Kelvyn Colt: „Ich stehe für jeden, der zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist.“

Kelvyn Colt

Kelvyn Colt will irgendwie so gar nicht in die aktuelle Generation der internationalen Hip-Hop Szene passen, obwohl er innerhalb unserer zur Soundcloud geschrumpften Musikwelt eigentlich eine Stimme der Generation Globalisierung sein müsste. Der in der Nähe von Wiesbaden aufgewachsene Rapper und Sänger wohnt mittlerweile in London, macht Musik in Berlin, New York, Los Angeles und München und sieht gefühlt nur noch Flugzeug und Studio von innen. Die Daten des wohl wichtigsten Flug seines Lebens, nämlich das One-Way-Ticket nach London vor vier Jahren, zieren nun das Cover seiner Debüt-EP. „LH914“ heißt das gute Stück, welches am vergangenen Freitag digital erschienen ist und den Künstler Kelvyn Colt auf fünf Songs in seinen verschiedenen Facetten vorstellen soll. Selbiges versuchen wir nun auch in den folgenden Zeilen, für die wir den 23-Jährigen in einer seiner seltenen, ruhigen Minuten für ein Gespräch über Vergangenheit, Authentizität und diffuse Label-Vertreter erreichen konnten. 

Zu meiner Überraschung befindet sich Kelvyn Colt, der in einem unpeinlichen Mix aus Deutsch und Englisch auf meine Fragen antwortet, gerade nicht in seiner Wahlheimat London sondern in seinem Elternhaus in der hessischen Heimat. Allerdings lediglich für zwei Tage, bevor es nach Paris geht für eine Show mit DJ-Darling Tereza. Als Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter wächst Colt bilingual auf. Zum Texten kommt er in jungen Jahren untypischerweise über die Poesie selbst und nicht etwa über die klassischen Hip-Hop-Posterboys. Schon bevor er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, schreibt Kelvun Alaja Gedichte. Sein Vater gibt ihm zur Übung eine handvoll Wörter vor, aus denen Reimketten entstehen sollen. Als schließlich doch einer dieser Posterboys, namentlich Tupac Shakur, über eine gebrannte CD in sein Leben tritt und parallel dazu seine Gedichte immer länger und strukturierter werden, baut der Teenager die Gedichte kurzerhand zu Songtexten um. Zusammen mit einigen Freunden wie Elijah Hook, die auch heute noch als Wegbegleiter, Live DJ und Produzenten in Kelvyns Leben stehen, werden erste Songs aufgenommen. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Zeit: Über gemeinsame Bekannte seines Vaters, der viele Verwandte in Amerika hat, gelangt ein Song zu einem Produzenten aus dem Umfeld von Vybz Kartel, einem jamaikanischen Dancehall-Sänger, den der eine oder andere vielleicht von der Major Lazer Single „Pon de Floor“ kennt. Dieser lädt den damals 16-Jährigen direkt in sein Studio nach Miami ein. Aus geplanten zwei Wochen werden schnell vier. „Ich war dort jeden Tag im Studio. Ich habe nicht einmal den Strand gesehen. Und dann kam ich zurück und habe für mich gemerkt, dass das Musik-Ding möglich ist. This shit is real!“ Ein wenig später werden auch erste Labels auf den Schüler aufmerksam, wollen diesen aber nur unter Vertrag nehmen, wenn er anfängt auf Deutsch zu rappen. Kelvyn lehnt ab und macht lieber allein weiter. 

In der Folgezeit wächst in ihm die naive Idee Kid Cudi nachzueifern und aus Wiesbaden, genau wie der Cudder seiner Zeit aus seinem Hinterland Cleveland, nach New York zu gehen. Viele Bekannte aus der Musikindustrie rieten dasselbe: „Ich hatte damals ein bisschen Kontakt mit Olli Banjo und ein paar Anderen, und die haben halt immer gesagt du musst dahin gehen, wo die Leute verstehen was du sagst. Hip-Hop ist etwas was die Leute fühlen müssen.“ Trotzdem geht es nach dem Abitur zunächst aufgrund eines schwer abzulehnenden Teilstipendiums an die Universität in den, der Kreativität wenig förderlichen, Studiengang Jura. Nach wenigen Wochen begreift der junge Kopf jedoch, dass die Welt der Paragrafen und Gesetze nichts für ihn ist. Kelvyn ergreift die Flucht nach vorn: „Dann kam ich zurück nach Hause und habe meinen Eltern erzählt, dass ich Rapper werden und in die USA gehen will. Darauf haben meine Eltern dann gesagt ich dürfe nur ins Ausland, wenn ich mir dort einen weiteren Bildungsweg suche. Aber ein College in den Staaten hätte ich mir nie leisten können.“ 

