Kendrick Lamar und der Hype-Train: Die Second-Album-Theory

Damn.
 

Das ging schnell: erst am 23. März erschien mit „The Heart, Part IV“ der erste Vorbote des Karfreitag erschienenen, neuen Kendrick Lamar Albums „DAMN.“. In diesen knapp drei Wochen wurde aus einem Musikalbum ein popkulturelles Großereignis. Das verdankt Kendrick besonders der viralen Kraft des Internets. Doch der Reihe nach… In „The Heart, Part IV“ heißt es in der letzten Zeile:

„Y’all got until April the 7th to get y’all shit together.“

Das Internet bekam Schnappatmung und fragte sich, ob das der Termin des „To Pimp A Butterfly“-Nachfolgers sein würde. Auch inhaltlich sorgte der Song für Gesprächsstoff. Disst der sonst so politische Rapper plötzlich die Kollegen Drake und Big Sean? Die Community auf rapgenius.com ging jedenfalls deep in die Analyse des knapp 5-minütigen Tracks. Als kurz danach die Leadsingle „Humble.“ inklusive Musikvideo rausgehauen wurde war klar, Kendrick hat nicht mehr nur die black community im Kopf. Mit symbolträchtigen Bildern stilisiert sich Kendrick als Rap-Jesus, der die Konkurrenz wie Hunde auf ihre Plätze verweist:

„Bitch, be humble. Sit down.“

Am 07.04. stand es dann fest, Kendricks 4. Album würde an Karfreitag erscheinen. Noch ganz geheimnisvoll, ohne Tracklist, Titel oder Artwork. Das schon jetzt ikonische Cover für „DAMN.“ wurde im Laufe der Karwoche von Kendricks Label Top Dawg Entertainment. nachgeschoben. Und der nächste Hype war geboren. Viele hielten das Cover für einen schlechten MS Paint-Witz, das Internet reagierte schnell mit einer Meme-Welle. Was auch immer man von dem Cover halten mag, eines hat es geschafft: „DAMN.“ war mit seiner rohen Aufmachung der heiße Shit im Socialmedia-Diskurs. Doch was in der Nacht zu Karfreitag folgte, machte aus einem Hype-Train einen verdammten Transrapid. Erst leakte nur wenige Stunden vor offiziellem Release das Album im Internet, dann schossen plötzlich Spekulationen um ein zweites Album aus dem Boden. Eine der charmantesten Verschwörungstheorien ever bahnte sich ihren Weg durch reddit-threads und twitter-feeds. Charmant war sie deshalb, weil sie einen der krassesten Moves der Musikgeschichte vorzeichnete. So krass, dass man auch als „normal“ denkender einfach Spaß daran hatte, ein kleines bisschen dran zu glauben.

Alles begann mit zwei Tweets von Kendricks Producer Sounwave:

„What if I told you, this is not the official version“

gefolgt von einem Bild des Charakters Morpheus aus dem Film Matrix. Das Internet drehte durch, die „Second Album Theory“ war geboren. Diese Theorie orakelte, dass Kendrick Lamar drei Tage nach Karfreitag, analog zur Wiederauferstehung Jesus‘ in der Bibel, ein zweites Album veröffentlichen würde. Das klang schon irgendwie cool, aber wie kommt man auf sowas? Ein Album- Release an Karfteitag von einem Rapper der sich zuvor als Jesus inszenierte und der – SPOILER ALERT – auf seinem neuen Album stirbt… „coincidence? I think not!“, sagte sich das Internet. Und welch praktischer „Zufall“, dass Kendrick am Sonntagabend (22:45 PDT, live auf youtube) das Abschlusskonzert des Coachella-Festivals rocken würde. Quasi der perfekte Rahmen um die heftigste Promo-Bombe platzen zu lassen? So machten sich die Kendrick-Kryptologen daran, Indizien in den Songtexten und in der Dramaturgie des Albums zu suchen. Tweets von Kendrick-affiliates wie dem Produzenten Cardo (u.a. „GOD.“) wurden wie eine Prophezeihung behandelt. Cardo twitterte auf die Frage eines Fans nach dem zweiten Album:

