Keno: „Auf dem Album sind viele Inhalte, die ich so noch nicht in Rapsongs gehört habe.“

 

kenoZusammen mit Fatoni bildete Keno bis 2012 das Duo „Creme Fresh“, zudem ist er als Frontmann der Brazz-Band „Moop Mama“ zu sehen. Mit „Paradjz Lost“ wagt der Rapper aus Süddeutschland den Weg als Solokünstler. Was den Hörer auf dem Debüt erwartet und wie das Album überhaupt entstanden ist, haben wirmit Keno in unserem Format „Zwischen den Zeilen“ geklärt:

 

Was für eine Idee/ ein Konzept steckt hinter deinem/eurem Album „Paradajz lost“?

Paradajz Lost begann als Tagebuch auf einigen Reisen die ich zwischen Istanbul München und Athen durch Osteuropa gemacht habe. Die Gedanken, Textfetzen und Geschichten, die ich aufgechrieben habe als ich unterwegs war wollte ich eigentlich zu einem schnell zusammengebastelten Mixtape o.ä. machen. Aber als Flying Pussyfoot und ich uns dann an die Umsetzung machten, merkten wir schnell das da mehr drinsteckt. Es ist jetzt ein Konzeptalbum geworden, das sich inhaltlich wie musikalisch immer an einem konkreten roten Faden entlangbewegt. Die Lyrics sind alle ziemlich sozial- oder zivilisationskritisch und die Beats basieren alle auf 70er Jahre Anadolu Rock Samples, die ich aus der Türkei mitgebracht habe. Es geht auf dem Album viel um Grenzen, innere, wie äußere, um das Paradies das wir bewohnen und die absurden Lebenskreisläufe darin.

Es ist eine sehr Runde Sache geworden, bis hin zum Artwork, das mit viel Liebe zum Detail illustriert worden ist und die Thematik des Albums mit vielen kleinen Einzelheiten aufgreift.

 

Was gibt es zu den Features zu sagen?

Es gibt auf der Platte keine Features, nur musikalische Gäste. Flying Pussyfoot hat alle Beats produziert, aber wir haben uns einige Sachen live einspielen lassen von Mitgliedern der TribesofJizu und Moop Mama.

 

Wie lief die Produktion ab?

Als ich Flying Pussyfoot den Ordner voll Türkischer Musik auf den Rechner zog, den ich nach einer wilden Nacht in Istanbul abgestaubt hatte, hagelte es förmlich Beatskizen. Die orientalischen Sounds haben ihn sofort inspiriert. Dann haben wir angefangen meine Textideen damit zu kombinieren und die Songs nach und nach auszuarbeiten.

 

Was erwartet den Hörer inhaltlich auf „Paradajz lost“?

.Auf dem Album sind viele Inhalte, die ich so noch nicht in Rapsongs gehört habe. Es gibt einen Song auf dem ich die Geschichte einer Plastiktüte erzähle. Vom Supermarkt, vor dem sie fallengelassen wird durch die Stadt, durch Flüsse, bis sie im Meer irgednwo ins Nirvana eintaucht, das wir „Great Pacific Garbage Patch“ nennen, den riesigen Müllstrudel in dem Plastikteile sich auf ewig umeinander drehen biss sie in kleine Stücke zerrieben werden.

Es gibt aber auch einen Track, der das Prinizp der Sanifair Toilette als nachhaltigen Kreislauf entdeckt. „So verlangen sie jetzt Eintritt fürs Scheißhaus und du erhältst dafür nen Gutschein für den Einkauf, den du dann wieder für Schweinefrass eintauschst, voila ein nachhaltiger Kreislauf…“ Die meisten Songs sind sehr erzählerisch, es sind immer Geschichten.

 

Eine kleine Randnotiz rund um das Album?

