Kobito über politischen Rap in Deutschland, Erfahrungen mit der Rap-Szene und sein neues Album.

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Nein, kenne ich nicht.
Alter! Das war haarsträubend! Das waren Jams, da hat Visa Vie mal einen Contest gewonnen als Rapperin. Und da waren echt so… das war, woah, was da am Start war…! Da war Kralle, der mit Jihad diesen Song „Keine Toleranz“ gemacht hat, in dem sie sagen “Wir dulden keine Schwuchteln”. Der wurde irgendwann verboten, weil er sagt, er geht mit zehn MGs auf den CSD. Der Typ ist dort aufgetreten und dazwischen eigentlich jemand, der ziemlich cool ist wie Damion Davis. Weißte also manchmal so, ein Cooler und dann wieder richtig so woah, richtig Trauer. Und ich habe einfach nie verstanden, wie Leute das machen können, wie Leute sagen können: “Ich hab’ voll den Anspruch an meine Mucke, aber ist mir egal, wenn nach mir Kralle und Jihad auftreten. Ich mach’s trotzdem.” Ich habe keine Ahnung, das kann ich nicht bringen. Also ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass mir die Sehnsucht abgegangen ist. Weil das war tatsächlich auch eine echte Sehnsucht, dass ich dachte: “Ich will in meiner eigenen Stadt auch irgendwie stattfinden, da wo die coolen Hip-Hop-Sachen sind. Ich will da auch sein. Aber dann bin ich halt doch lieber in der Köpi gewesen, in irgendeinem besetzten Haus, weil ich dachte: “Oah, hier, wenn hier jemand Scheiße labert, dann fliegt er raus und steht nicht auf der Bühne!”

“Hier, wenn hier jemand Scheiße labert, dann fliegt er raus und steht nicht auf der Bühne!”

Lebst du eigentlich von der Musik?
Nee, tu ich nicht. Und es ist auch nicht ein Nahziel, das superwichtig ist. Es würde wahrscheinlich auch einhergehen mit einer krassen Zitterpartie, mit einer krassen Abhängigkeit davon. Dann muss es halt auch laufen, dann muss man auch verkaufen, dann muss es groß gehen. Und mit allen Schwierigkeiten, die es manchmal mit sich bringt, das nebenher zu machen, ist es auch eine Unabhängigkeit. Ich kann die Songs so schreiben, wie ich möchte. Tatsächlich quatschen mir die Audiolithen an der Stelle auch nicht rein.
Es gibt immer den Scherz von Lars (Labelchef von Audiolith, Anm. der Red.), wo er sagt: “Wo ist der Hit, Junge? Wir brauchen Hits Hits Hits!” Aber es war niemals eine wirkliche Einschränkung, dass er jetzt gesagt hat, das Album geht so nicht raus, weil da fehlt der Hit oder so. Wir freuen uns gemeinsam, wenn etwas Cooles drauf ist, woran wir glauben. Und das hat auch mit einer Unabhängigkeit zu tun, dass ich nicht sage: “Hey, also die Miete muss rein. Der nächste Knaller muss hin, die nächste Tour muss fett. Wir brauchen Zahlen, Leute!” Das hat damit zu tun, dass ich woanders aufgestellt bin und einfach sagen kann: “Hier mache ich genau das, was ich machen will.”

Mit Amewu zusammen hast du den Song “Warten auf die Sonne” auf dem Album. Ich habe ihn so verstanden, dass ihr die Welt als ziemlich kalt beschreibt. Die Blicke sind kalt, die Menschen wollen eigentlich nur Respekt, und dass ihr sprecht die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten an. Ist das so?
Ja absolut. Man muss dazu sagen, ich wohne ja in Berlin-Neukölln. Neukölln ist der Hammer, ich liebe Neukölln. Aber im Winter ist es auch hart, ist auch echt richtig krass. Also ich habe manchmal das Gefühl, wenn es echt so richtig Drecks-Matsche ist, dass ich auch hart mit Scheuklappen durch die Gegend laufe. Ich denke dann einfach: “Also von A nach B kommen und dazwischen sich nicht runterziehen lassen davon, wie die Leute so miteinander umgehen, wie die so aussehen”. Also nicht im Sinne von gut oder schlecht, aber einfach nur frustriert, weil die Ecke ist schon einfach auch noch hart, wo ich wohne. Ich wohne jetzt nicht irgendwie im schicken Bar- und Café-Neukölln,sondern noch im ziemlich echten und ungentrifizierten Teil. Und da ist es einfach so, dass ich das Gefühl habe, ist alles cool irgendwie, ist ein netter Ort. Aber gleichzeitig ja, die Leute sind nicht hungrig im Sinne von sie verhungern, aber sie sind irgendwie auf der Suche nach einem Platz und ja genau, nach diesem Respekt. Warum behandeln sich die Leute manchmal so scheiße untereinander?
Das hat damit zu tun, dass sie sich selber scheiße behandelt fühlen, habe ich das Gefühl. Es ist ja kein Steglitz, oder wie heißt es hier, das Nobelviertel- Eppendorf? Es ist ja nicht Eppendorf, wo die Leute sich irgendwie anfauchen, weil die Hecke nicht stimmt, sondern eher, weißte, weil die Kohle nicht stimmt und weil alle so ein bisschen auf Spannung sind. So sehe ich diesen Bezirk. Und ich bin in einem Bezik aufgewachsen, in Schöneberg damals, der genauso war. Deshalb kenne ich das. Und ich glaube einfach, dieses Warten auf die Sonne… ja ist einfach manchmal real. Du läufst rum und denkst “Ich will einfach nur nach Hause und will mich in meinem schick abgesteckten Ort zurückziehen und warten, bis die ganze Scheiße wieder vorbei ist.”
So ist das. Neukölln im Sommer ist übrigens wunderschön.

