als die MPC zum Einsatz kommt – Musik verändert sich, that’s it! So endet leider der Großteil seiner O-Töne in unpräzisem Wischi-Waschi-Geschwätz.

Auch sein Geheimtipp über den „auf magische Weise“ eintretenden Erfolg von Sero El Meros Video zu „Ohne Sinn“ entpuppt sich am Ende als leeres Gerede, wird aber als Sensation verkauft. „Über 250.000 Klicks“ nach 24 Stunden und Platz #1 in den Youtube-Trends sind zwar durchaus ein Achtungserfolg, aber absolut nichts Besonderes für einen Künstler, dessen andere Videos sich alle im siebenstelligen Bereich bewegen und der sich ohnehin gerade im Umfeld von absoluten Klick-Granaten wie Mero oder Eno bewegt. Dazu kommt: Deutschrap-Kids campen ab 23:50 Uhr auf Youtube-Kanälen ihrer Lieblingsrapper und aktualisieren sekündlich die Website, bis sie endlich das Video sehen können. Das habe ich sogar selbst getan, als ich 15 war – nur eben zu anderen Uhrzeiten und zu anderen Künstlern. Ist das Video da, beginnt der Kampf um die Top-Kommentare. Es wird „geliket und dann erst gehört“, wie man in etlichen Kommentarspalten lesen kann. Kein Wunder also, dass die Zahlen in den ersten Stunden nach Veröffentlichung in die Höhe schießen.

Bewiesen hat die Reportage am Ende eigentlich nur eines: Wir haben den Kontakt und das Verständnis für die (junge) Hörerschaft dieser Künstler komplett verloren. Zudem spielt sie – wenn auch (wahrscheinlich) unabsichtlich – am Ende lediglich mal wieder denen in die Karten, die Hip-Hop als die federführende Musikrichtung und (Jugend-)Kultur in Deutschland einfach nicht wahrhaben wollen und leugnen.

Natürlich will ich hier nicht in Frage stellen, dass im Deutschrap Klicks gekauft und Zahlen manipuliert werden. Das ist ein Problem, das sich durch die ganze Musikindustrie zieht, ob Rap oder nicht. Und das auch nicht erst seit Gestern. Vor wenigen Jahren gab es z.B. immer wieder Gerüchte, dass die Labels die CDs ihrer Künstler selbst kaufen, um durch die dadurch erreichte gute Chartplatzierung und die damit verbundene Aufmerksamkeit neue, echte Käufer zu erreichen. Man könnte das Ganze auch weiterspinnen und fragen, wo „Betrug“ überhaupt anfängt. Ist es Betrug, eine Deluxebox für 50 Euro zu verkaufen, um mehr Umsatz zu generieren als mit einer gewöhnlichen CD für 17 Euro und dadurch besser zu charten? (In Deutschland richten sich die Charts nach generiertem Umsatz, nicht nach verkauften Einheiten). Ist es Betrug, wenn Jay-Z vor offiziellem Release von „Magna Carta Holy Grail“ 1.000.000 Platten an Samsung verkauft und damit, noch vor eigentlichem Verkaufsstart, Platinstatus erreicht?

Was ich sagen will: Ja, es wird getrickst und manipuliert. Wir wissen allerdings (noch) nicht genau wo, wie und von wem. Auch nicht nach der Reportage des Y-Kollektivs und Kais schwammigem Geschwätz. Darum sollten wir davon absehen, eine ganze Generation von Künstlern pauschal zu verurteilen, solange es keine handfesten Beweise dafür gibt. 

Denn genau wie Xatar und Jan Delay es in ihren jeweiligen Statements richtig festgestellt haben: Wir haben es hier mit einer komplett neuen Generation an Künstlern und besonders auch an Hörern zu tun. Eine Hörergeneration, die zwischen Fortnite, Instagram und Modus Mio für „so große digitale Interaktion [sorgt], wie sich das erwachsene Menschen heutzutage kaum vorstellen können“, sagt Tim Aschermann (zuständig für Content & Quality Assurance bei Foxxum und Autor für Chip) in der Titelstory der Juice #192. Während also sowohl ihre Eltern als auch ihre älteren Geschwister nicht verstehen können und wollen, wie solche Zahlen zustande kommen, sorgen diese Kids für Traffic, Traffic, Traffic. Dass Mero fünf Monate vor Tourstart bereits 42.000 Tickets verkauft hat, spricht ebenfalls nicht dafür, dass seine Zahlen nur auf Fake-Streams beruhen. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei auch das Wir-Gefühl, dass diese Künstler mit ihren Fans kreieren, wenn sie auf Instagram enthusiastisch dazu motivieren, ihren neuen Song auf Dauerschleife 24/7 laufen zu lassen und „an einem Strang zu ziehen“ und „nochmal richtig Gas zu geben“. Diese Kids sind mehr als Konsumenten. Sie bringen den ohnehin seit jeher stark ausgeprägten Personenkult im Rap auf ein ganz neues Level und pushen ihren Künstler mit vollem Einsatz wohin auch immer er will. 

Diese Diskrepanz zwischen der medialen Öffentlichkeit und dem, was sich tatsächlich in deutschen Kinderzimmern abspielt bzw. abgespielt wird, wird so schnell auch nicht verschwinden. 13-Jährige sitzen nicht in Hip-Hop-Redaktionen und erst recht nicht beim Y-Kollektiv. Was sich diesbezüglich allerdings ändern sollte, ist diese elitäre Haltung der Medien und Fans dieser neuen Generation gegenüber. Ich war damals nicht dabei, ich stand auf der anderen Seite. Aber ich habe die Story von Falk Schacht schon bestimmt 100 Mal gehört, wie er sich heute für seine damalige Ignoranz und Arroganz gegenüber dem Neuen, namentlich Aggro Berlin, zutiefst schämt und entschuldigt. Ähnliches hört man von damaligen Journalisten oder Labelbossen. Diese Fehler sollten nicht wiederholt werden.

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