Street Art in Rumänien: Kero Zen über seine Trains, Kontakt mit der Kirche und Murals

Kero Zen ist ein Original in Rumäniens Graffiti- und Street Art-Szene: Als Trainwriter der ersten Stunde, Muralist und Querdenker tanzt er auf vielen Hochzeiten. Wenn er nicht gerade das größte Wandgemälde Rumäniens malt, legt er sich mit der Konsumindustrie an oder ärgert die Orthodoxe Kirche als Teil der  Crew Nova Ordine Murale.

Kero Zen at work – die bunte Strickmütze ist sein Markenzeichen.

Erstkontakt mit Street Art und Graffiti?
Am Gymnasium in den 1990ern hatte ich Kumpels, die gerappt haben. So bin ich über Hip-Hop zu Graffiti gekommen. Wir schauten uns Wu Tang – Videos an und sahen dann Pieces im Hintergrund. Oder das Musikvideo zu dem Song „Energy“ von U 96 aus Deutschland. Dort wurde der gesamte Prozess aufgezeigt: Über Zäune springen, Schmiere stehen, Bomben gehen, ein Tutorial sozusagen.  Schritt für Schritt: Skizze, Kontur, Füllung….

Ab da warst Du infiziert?
Genau. Die Energie habe ich direkt von der Quelle bezogen: Hip-Hop. Am Anfang fehlte das Geld, es reichte nur für ein paar Cans, so malte ich nur ein paar Bilder in ein paar Monaten. Ich kam um drei Uhr morgens nach Hause und konnte vom Adrenalin die ganze Nacht nicht schlafen. Mir erschienen die Pieces im Halbschlaf, es ist eine krasse Droge. Da ist eine richtige Abhängigkeit entstanden.

Was ist der Ursprung Deines Namens?
Kero Zen kommt von Kerosin. Ich mochte den Klang und die einzelnen Buchstaben. Kero steht für das Feuer, die Energie, Zen für das Wasser. Jeder Mensch vereint doch diese beiden Elemente. Manchmal bin ich mehr das eine und dann wiederum mehr das andere.

Wie bist Du zum Train-Bombing gekommen?
Ab Anfang der 2000er war Bukarest für Train-Writer ein Paradies. So bin ich da gelandet und habe sechs Jahre dort gelebt. Ich wollte  einfach nur bomben. Das war meine einzige Motivation. Ein Freund hat einen Graffiti Shop aufgemacht und mich wegen meines Know-Hows mit ins Boot geholt und mich dort unterstützt.

Hast Du beim Malen auch unangenehme Erfahrungen gemacht?
Beim Trainwriting im Bukarester U-Bahn-System haben wir viele krasse Sachen erlebt: Kleinkriege mit den Wachmännern, Brechstangen, gespaltene Schädel, gebrochene Hände… Aber am besten ist es, sich aus so etwas möglichst raus zu halten, die Situationen nicht eskalieren zu lassen, wegzulaufen.

Vor ein paar Jahren hattest Du ein Problem mit der Orthodoxen Kirche in Rumänien.
Ich bilde mit Irlo und Obie Platon die Crew Nova Ordine Murale. Wir haben in Bukarest ein Mural gemacht zum Nationalheiligen Sankt Georg. Kurz darauf gab es einen Anruf bei der Stadtverwaltung, vonseiten der Kirche – natürlich inoffiziell. Es wurde Druck auf den Hausbesitzer ausgeübt. Uns haben sie dann auch vorgeladen und uns gesagt, wir müssten Änderungen vornehmen, am Kreuz und so weiter. Wir haben uns geweigert. Die haben das Ding eiskalt übermalt, der Besitzer musste die Kosten tragen.

Der Heilige Georg: Das Mural wurde auf Geheiß der Orthodoxen Kirche übermalt.

Was sind Deine Gedanken zum Status Quo der hiesigen Szene?
Der Boom ist vorbei, ein Niedergang ist zu beobachten. Der harte Kern ist auseinandergedriftet. Jeder macht sein Ding. Die U-Bahn hat uns früher alle zusammengehalten. Wir trafen uns, haben gemalt, gechillt, Fotos gemacht. Jetzt sind es nur noch wenige und die machen das alles mehr für sich. Aber auch zu unserer Zeit war es nicht unbedingt each one teach one, wir haben Infos eher Crew-intern weitergegeben, nur ab und an einen Neuen unter unsere Fittiche genommen. Wenn er die nötige Leidenschaft hatte.

Gibt es für Dich Limits was Spots angeht?
Wenn mich ein Gebäude reizt, dann mal ich auch, dann kann das auch das Weiße Haus sein. Es geht um die Erfüllung eine Vision.

