Kobito über politischen Rap in Deutschland, Erfahrungen mit der Rap-Szene und sein neues Album.

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Ah, dass jemand mal etwas sagt.
Ja, so: wow, irre! Ich würde mir davon so viel mehr wünschen, aber offensichtlich haben alle Schiss.

In der linken Szene gibt es ja Leute, die sich so richtig regelmäßig zusammen setzen und politische Theorien diskutieren. In deinem Skit „Hausmeister“ auf dem neuen Album „Für einen Moment perfekt“ redest du von Leuten, die Karl Marx und Adorno zitieren. Sitzt ihr, zum Beispiel bei TickTickBoom, auch häufiger so zusammen?
Ja nee, also ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab‘ noch nie was von Adorno gelesen (lacht). Ich hab‘ keine Ahnung von Horkheimer und Adorno… Also, du hast gefragt, ich kokettiere nicht damit, aber es ist einer der schönsten Sätze: „Wieso müsst ihr immer von diesem Adorno labern / ich kenne keinen Film, in dem der vorkam!“ Das ist nicht meine Welt, das ist nicht mein Zugang. Ich glaube, ich habe einen emotionaleren Zugang zu politischen Themen und einen Zwischenmenschlicheren. Das heißt, wenn mich das über eine Ecke betrifft, dass ich jemanden kenne, den es betrifft. Das sind so Themen. Aber ich bin kein Linksintellektueller, überhaupt nicht.

„Ich bin kein Linksintellektueller, überhaupt nicht.“

Diese Leute gibt es ja wirklich, die sich so alle zwei Wochen treffen und dann zusammen lesen und diskutieren.
Ja, mein bester Kumpel ist in so „Das Kapital“-Lesekreis, so Krams, drin. Und ich respektiere das zu Tode, ich finde es mega, dass er das macht. Aber ich muss sagen, dafür bin ich einfach nicht Theoretiker genug und ich war auch nie ein guter Student. Ich lese super gerne Geschichten, die sich mit dem Leben von Menschen auseinandersetzen und sozusagen über Metaphorik oder über das Auf-der-Hand-Liegende politische Aussagen treffen. Aber ich lese keine politische Theorien. Ich kann damit nicht so viel anfangen. Das heißt nicht, dass es nicht cool ist oder dass es einen nicht weiterbringt oder so. Aber es ist tatsächlich nicht mein Zugang.
Ich lese dann eher sowas wie das Buch von B. Traven „Das Totenschiff“. Da geht es um einen jungen Seemann, der aus Versehen seinen Ausweis verliert, also seinen Seemans-Ausweis, was damals sozusagen Arbeitserlaubnis und Ausweis in einem war um die Jahrhundertwende 1900. Er macht danach eine unglaubliche Odyssee durch, weil er halt nicht mehr existiert, weil er keine Papiere hat, die sagen, dass er existiert. Keine Behörde, kein Land nimmt ihn auf, keiner spricht mit ihm. Keiner fühlt sich zuständig, alle sagen: „Wo sind Sie geboren?“ „Wie können Sie das beweisen?“ „Wer SIND Sie, wie können Sie das beweisen?“ Und das zum Beispiel ist ja auch eine politische Metapher. Warum macht Papier einen Menschen zu einem Menschen? Und was machen die Leute ohne Papier? Wir wissen, dass in unserer Gesellschaft viele Leute ohne Papier leben, die mega an den Rand gedrängt werden. Das ist mein Zugang, dass ich so ’ne Geschichte lese und denke „Wow, ist eigentlich super aktuell das Buch!“, 100 Jahre alt, aber… Das ist für mich politisch, dafür brauche ich jetzt nicht irgendjemanden, der mir die Welt erklärt, oder ich würd’s vielleicht auch gar nicht verstehen, keine Ahnung.

Und insgesamt bei TickTickBoom- gab es Zeiten, in denen ihr diskutiert habt oder macht bei euch mehr jeder so sein eigenes Ding?
Wir haben ja eine krasse geografische Distanz. Wir waren in Bremen, Hamburg, Nürnberg, Berlin. Das war jetzt nicht so, dass wir gesagt haben: „Hey, was machst du am Wochenende? Lass‘ uns mal zu 20. treffen und diskutieren.“ Das kam halt eher selten vor, weil es einfach organisatorisch kaum möglich ist. Aber mit den einzelnen Leuten hat man natürlich Diskussionen losgetreten. Und gerade wenn etwas Aktuelles auftrat, haben wir uns immer wieder gefragt: „Leute, wie reagieren wir darauf? Wie stehen wir eigentlich dazu? Was ist der Konsens in unserer Gruppe? Was ist die Haltung? Wer denkt was über das Thema?“ Und das haben wir dann schon auch ausgetragen, manchmal halt einfach auch über’s Internet, weil es so ist wie es ist, wir wohnen nicht an einem Ort. Aber wir hatten jetzt zum Beispiel keine Lesekreise oder so, einfach Diskussionen in einem Forum. Wir hatten ein eigenes Forum gebastelt, wo wir Themen reingepackt haben. Da passiert gerade das und das. „Wie sind wir dazu aufgestellt? Können wir dazu eine Äußerung abgeben, mit der alle cool sind? Was ist unser Konsens?“ Ja, das ist ja eigentlich auch schon politische Auseinandersetzung auf Basisniveau. So haben wir das gemacht.

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Diana

Die Stuttgarterin ist seit Dez' 2015 in Hamburg. Sie liebt die Welt der Bässe, Beats, Melodien und Lyrics. Im Studium hat sie sich fast nur mit Hip Hop beschäftigt und könnte endlos darüber nachdenken und schreiben.

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Hanfosan

Erzähl Digger, erzähl

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