Knast für Kunstfreiheit: Spanischer Rapper Valtònyc muss ins Gefängnis

Vor wenigen Tagen wurde der mallorquinische Rapper Valtònyc dem Tribunal Supremo, dem Obersten Gerichtshof in Spanien vorgeführt. Alleiniger Grund für den Prozess waren seine Lyrics, in denen er in Form von ironischen Vergleichen und vergleichbaren Stilmitteln Kritik an der Regierung, Monarchie, Polizei und der Korruption im Land äußerte. Das Urteil: dreieinhalb Jahre Gefängnis.

Kunstfreiheit

Foto(Porträt): Dani Codina

Valtònyc ist seit 2009 in der spanischen Szene aktiv, er tritt auch unter dem Namen L’Indomable auf, was übersetzt so viel heißt wie “Der Unbeugsame”. Seine Musik ordnet er dem Genre “Rap combatiu” zu, sprich “Kampf-Rap”. Während er auf rohe, schnörkellose Beats setzt, sind seine Lyrics stets stark politisiert. Auch seine Präsenz in den sozialen Netzwerken nutzt er, um Kritik an der politischen Lage in seinem Heimatland zu äußern. Vor der Verhaftung und den weiteren juristischen Konsequenzen war Valtònyc nicht über Szene-Kreise hinaus bekannt. Durch die mediale Aufmerksamkeit in Spanien, kann er viele Unterstützer auf seiner Seite zählen.

Verurteilt wurde er wegen des Tracks “La TuerKa Rap”, den er bereits 2012 veröffentlichte. Bereits kurz nach dem Release wurde Josep Miquel Arenas, so sein bürgerlicher Name, verhaftet. Ihm wurde die Verherrlichung von Terrorismus und die Beleidigung von der spanischen Krone und unter anderem Regierungschef Mariano Rajoy vorgeworfen. Aus diesem Grund wurde sein Fall rund fünf Jahre vom Sondergerichtshof für Bandenkriminalität, Wirtschaftskriminalität und Terrorismus verhandelt. In den “verhängnisvollen” Lyrics rappte er unter anderem:

“Wenn ich die ETA hochleben lasse, sperren sie mich ein, wenn du ein Hurensohn wie Urdangarin bist, nicht.”

Ein kleiner Exkurs in die spanische Geschichte: Die Euskadi Ta Askatasuna, kurz ETA, war eine selbsternannte Befreiungsorganisation, die sich während der Diktatur Francos gründete, um für die Autonomie des Baskenlandes zu kämpfen. Dabei übte der radikale Teil der nationalrevolutionären Gruppe immer wieder gewaltsame Aktionen aus, bei denen viele Menschen getötet wurden – mit anderen Worten, resultiert aus dem ersten Teil des Zitats also der Vorwurf der Verherrlichung von Terrorismus. Im anschließenden Teil des Zitats spielt er auf Iñaki Urdangarin an, dem wegen Korruption verurteilten Schwager von König Felipe VI. Funfact: 2006 gab es den ersten Verdacht wegen Korruption gegen Urdangarin, 2017 wurde er zu einer Freiheits- und Geldstrafe verurteilt – passiert ist bislang aber noch nichts, während Valtònyc seit seiner Ablehnung des Antrags auf Haftverschonung am Freitag zehn Tage Zeit hat, sich selbst zur Haft zu melden. Welch Ironie.

Rap ist provokant, extrovertiert und mehr als mir lieb ist oft an der oder über die Grenze des guten Geschmacks hinaus. Doch zieht man in diesem Beispiel mit extremen Konsequenzen nur diese Line aus “La TuerKA Rap” heran ist man schnell bei der Frage: Wie weit darf Kunstfreiheit gehen? Oder viel eher, wer entscheidet was fiktiv und was real ist? Für diese Frage hat sich der Oberste Gerichtshof in Spanien strikt am jungen, spanischen “Gesetz zum Schutze der Bürger” orientiert, welches eine beschönigende Umschreibung für die Einschränkung von Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht ist. So ist Valtònyc nicht der einzige Musiker, der wegen seiner Äußerungen in ernsthafte Schwierigkeiten geraten ist.