Welche Verhaltensweisen, denkst du, würden zu einer wärmeren Welt führen?
Riesenfrage eigentlich. Ich glaube… was ich mir Wünsche ist einfach ein bisschen mehr Dialog. So Perspektiven-Übernahme, dass man versucht, Leute zu verstehen, die nicht man selber ist. Also dass man versucht zu kapieren, wie andere Leute so leben, was denen vielleicht für Hindernisse begegnen, die einem selber nicht begegnen. Ganz ehrlich, ich bin ein deutscher Typ in Deutschland. Also ich habe schonmal viele Probleme, die andere Leute haben, nicht. Die kenne ich nur aus Erzählungen, von Freunden oder weil ich es sehe. Aber ich versuche das zu verstehen. Ich glaube, daran liegt viel, dass man versucht zu kapieren, wie es anderen Leuten geht. Das würde ich, glaube ich, einen riiiesen Schritt machen. Denn wir haben alle unsere Gründe, warum wir Sachen so machen, wie wir sie machen. Kein Mensch auf der Welt will ein Arschloch sein, kein Mensch will Scheiße sein und deshalb können die Leute auch alles Mögliche rechtfertigen. Mörder können rechtfertigen, weil sie irgendwie einen Weg finden, vor sich selber dazustehen, dass es schon einen Grund hatte. Wir wollen alle nicht scheiße sein, wir wollen alle gut sein.
Und ich glaube, insofern ist es total viel wichtiger, zu verstehen, warum Leute handeln wie sie handeln, als zu sagen, dass sie falsch handeln. Weil das kann jeder, kostet auch nichts. Viele von den Leuten, die nicht am oberen Ende sitzen, und die auch aggro sind und wütend sind- wenn man denen mit Respekt begegnet, sind viele Sachen auch krass schnell gelöst. So kommt man auch aus Konflikten raus, indem man sagt: “Ey ist alles gut so, wir brauchen nix machen, wir brauchen uns nicht kloppen, wir brauchen diese Geschichte hier nicht durchziehn. Ich hab’ nichts gegen dich. Alles cool.” Dann ist die Sache oft schon gegessen, ohne dass einer was abkriegt. Das ist meine Erfahrung.

“Das ist superklein und auch vielleicht super wirkungslos. Das ändert jetzt vielleicht nicht die Gesellschaft oder so. Aber ich glaube, das ist ein Ansatz.”

Machen wir noch eine kleine Schleife. Letztes Jahr habe ich mit Chefket in einem Interview über seine Line gesprochen, dass er nach draußen geht und Blumen verteilt…
Mhm, ein guter Mann, und ich wusste, dass du jetzt von dieser Line sprichst (lacht)

Ich habe ihn dann gefragt, wie er das macht. Er meinte, dass er zum Beispiel am Tag eine bestimmte Anzahl von Menschen aus seinem Umfeld für acht Sekunden umarmt. Hast du ähnliche Methoden, wie du draußen die Welt besser machen willst?
Ich habe so einen kleinen Kiez, das sind wirklich nur so ein paar Straßen. Aber rund um mein Haus gibt es’ne türkische Bäckerei, einen türkischen Gemüseladen, eine peruanische Pizza-Station und tatsächlich meinen Supermarkt und noch verschiedene kleine Spots in der Ecke, wo ich mit den Leuten einfach quatsche. Also ich weiß, wie die heißen. Ich weiß, wo die herkommen, was die so erlebt haben. Ich lass’ mir immer wieder von meinem Gemüsehändler bisschen was beibringen, was über’n Kiez erzähl’n. Ich sprech’ Spanisch mit den peruanischen Pizza-Leuten und chill’ da und häng’ da rum. Also ich glaube, so bisschen einfach dafür sorgen, dass die Leute sich kennen untereinander. Und dass man sich nicht nur so aus dem Weg läuft. Das ist superklein und auch vielleicht super wirkungslos. Das ändert jetzt vielleicht nicht die Gesellschaft oder so. Aber ich glaube, das ist ein Ansatz. Wenn wir das alle versuchen würden, dann wäre es cool. Wobei man aber auch sagen muss, dass die Struktur, wie sie sich so verändert mit dem immer kleiner werdenden Einzelhandel und dass alles zentralisiert wird, spricht halt nicht gerade dafür. Du kannst jetzt halt nicht im riesen Supermarkt alle kennen. Aber du kannst halt deinen einzelnen Händler kenne. Ich versuch’ halt, mit meinen Nachbarn eine chillige Nachbarschaftseben aufzubauen.

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Diana

Die Stuttgarterin ist seit Dez' 2015 in Hamburg. Sie liebt die Welt der Bässe, Beats, Melodien und Lyrics. Im Studium hat sie sich fast nur mit Hip Hop beschäftigt und könnte endlos darüber nachdenken und schreiben.

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Hanfosan

Erzähl Digger, erzähl

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