Kanye West – „The Life of Pablo“ (Review)

Kanye west TLOP Cover 2

Eines muss man Kanye West lassen: Der Mann weiß auf sich aufmerksam zu machen. Wer braucht schon ein Plattenlabel zur Album-Promotion, wenn man mittels irrer Tweets, einer überdimensionalen Release-Show, sowie mehrerer Namens- und Trackliständerungen das „Beste Album aller Zeiten“ im Gespräch hält. So in etwa lässt sich das Chaos um „The Life of Pablo“ in einem Satz zusammenfassen.

Wer allerdings hofft, dass nach offiziellem Release endlich Schluss ist, mit der Verwirrung um Kanye Wests siebtes Solo-Werk, der wird enttäuscht. Nicht nur, dass er ankündigte weitere Veränderungen am Album vorzunehmen, auch soll es nicht zum Verkauf freigegeben werden, sondern exklusiv über Tidal zu hören sein, möglicherweise ein Freundschaftsdienst für Kollegen Jay-Z. Nichtsdestotrotz erwartet Mr. West siegessicher einen Grammy für das Album, welches seiner Aussage nach als Gospel-Album anzusehen ist. Dies erklärt in gewisser Weise auch den Titel, welcher womöglich dem Apostel Paulus (zu spanisch „Pablo“) gewidmet ist.

Der Opener „Ultralight Beam“ weist in jedem Fall schon mal in die entsprechende Richtung. Mit einem Chor und The-Dram im Handgepäck widmet „Yeezus“ Gott den ersten Lobgesang, eine von vielen Hymnen, mit denen Kanye West seinen Glauben musikalisch manifestiert. Einen Schritt weiter geht Kanye gar mit dem reduzierten „Low Lights“ (ein Sample aus „So Alive“ von Kings of Tomorrow), welches als reines Gebet und Hommage an alle hart arbeitenden Mütter fungiert. Womit wir auch beim zweiten großen Aspekt des Albums wären. Kanye ist ein Familienmensch und sieht sich somit mit einem zwingenden Lebenswandel konfrontiert: „Give up the women/ Before I lose half of what I own.“  Eine der Konsequenzen aus der bedingungslosen Liebe, die er seiner Frau auf „FML“ beweisen möchte. Nebenbei einer der stärksten und ehrlichsten Tracks des Albums. Ein weiteres Highlight bietet der ursprüngliche Titeltrack „Waves“, der es beinahe nicht einmal auf das Album geschafft hätte. Ein himmlisch klingender Synthie-Beat und Chris Brown sorgen zwar für ein ein sehr poppiges Grundgerüst, aber mit der richtigen Einstellung lässt sich entspannt auf dieser Welle mitreiten. Im Hintergrund summt Kid Cudi mit, auf „Father Stretch My Hands Pt.1“, darf er dann auch die Hook singen, was perfekt zu dem Gospel-Charakter des Tracks passt. Ganz im Gegensatz zum Autotune-Rap von Kanye West, der mit der Line „Now i fuck this Model/ And she just bleached her asshole/ And i get bleach on my T-Shirt/ I’mma feel like an asshole“ für eine sehr bildliche sowie eigenwillige Referenz zu natürlicher Schönheit und seiner neuen Modemarke sorgt.

Ähnliche nette Wortspielereien verdeutlichen die Grenze zu Genialität und Wahnsinn, die Kanye West wie wohl kaum ein anderer Künstler im Rap-Geschäft verkörpert. Dass sich Mr. West seiner eigenen Eigenart durchaus bewusst ist, zeigt er auf dem sarkastischen Acapella „I Love Kanye“, sowie auf dem Kopfnicker-Brett „Feedback“: „Name one genius that ain’t crazy“. Vielleicht ist es aber auch der schlechte Umgang in L.A., der Kanye manchmal etwas neben der Spur laufen lässt. Der Madlib-produzierte Funk & Soul-Kracker „No More Parties In L.A.“ lässt dies zumindest erahnen. Mit dem idyllisch anmutenden „Real Friends“ widmet sich Kanye dann auch derer, die seine Freundschaft missbraucht haben, was dem Track einen tragischen Charakter verleiht und einen tiefen Einblick in Kanyes Psyche bietet.

Wie auch immer man es nimmt, Kanye bleibt in vieler Hinsicht eine Koryphäe. Doch ausgerechnet sein eigenwilliger Charakter steht ihm letzten Endes im Weg, wenn er nichts Geringeres als das beste Album aller Zeiten erschaffen haben will. Mit entsprechender Erwartungshaltung wird man als Hörer sicherlich enttäuscht, auch wenn „The Life Of Pablo“ durchaus ein gutes Album ist. Musikalisch bietet das Album wesentlich zugänglichere Produktionen als noch „Yeezus“ und in gewissen Momenten glänzt Kanye mit metaphorisch anspruchsvollen Texten. Dass man dabei unweigerlich den Einblick in Kanyes kontroverse Gedankenwelt bekommt, mag gleichermaßen faszinieren, wie auch abstoßen. Wer aber darüber hinwegsehen kann und sich einfach nur an guter Musik erfreuen möchte bekommt mit „The Life Of Pablo“ eine gute, wenn auch nicht perfekte Anspielstation.

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Daniel hat seine Ausbildung im Büro der Schädlingsbekämpfung gemacht und anschließend Informationswissenschaft studiert. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei Rap4Fame ist er bei der Backspin gelandet und hilft seit 2011 als freier Mitarbeiter aus.

2 Comments

  1. Andre Nickatina

    28. Februar 2016 at 12:08

    Ziemlich miese Review. Habe das Gefühl der Autor hat das Album nicht verstanden, oder ist so voreingenommen wegen kanye als Person, das er es einfach schlecht machen wollte. Wie kann man als nur halbwegs ernstzunehmendes Rapmedium jedem dahergelaufenen Deutschrap Spinner wie Crack Ignaz, Laas etc hohe Noten geben, und dann tlop verreißen. Ihr findet wirklich dass das Album von Crack Ignaz besser produziert ist? Seit ihr wirklich so ahnungslos. Ich bin überhaupt kein kanye Fan und konnte seit College dropout die Alben nicht wirklich feiern. Aber tlop ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Die Produktionen sind unglaublich facettenreich von reduziert zu bombastisch. Die Raps sind gut und on point. Dazu ist es unglaublich ehrlich und die sehr persönlich. Aber ist natürlich cooler Kurdo zu feiern und als kleiner Journalist den großen kanye zu zerreißen, gehört ja scheinbar auch zum guten Ton bei euch. Geschmäcker sind verschieden, aber wenn ihr euch schon Journalisten nennt, dann gebt euch doch ein wenig die Mühe etwas Objektivität in eure Reviews einfließen zu lassen. Denn merkwürdigerweise wird in vielen US Reviews das Album sehr gefeiert, aber Backspin weiß es natürlich besser. Macht euch nicht weiter lächerlich!

  2. Yannic

    16. Februar 2016 at 23:50

    Sehr gute Review! Ist mit Sicherheit nicht das beste Album aller Zeiten, aber hörenswert ist es allemal und hat einige echte Höhepunkte zu bieten.

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