Mehr als 70 Rapper und Twitteraktivsten steht ein ähnliches Gerichtsverfahren bevor.

Auch in der Deutschrap-Szene ist die Debatte um Kunst- und Meinungsfreiheit (all)gegenwärtig: Stichwort Echo. Doch sieht die juristische Lage in Deutschland für den “Durchschnitts-Kritiker” im Vergleich “entspannter” aus. Hier heißt es im Schnitt Artist vs. BPjM. Die Zensur von Kunst findet in erster Linie vor dem Jugendschutz statt, der zu einer Einschränkung der Meinungs- und somit auch Kunstfreiheit führen kann. Die Liste der indizierten Tonträge ist lang. Darauf sammeln sich Artists von A bis Z – Von Aggro Berlin, über Kollegah und Farid Bang bis Orgi ist die Liste wohl die meist sexistische, gewaltverherrlichende und homophobe “Kollabo-Compilation”, die die Deutschrap-Geschichte je zu Ohren bekommen hat. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien überprüft Tonträger hinsichtlich sieben gesetzlich geregelter Fallgruppen: Verrohende Wirkung, Anreizen zu Gewalttätigkeit, Verbrechen, Rassenhass, Selbstzweckhafte, detatillierte Gewaltdarstellungen, Nahelegung von Selbstjustiz und Unsittlichkeit. Valtònyc könnte hierzulande also durchaus auch Post von der BPjM bekommen, wegen anderer Textpassagen, in denen Anreize zur Gewalttätigkeit auftauchen. So sollen korrupte PolitikerInnen “Angst haben wie einst die Guardia Civil im Baskenland”. Ob dies für eine Indizierung “reicht”, ist dann aber wieder eine andere Frage. Die Zensur der Musik ist die eine Seite, die tatsächliche, juristische Verurteilung der Artists wieder eine andere, ausgenommen rechtsextreme Rap-Artists, die ich nicht zu der Deutschrap-Szene zähle, sondern als Propagandamittel der Neonazis sehe und die somit im Zuständigkeitsbereich des Verfassungsschutz liegen.

Während in Deutschland Drogen, Raub und Gewalt insbesondere in der nahen Vergangenheit zu Verurteilungen von Deutschrapper führten, ist die Liste an Verurteilungen von rein “lyrischen Verbrechen” knapp. 

Bereits zehn Jahre ist es nun her, dass Blokkmonsta, Uzi und Schwartz zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt wurden. Grund dafür waren Lyrics, in denen Folter und Tötung von Polizisten aber auch die Ermordung der SPD-Bundestagsabgeordneten Monika Griefahn schilderten – Die Strafanzeige ging übrigens von der BPjM aus. Die Hirntot-Crew hat sich damit bis dato die “Höchststrafe” in dieser Richtung eingeheimst. Allerdings wurde aber auch unter anderem Frauenarzt für seine Lyrics vor fast zehn Jahren zum Bußgeld verurteilt. Einzig der Hirntot-Fall ist aufgrund der politischen Note und der im Vergleich “schweren” Strafe mit Valtònyc in einer ähnliche Ecke zu verorten. Allerdings sind die Vorwürfe mit denen Valtònyc konfrontiert wurde meines Erachtens nach seitens des Gerichts eine reine Überinterpretation seiner ironischen und teils sarkastischen Lyrics, die allein dank der musikalischen Untermalung als nicht bedrohlich, sondern nur als kritisch zu werten sind – Hallo Demokratie! Apropos, die drei Richter, die Valtòny verurteilten, stehen alle der konservativen Partido Popular nahe. Zwei von ihnen wurden darum sogar aus den wichtigsten Korruptionsverfahren gegen die Partei um Ministerpräsident Rajoy ausgeschlossen.

The following two tabs change content below.
Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.