King Kolera: „In diesem Kampf geht es nicht um Schwarz oder Weiß, sondern um Freiheit.“

King Kolera ist ein Rapper aus Hamburg. Vor kurzem hatte er mit seinem Song „Black Panther Halbschwarzer“ eine Videopremiere bei BACKSPIN. Der Titel des Songs deutet bereits an, was den 28 Jährigen so interessant macht. Der Halb-Angolaner ist in Spanien aufgewachsen und im Alter von elf Jahren mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Deutschland gekommen, da sie sich hier eine bessere Perspektive erhofft haben. Im Kindesalter hat er mit seiner Familie mitsamt Vater bereits für eine kurze Zeit in Deutschland gelebt. In Spanien sei die Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe so groß gewesen, dass seine Mutter keine angemessenen Jobs bekommen habe. Angekommen in Deutschland musste King Kolera schnell merken, dass Menschen mit einer anderen Hautfarbe auch hier noch tagtäglich mit Diskriminierungen konfrontiert werden. Damit sein zweijähriger Sohn in einer aufgeschlosseneren Gesellschaft großwerden kann, hat der Hamburger es sich zur Aufgabe gemacht für Anerkennung zu kämpfen – mit Musik. Seine EP „Genug ist Genug“ ist am 12. Februar erschienen. Wir haben mit ihm unter anderem über den täglichen Rassismus, die Musikindustrie und Verschwörungstheorien gesprochen.

Was ist die wichtigste Quintessenz aus deiner Musik? Was willst du bewegen?

King Kolera: Hauptsächlich mache ich Musik um Augen zu öffnen. Ich mache das nicht um populär und bekannt zu werden. Natürlich wäre das gut, aber das ist nicht der Hauptgrund. Wie wir sehen, werden wir alle vom System unterdrückt und es gibt einfach viel zu wenige Stimmen im Rap, die darüber sprechen. Ich will einfach meinen Beitrag leisten. Das ist mein Teil, den ich zur Kultur beitrage. Hip-Hop hat so angefangen – das war sozialkritisch. Die haben gegen den Staat gerappt, weil die in den Ghettos waren und ein scheiß Leben hatten. Die hatten nur die Musik um sich zu öffnen und den Schmerz heraus zu lassen und genauso mache ich das auch. Das ist der Grundstein von Hip-Hop und viele haben das vergessen. Ich bin ein Junge von der Straße, aber ich will nicht einfach nur ignorante Straßenmusik machen. Ich will das mischen, damit ich die Jugend von der Straße ansprechen, aber auch ihre Augen öffnen kann. Das ist mein Ziel.

Gibt’s deiner Meinung nach Leute in Deutschland, die das genauso machen wie du?

King Kolera: Es gibt Leute, die ich feiere, aber mir fällt nicht wirklich jemand ein. Es gab früher Leute wie beispielsweise, einen Torch oder die Brothers Keepers, aber wie lange ist das her? Das ist das, was ich nicht verstehe. So lange gab es keinen Rapper, der das anspricht, was ich anspreche, obwohl wir das jeden Tag sehen. Rassismus, Unterdrückung – jeder sieht das, aber niemand spricht es an, weil es nicht populär ist und anderen vielleicht Türen verschließt. Die meisten denken nur daran bekannt zu werden und Geld zu machen. Das ist aber ein größeres Ding, da geht’s nicht um Geld. Das ist nicht Hip-Hop. Die haben Schiss anzuecken. Die machen alle auf Gangster, aber machen den Mund trotzdem nicht auf, wenn etwas passiert. Ich sage nicht, dass man das machen sollte, was ich mache. Wenn du aber Hip-Hop machst, solltest du irgendetwas sagen. Du musst kein Philosoph sein, das bin ich auch nicht. Ich spreche einfach, wie ich spreche – aus dem Herzen. Deswegen fühlen das auch viele Leute von der Straße, die es schwer haben. Ich habe früher auch Straßenmusik gemacht, aber man wird ja auch älter. Das hat meine Augen geöffnet, denn mein Sohn wird hier mit den gleichen Problemen aufwachsen, wenn sich nichts ändert.

Die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung ist eines deiner Hauptthemen. Wie äußert sich dieses in deinem täglichen Leben?

King Kolera: Ich habe das mein ganzes Leben lang gespürt. Ich habe dunkle Haut, schwarze Haare, ich bin kein Deutscher. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber wurde in Spanien geboren und selbst da habe ich das gemerkt. Wir leben in Europa und dieses System ist ein rassistisches. Es verkörpert white supremacy und egal wo du in Europa bist – Deutschland, Italien, Spanien – du wirst das gleiche spüren. Ich spüre das seit meiner Kindheit. Als ich mit elf Jahren nach Deutschland gekommen bin, konnte ich nicht so gut deutsch. Ich war auf einer Schule, in der nur Ausländer waren und die meisten waren kriminell drauf. Das war das erste, was ich von Deutschland gesehen habe. Da habe ich ein Jahr lang deutsch gelernt, bevor sie mich auf eine normale Schule geschickt haben. Da habe ich schon gemerkt, dass sich die Lehrer gar nicht dafür interessieren mir zu helfen.