Und Grenzen, wenn es um kommerzielle Projekte geht?
Bei einem direkten Übel. Wenn es sich zum Beispiel um eine Kampagne handeln würde, die klar darauf abzielt, Menschen zum Rauchen zu bewegen, würde ich ablehnen. Ich selbst rauche nicht, bin dagegen. Ich habe auch meine Freundin davon weggebracht. Bei einer Anti-Rauch Kampagne wäre ich gleich dabei.

Also siehst Du in der kommerziellen Verwertung Deiner Arbeit keinen Sell-Out?
Ich glaube nicht, dass man Sell-Out ist, wenn man Kohle für seine Arbeit nimmt. Man kann das System auch von innen bekämpfen. Es kommt darauf an, was man mit dem Geld macht. Wenn man es nutzt, um seine eigenen Ideen unabhängig umzusetzen, ist das true. Wenn man es nutzt,  um unsinnige Konsumgüter, Drogen und Huren davon zu kaufen, ist das ein Fail.

Zählt die Größe?
Genrell gilt: Umso größer desto besser. Größenwahn funktioniert bei den Menschen. Als Künstler bedien ich diesen Aspekt. In der Größe zeigt sich der Unterschied zwischen Galerien und Öffentlichem Raum. Der Effekt ist nicht zu vergleichen. Zum Beispiel das Micro Macro Mensch Mural in Cluj (zweitgrößte Stadt Rumäniens; Anm. d. Verf.). Das Ding ist 33 Meter lang.  Ich habe ungefähr 40 Stunden mit einigen Freiwilligen, die mir dabei geholfen haben dran gearbeitet.

Das größte Mural Rumäniens: Der Micro-Macro Mensch leuchtet in der Nacht.

Erfahrungen außerhalb Rumäniens?
London, Paris, Barcelona. In Deutschland Chemnitz, Hamburg, Leipzig und Berlin. Wir sind durch Europa gereist mit dem Auto. Das haben wir einem türkischen Autohändler in Leipzig für 200 Euro abgekauft. Darin haben wir auch geschlafen. In den Städten haben wir dann viel Space Painting gemacht. Bisschen Kitsch, aber es geht um die Performance. Die Leute schauen dir dabei zu, wie du die Dinger machst und am Ende kaufen sie es dir ab. So haben wir unsere Kohle zusammengekriegt. Als wir wieder in Rumänien waren, haben wir die Karre zum Schrotthändler gebracht und das Geld wieder reingeholt.

Was bedeutet real für Dich?
Real bedeutet für mich nicht unbedingt, dass man Cans stehlen muss, das ist mir zu extrem. Wichtig ist die Leidenschaft. Was ist Graffiti letztlich? Eine subversive Rebellion gegen ein System. Egal ob das ein soziales, politisches, oder kulturelles System ist. Sich frei ausdrücken können, wie, wann und wo immer man will.

Was ist Deine Motivation?
Es gibt viele Aspekte und Nuancen, warum man das macht, darunter auch den Wunsch, sich Respekt zu verschaffen, Anerkennung zu erhalten. Zum Beispiel einen One Man Whole Train zu malen. Es ist wie ungesichertes Bergsteigen, jeder will den höchsten Gipfel erklimmen. Es ist eine Art Sport.

Zukunftspläne?
3D reizt mich. Aber nicht virtuell. Also als Installationen. Meine Zeichnungen sollen eine Metamorphose in die Realität erfahren, konkretisiert werden. Oder Performance mit befreundeten Musikern. Wie eine Jam Session. Ich male, das inspiriert die Musiker und sie inspirieren mich, es kommt zu einer Synergie.

Last Words?
Sei erfinderisch, pass dich den Gegebenheiten an. Wenn du malen willst, aber keine Kohle hast, überleg dir eine günstige Maltechnik, geh raus und probiere sie aus. Lass dich von niemandem aufhalten!

Auch in Deutschland war Kero Zen aktiv –  das Bild steht in Kassel und ist im Rahmen von KolorCubes entstanden, mitbeteiligt waren außerdem Irlo, Ocu und Iro Universe

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Gabriel Medrea

Freier Autor, Baujahr 1980, Kindheit: Sozialismus in Rumänien. Als Hosenscheißer ab ins deutsche Wirtschaftswunderland. In Hip Hop Deutschlands Wiege Heidelberg Geschichte und auch Politik studiert. Nebenbei von allem bisschen was: Radio Deutsche Welle Köln, TV Ufa Serial Drama in Berlin und Onlinepresse Heinertown für Darmstadt.

1 Comment

  1. Oana Iulia Oana

    8. November 2018 at 18:33

    Gutes Interview. Mal was anderes.

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