Glücklicherweise befindet sich England zu dieser Zeit noch nicht auf dem hölzern erscheinenden Weg aus der Europäischen Union heraus, sondern bietet bezahlbare und interessante Studiengänge. Der ominöse Flug „LH914“ wird gebucht. Zwar beginnt Kelvyn das Studium Entrepreneurship – zu deutsch etwa Unternehmenswesen – eigentlich nur als Alibi zum Musik machen, merkt jedoch schnell, dass ihm die Inhalte mehr und mehr zusagen: „Ich habe alles gelernt, was man braucht um seine eigene Firma zu gründen. Egal ob ein Platten-Label, eine Agentur oder sonst was. Das war glaube ich mit die beste Entscheidung meines Lebens nach England zu gehen und dort zu studieren. Das Studium habe ich dann auch abgeschlossen.“ 

Aus dem anspruchsvollen Studium und seinem Nebenjob, der teilweise zum Vollzeitjob wird, weil in London eben doch nur die Studienkosten vergleichsweise niedrig sind, ergibt sich allerdings ein zeitliches Dilemma. Einer der wenigen Songs, die zu dieser Zeit im Internet landen, „Traded for you“, fasst die Situation zusammen: Kein Geld für die sich stapelnden Rechnungen, alle Freunde sowie die Freundin zuhause zurückgelassen und am Ende nicht einmal Zeit um wirklich Musik zu machen. „Ich habe die Zeit vor allem genutzt um technisch besser zu werden. Ich wusste halt, wenn ich was rausbringen will,  muss es bei allem einen lyrischen, musikalischen aber auch visuellen Standard geben. Gute Musik, Lyrics und Videos altern nicht im Gegensatz zu Trends. Deswegen habe ich halt gewartet“. Man merkt Kelvyn Colt an, dass sein Studium seine Auffassung vom Musik-Business geprägt hat. Überlegter Rückzug und warten auf den Moment anstatt dem Markt zu folgen, der immer mehr von neuen, noch verrückteren Künstlern, Mixtapes von utopischer Länge und Schnellschüssen jeglicher Art dominiert wird. „Du musst diesen Reflektions- und Reviewing-Prozess aufbauen. Das ist etwas, das viele junge Künstler lernen müssen.“

Als sich 2016 dem Ende neigt und bald drei Jahre in London verstrichen sind, ist zwar das Studium beendet, das musikalische Netzwerk nach Berlin sehr gut ausgebaut und über die aufstrebende Live-Plattform Colors Berlin das technisch mittlerweile ausgereifte Level auch nach außen getragen, zu einem wirklichen Release ist es allerdings noch immer nicht gekommen. Dafür ist Kelvyn um das nächste bizarre Treffen mit Label-Vertretern und Musikindustrie-Menschen reicher: „Das war damals mit Softdivision/Universal UK. Das war ein sehr lustiges Meeting. Die erste Frage von denen war, wie es denn um meine Streetcredibility stehen würde.“ Verwundert und etwas genervt lehnt er schließlich ab. „Es gibt da zwar eine Verbindung, aber das ist nicht das, was mich als Künstler definiert. Ich war sehr sehr überrascht, dass das als erste Frage kam. Und dann habe ich auch für mich gedacht, dass ich nicht unbedingt in dieses System passe. Ich habe beschlossen nur mit einem Label zu arbeiten, wenn es nach meinen Vorstellungen passiert und ich meine Werte repräsentieren kann. Ich will nicht einfach in irgendeine Box passen, die man gut vermarkten kann oder die gerade irgendwie cool ist und funktioniert.“ 

Doch trotz des erneuten Label-Rückschlags läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. Das Video zum bereits angesprochenen Track „Traded for You“ mausert sich mehr und mehr zu seiner Druchbruch-Single und stößt die Tür auf die größeren Bühnen von Splash! und Hype Festival und in den Flieger nach New York und LA auf. Ein Jahr später funktioniert es auch mit einem Label-Deal. Im Zuge seines Auftritts auf dem Reeperbahn Festival vor wenigen Wochen wird ein Deal mit Major-Imprint Four Music bekannt gegeben. Die erste Single „Moon“ erscheint wenig später. 