Man kommt in ein fremdes Land und merkt schon morgens in der Schule, dass man nicht akzeptiert wird. Keiner gibt dir die Hand, alle zeigen nur mit den Finger auf dich.

Die Lehrerin war, das muss ich so sagen, eine Nazi-F*tze. Sie hat gemerkt, dass ich mit der Sprache Schwierigkeiten hatte, aber anstatt mir zu helfen, hat sie nur mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: Er macht Scheiße, er passt nicht auf, er macht dies, er macht das. Dann bin ich abgerutscht. Da hat alles angefangen mit Kiffen, Klauen, sich Schlagen, alles. Man merkt das selbst nicht, da man zu jung ist, aber man bekommt ein Trauma. Man kommt in ein fremdes Land und merkt schon morgens in der Schule, dass man nicht akzeptiert wird. Keiner gibt dir die Hand, alle zeigen nur mit den Finger auf dich. Und dann irgendwann fängst du an darauf zu scheißen und zu sagen: „Die helfen mir doch eh nicht.“ Du nimmst die Steine, die sie dir in den Weg legen und fängst an damit auf sie zu schmeißen. So hat alles angefangen. Genauso ist’s mit den Bullen. Anstatt den jugendlichen Ausländern zu helfen, stecken sie die in den Knast. Jeder Mensch auf dieser Erde hat ein Talent, aber sie kommen in den Knast und danach wird alles nur schlimmer. Dabei brauchen sie einfach nur Aufmerksamkeit und Hilfe um ihre Talente zu entwickeln. Aber wenn die erst einmal richtig kriminell sind, kann ihnen niemand mehr helfen. Das ist dieses System. Das macht die Leute einfach kaputt. Ich habe keinen Hass. Ich bin niemand, der Menschen hasst, aber ich habe diese Wut. Diese Wut gegen das System und die Menschen, die dieses System verkörpern.

Du nimmst die Steine, die sie dir in den Weg legen und fängst an damit auf sie zu schmeißen.

Diese ganzen Menschen, die aus Afrika und Asien hochkommen und sterben. Die fliehen, weil da Krieg herrscht und der Krieg herrscht, weil europäische Länder das Gleichgewicht einfach brechen. Die bringen die Korruption in diese Länder. Sie wundern sich, wenn sie zum Beipiel einen Gaddafi umgebracht haben und nun keine Grenzen mehr existieren und alle einfach reinkommen. Dann werden Demos gegen die Flüchtlinge gehalten, keiner will ihnen helfen und dann ertrinken die Flüchtlinge mitsamt ihrer Familien im Ozean. Das deutsche Paradies wurde mithilfe anderer Länder aufgebaut und hier protestieren irgendwelche Spastis gegen Flüchtlinge. Die schämen sich nicht einmal. Das ist einfach ekelig. Man muss ihnen die Maske vom Gesicht reißen und zeigen für was sie stehen.

Hast du das Gefühl, dass der tägliche Rassismus über die Jahre abgenommen hat? Oder wird alles im Moment wieder schlimmer?

King Kolera: Die tun alle so als würde es wieder besser werden, aber das ist alles nicht echt. Das ist alles Maskerade. Den Menschen geht es immer noch schlecht. Das wird schlimmer. Das wird nicht besser. Mehr Kontrolle durch die ganze Terrorismus-Scheiße. Die werden das nutzen um die Menschen durch Kameras und Security noch mehr zu kontrollieren. Man ist einfach gefangen auf dieser Welt und das ist traurig. Ich habe keine Zeit rum zu heulen. Ich muss einfach meinen Teil dazu beitragen. Das ist, was mich glücklich macht. Deswegen mache ich Musik. Ich habe auch Tracks, in denen ich über andere Sachen spreche. Musik ist Musik. Der Grundstein soll aber das hier sein. Wir leben für diese Kultur und diese Kultur soll das reflektieren, was auf dieser Welt passiert und nicht irgendeine ausgedachte Scheiße. Es gibt natürlich Platz für alles, aber wann gab’s zuletzt jemanden, der das gemacht hat, was ich mache? Ich glaube, die Musikindustrie hat da auch viel mit zu tun.

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Weil sie bestimmen kann, wer stattfindet?

King Kolera: Genau. Und sie wollen uns nicht, da Menschen wie ich ihr Business kaputt machen. Was die Musikindustrie repräsentiert ist das Gegenteil von dem, was ich repräsentiere.

Was repräsentiert die Musikindustrie denn für dich?

King Kolera: Kapitalismus. Ich lebe im Kapitalismus und ich mache auch mit. Wenn ein Label aber kommen und mir viel Geld geben würde, würde ich es in die Menschen investieren. Das ist der Grund, warum Leute wie ich nicht rauskommen. Die haben Angst davor. Warum habt ihr Angst? Das wird trotzdem passieren. Ihr könnt uns nicht unten halten. Wir werden irgendwie hochkommen.

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