„U n*ggas don’t even have a clue what’s going on. Not a fucking clue. “

Dann war da ja noch die Sache mit den Farben rot und blau. Rot, wie die Mauer auf dem „DAMN.“ Cover, als Anspielung auf die Bloods und die rote Pille in Matrix. Blau symbolisierte die jeweiligen Gegensätze. In Matrix gibt Morpheus Neo Wahlmöglichkeiten anhand zweier Pillen. Auf dem letzten „DAMN.“ Song „DUCKWORTH.“ ertönt ein Schuss und das Album läuft rückwärts bis zu Kendricks erstem Satz im Intro „BLOOD.“ mit dem seine Geschichte beginnt:

„So I was takin‘ a walk the other day“.

Der reddit-User Shit_Lord_Detective (ja… ich weiß) fasst zusammen:

„Listen to the first track. Is it wickedness (DAMN.) or is it weakness (????) You decide. Do you live or die? You get to decide which album you want to listen to. […] The second album will be the second telling of the story but instead of dying he will live.“

Angeblich sollen wir entscheiden können, ob Kendrick stirbt oder lebt. Nimmt er die rote Pille oder die blaue Pille? Am Tag des Releases änderte Kendrick dann auch noch sein Spotify-Profilbild. Plötzlich stand er vor einer blauen (!) Mauer. OMFG!! Der nächste Beweis für viele Netz-Nerds die seit dem auf #KendricksResurrection warteten. Und amüsant für alle, die sich am Osterwochenende die Tweets mit dem Hashtag #DAMN zur Freizeitlektüre genommen haben. Wie crazy, wenn das stimmt! Klar, es gab schon einige geschickte Moves in der Musikgeschichte. Frank Ocean brachte zum Release von „BLONDE“ noch das Visual-Album „Endless“ raus. Future droppte zwei Alben in zwei Wochen, beide debütierten auf #1 in den US-Charts. Beyoncé veröffentlichte „Lemonade“ aus dem Nichts und feierte damit einen feministischen Feuilleton-Erfolg. Aber die Art der Jesus-Inszenierung in der Second Album Theory wäre ein neues Level an sickness. Und Kendricks Texte und Symboliken lassen genug Interpretationsspielraum. Beispiel: Das Album hat 14 Songs – Jesus‘ Kreuzweg hat 14 Stationen. Auf dem „DAMN.“ Cover sieht man ihn im weißen Shirt und mit seitlichen Zöpfen ähnlich jüdischer Schläfenlocken.

„Come on, das kann sich doch keiner ausdenken!“, sagte mein Verstand. Aber gleichzeitig klang es einfach zu faszinierend, um es zu ignorieren. Auf reddit sah man das genauso, ein User schrieb zu einer Second Album Diskussion:

„This is the best sub-reddit in a long while“.

Der Hype, der sich aus der Theorie entwickelt hat, half dabei, dass „DAMN.“ in den US-Spotify-Charts am Sonntag mit 13 Songs in den Top 15 vertreten war (global waren es immerhin 6). Und auch sonst bricht „DAMN.“ alle Streaming-Rekorde:

„DAMN.“ von Kendrick Lamar ist (auch) durch die verrückte Dynamik in den sozialen Netzwerken zu einem Kulturereignis geworden. Ein Ereignis, das noch mehr als Kendricks Lyrics in „HUMBLE.“ oder „DNA.“ beweist, welches Standing der Rapper mittlerweile gegenüber seiner Konkurrenz einnimt. Drake mag ein Popstar sein, Kendrick ist spätestens seit dem Osterwochenende mehr: Künstler, Ikone, Rap-Messias. Wer „DAMN.“ noch nicht gehört hat, hat ein Gesprächsthema wie den Superbowl oder die Papst-Wahl verpasst. Der Wunschtraum vieler Kendrick-Fans hat sich heute Nacht bei Coachella zwar nicht erfüllt, doch auch ohne ein zweites Album samt Wiederauferstehung hat seine Show begeistert. Kung-Fu Kenny performte fast alle neuen Songs inklusive Videoeinspielern die ihn als Protagonisten eines billigen Hongkong-Streifens zeigen. Und twitter bekam wieder Schnappatmung…

 
 

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