Kelvyn erinnert sich vor allem an ein Schlüsselerlebnis der vergangenen Monate. Im Februar hatte er die Chance mit dem Produzenten und Dr. Dre Schüler Neff-U in Los Angeles zu arbeiten: „Ich saß halt in der Session und hatte keinen Plan, wer der Typ überhaupt ist. Er kam einfach rein, mit seiner Packung Nüsse und einem Keyboard. Wir haben uns etwas unterhalten und angefangen Musik zu machen. Dann hat irgendwas nicht funktioniert und wir mussten auf den Engineer warten. Da fragt der mich aus dem Nichts: „My Brother, what do you stand for?“ Ich dann halt so „Wie? Was meinst du wofür stehe ich?“ – „Naja, Eminem stand für white trash, Pac stand für das unterdrückte Ghetto, Michael Jackson stand für die gesamte Welt.“ – Und das Ding ist Neff-U hat mit denen allen gearbeitet – „What do you stand for?“ Ich habe dann geantwortet, dass ich keine Ahnung habe. Ich stehe nicht nur für die Schwarzen, weil ich nicht komplett schwarz bin. Ich stehe nicht nur  für die Weißen, weil ich nicht weiß bin. Ich kann nicht sagen, dass ich für Deutschland stehe, weil ich zwar in Deutschland aufgewachsen bin, aber eben nicht in einem typisch deutschen Haushalt. Ich bin mit zwei Kulturen aufgewachsen. Zuhause haben wir Englisch geredet. Ich kann auch nicht sagen, dass ich für die USA stehe. Ich bin zwar oft hier, aber ich bin kein Amerikaner. Ich stehe auch nicht für England. Ich habe zwar die vergangenen vier Jahre dort gelebt, aber ich klinge nicht britisch. Aber ich glaube ich stehe für jeden, der so ist wie ich, der nicht nur für eine Sache steht, der zwischen den Stühlen steht, der zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, der nicht wirklich reich, aber auch nicht in Armut aufgewachsen ist, der zwischen Investment-Bänkern und Privatschulen, und Drogendealern und Thugs aufgewachsen ist. Und dann hat Neff-U zu mir gesagt: „Exactly that is what you stand for.“ – Shit.“ 

Am vergangenen Freitag flossen nun all die Erfahrungen der vergangenen Monate und Jahre in den fünf Tracks auf Kelvyn Colts Debüt zusammen. „Die EP ist sehr vielschichtig. Es gibt Grime-Sachen, es gibt Trap-Sachen, es gibt R’n’B-Sachen. Das soll einfach nur zeigen, was ich schon immer gemacht hab. Meine Diversität, auch dass ich in vielen Ländern unterwegs bin, dass ich mit vielen verschiedenen Leuten arbeite. Ein Vorgeschmack. Ich will dir nicht direkt 20 Songs hinklatschen und dich damit erschlagen.“ Wieder zeigt sich das exakte Kalkül, der genaue Plan, den der erst 23-Jährige Musiker verfolgt. Obwohl laut Eigenaussage auf seiner Festplatte über 80 Songs rumfliegen wird nicht szenetypisch einfach rausgehauen. „Die Aufmerksamkeits-Spanne vieler Leute ist enorm kurz. Viele Leute werden leicht abgelenkt. Ahzumjot released zum Beispiel gerade eine Playlist. Drake hat auch eine Playlist gemacht. Die Art, wie wir Musik machen und wie wir Musik konsumieren, verändert sich. Ich finde es Business-mäßig, und noch viel wichtiger als Artist, viel spannender dir nur fünf Songs zu geben.“

Kelvyn Colt

Foto: Roberto Brundo

Auf „LH914“, die in einem Produzenten-Potpourri mit Truva Music in München, Sugaboy in Berlin, Hyperkane in der Heimat Wiesbaden, Sky Adams in London und Woodro in New York endstand, erzählt Kelvyn Colt von den Dingen, die ihn umgeben. „Musik ist ein Vehikel für mich um zu verarbeiten, was ich durchmache oder durchgemacht habe“. Thematische Authentizität ist ihm wichtig. Möglichkeiten und Probleme einer Generation, der global keine Grenzen gesetzt sind, werden behandelt. Allein durch das Internet kann man Alles und Jeden erreichen. Und trotzdem reicht es für viele nicht einmal aus dem Mikrokosmos heraus, in dem sie sich bewegen, sei es die hessische Idylle, die nigerianische Heimat oder ein Problemviertel in Ost-London. All diese Stationen wollen nun zusammengeführt werden. Natürlich findet sich daneben mit „Under my Skin“, den Kelvyn als einen seiner persönlichen Lieblinge beschreibt, auch eine Liebessong in seiner Vorstellungsrunde 

Am Ende unseres Gesprächs wird deutlich, wie viel Kelvyn Colt eigentlich noch vorhat. Neben den unzähligen Projekten, die noch auf seinem Rechner schlummern und der wohl schwierigsten Aufgabe der kommenden Monate, all diese Songs in kohärente Projekte zu verpacken, soll auch sein Label BYS weitergeführt werden. Dazu kommen immer mehr Projekte fernab der Musik. Nachdem wir uns eigentlich schon verabschiedet hatten, kommen wir noch auf das Thema social media zu sprechen. Genauer gesagt auf die Sucht, die diese Welt auslösen kann. Hier engagiert sich Colt schon länger für einen differenzierteren Umgang mit den Medien. Seine Vision: Ein Medium ohne Zahlen, Selbstverwirklichung, statt Selbstdarstellung. „Vielleicht haben wir ja irgendwann mal ein Interview mit mir als Tech-Entrepreneur.“ beendet Kelvyn das Gespräch mit einem Lachen.

Hier könnt ihr die Debüt-EP digital erwerben!
Hier findet ihr Kelvyns Facebook-Auftritt.
Hier findet ihr seinen Instagram-Kanal. 
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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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