„Paradajz“ ist kroatisch und bedeutet „Tomate“, ich habe den Namen der Platte von einem kleinen Cafe auf einer kroatischen Insel geklaut, das so hieß. Wenn ich auf Reisen bin sind Cafes immer meine ersten Anlaufpunkte. Bei einem guten Espresso kann man gut die Lage checken und die Umgebung auf sich wirken lassen. Ich habe viele gute Momente und Begegnungen meiner suche nach gutem Espresso zu verdanken.

 

Von Track zu Track:
01.Backpacker

Das Intro der Platte, und auch der erste Sond den wir gemacht haben. Es geht um das Gefühl das man hat wenn man aufbricht und den ganzen digitalen Kram der einen umgibt gegen Abeteuer eintauscht.

02.Über den Wolken

Den Song habe ich tatsächlich im Flugzeug angefangen. Ich beobachtete den kleinkarierten Ameisenhaufen da unten und dachte von wegen grenzenlose Freiheit, hier oben wird einem erst so richtig klar wie wir uns alles zurechtstutzen und begradigen. Ich fragte mich wo das wohl alles hinführt und am Ende des Songs geht die Menschheit zu Grunde, die Erde dreht sich trotzdem weiter.

03.Der See

Es geht um die Grenze zwischen zwei Ländern und den See dazwischen. Der See ist uralt und hat schon Zivilisationen kommen und gehen gesehen. Die beiden Länder sind extrem unterschiedlich. Eine willkürlich gezogene KLandesgrenze verändert alles.

04.Pij

Das erste Interlude auf der Platte. Ich lese ein paar Zeilen aus Albert Einsteins „Wie ich die Welt sehe“ vor. Sehr wahre Sätze wie ich finde.

05.Wie sie sind

Das ist ein Song übers Alleinsein und wie sich die eigene Wahrnehmung verändert. Ich mag den Beat, der hat sowas Wu-Tang mäßiges.

06.Geschlossene Gesellschaf

Hier betrachte ich das Thema Grenzen aus meiner eigenen Perspektive. Der Perspektive eines privilegierten Deutschen, der mit seinem Pass überall hindarf.  Das gilt leider nicht für alle Menschen. Dass ich den Song geschrieben habe ist schon eine ganze Zeit her, damals war die ganze Flüchtlingsthematik noch garnicht so stark in den Medien. Aber als ich im Bus durch Osteuropa fuhr bekam ich trotzdem mit, wie immer Leute an den Grenzen rausgezogen wurden. Sie kontrollierten immer nur  Leute aus bestimmten Ländern, wie Albanien. Mich ließ man immer gewähren. Es gibt nichts das ungerechter ist. Diese Welt gehört uns allen.

07.Interlude

Wir wollten unbedingt Interludes auf die Platte packen. Das tut manchmal ganz gut nach all dem Geschwafel. Eine kurze Verschnaufpause. Außerdem finde ich das Instrumental von Flying Pussyfoot sehr schön und stimmungsvoll.

08.Paradajz Lost

zunächst beschreibe ich das Schlaraffenland in dem wir Leben. Den Garten Eden der Kassenschlangen und später die Reise einer Plastiktüte in ihr eigenes Paradies. Es geht aber nicht nur um ein verlorenes Paradies dondern auch darum, dass wir zwar jederzeit Tomaten essen könne, aber garnicht mehr wirklich wissen wie echte Tomaten schmecken…

09.Kreislauf

Der Track beschreibt zwei Kreisläufe durch die Nahrung in unserer Gesellschaft laufen. Es ist der düsterste Track auf dem Album es geht ums Fressen und Scheißen.

10.Per Anhalter

Das ist das Outro der Platte und schließt den Kreis. Irgendwann auf einer Reise kommt man immer an den Punkt an dem man wieder Lebewohl sagt und nach Hause zurück kehrt. Wenn man es richtig angestellt hat, dann bringt man einen ganzen Rucksack mit Erfahrungen mit. In diesem Fall sind sie alle auf diesem Album gelandet. Also:

Auf Wiedersehen und vielen Dank für die Gastfreundschaft!

 

 

The following two tabs change content below.
Ich kann quasi nur über Musik reden...
Razer

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.