Juicy Gay: „Ich habe alles erreicht“

Juicy Gay kommt auf deine Party und ist traurig ohne Grund. Wenn er gerade nicht traurig in den Club steppt, nimmt er Musik auf.  In Zusammenarbeit mit dem Produzenten Asadjohn ist so die Platte „Hallo, wie gehts?“ entstanden, die sich wohl am besten als Mixtape mit Albumcharakter beschreiben lässt. Wir haben mit Juicy Gay über „Hallo, wie gehts“, seinen krassesten Rap-Moment und Twitter-Hate gesprochen. 

 

Am 07.04. erscheint mit „Hallo, wie gehts?“ deine neue Platte – Sprechen wir hier eigentlich von einem Album oder einem Mixtape?

Juicy Gay: Beim Produktionsprozess war für Asadjohn und mich von vornherein klar, dass wir an einem Mixtape arbeiten. Tatsächlich sind wir auch bereits seit einem halben Jahr fertig, allerdings kam dann das Label WSP ins Spiel. Die waren der Ansicht, dass die Platte ein super rundes Ding ist und man es als Album betiteln sollte. Dagegen haben Asadjohn und ich dann argumentiert, dass es für uns ein Mixtape ist und seitdem weiß niemand so richtig, ob es nun ein Mixtape oder Album ist. Die Gangster würden es sicher Straßen-Album oder so nennen (lacht).

Dann sprechen wir ab jetzt einfach nur noch von der Platte. Hätte sich an eurer Arbeitsweise denn etwas geändert, wenn von Anfang an klar gewesen wäre, dass ein Album entstehen soll?

Juicy Gay: Ja. Jetzt hat Asadjohn mir einfach Beats geschickt und wir haben alles über das Internet geregelt. Würden wir an einem Album arbeiten, würden wir uns treffen und ein richtiges Konzept entwickeln. Ein Album ist so viel größer als ein Mixtape. Die Platte ist eher nebenbei entstanden.

Sind die eigenen Ansprüche an ein Mixtape somit auch automatisch niedriger als die an ein Album?

Juicy Gay: Mixtapes sind lockerer. Man bekommt die Beats und würfelt die Songs zusammen. Die Beats, die Asadjohn mir geschickt hat, sind dieses Mal aber alle sehr rund gewesen und auch die Texte sind mir ziemlich schnell eingefallen – daher kommt es einem vor wie ein Album. Bei einem Mixtape kann alles komplett zusammengewürfelt sein.

Zum Album wurde auf YouTube eine kleine Dokumentation über dich namens „Borken calling“ veröffentlicht, in der du Einblicke in deine Heimat und auch deine Arbeitsweise lieferst. Aktuell produzierst du deine Musik immer noch in deinem Kinderzimmer – wie sahen deine ersten musikalischen Gehversuche konkret aus?

Juicy Gay: Mein Cousin hat mir irgendwann das Programm Fruity Loops gezeigt, das er aus Spaß heruntergeladen hatte. Das fand ich super krass, weil das Programm es einem ermöglicht hat, Musik zu machen, ohne dafür irgendetwas zu brauchen. Dann habe ich einfach darauf los probiert und je nach den Einflüssen, die mich gerade geprägt haben, das gemacht, worauf ich Bock hatte. Dazu habe ich mir ständig YouTube-Tutorials reingezogen und mir angesehen, wie ich was umsetzen konnte. Das muss etwa sechs, sieben Jahre her sein.

Gab es damals bereits konkrete Vorbilder für dich, denen du nacheifern wolltest?

Juicy Gay: Anfangs nicht, da habe ich das wirklich nur aus Bock gemacht. Irgendwann habe ich damit begonnen, elektronische Musik zu machen, weil ich zu der Zeit Paul Kalkbrenner und sowas gehört habe. Mittlerweile finde ich den übrigens komplett langweilig und weiß gar nicht mehr, was mir daran gefallen hat. Jedenfalls fand ich krass, dass man mit Fruity Loops die Möglichkeit hatte, minimalistische Musik zu machen. Das Programm ist übrigens auch darauf ausgelegt, elektronische Musik zu machen und gar nicht mal so unbedingt für HipHop Beats geeignet – wobei, für Trap noch eher als für Oldschool.

Was war nach der elektronischen Phase dann dein nächster Step?

Juicy Gay: Danach habe ich mich Kellerkind genannt und schon angefangen, Rap zu machen.

Ich habe sogar am VBT teilgenommen und bin in der ersten Runde rausgeflogen wie so ein Volldepp (lacht).

Ein paar der Kellerkind-Sachen gibt es auch noch auf Soundcloud. Irgendwann habe ich angefangen, Trap aus den USA zu hören und zusätzlich sehr viel Money Boy. Danach habe ich selbst Trapmusik gemacht.

Wann war das ungefähr und welche waren die US-Künstler, die dich da beeinflusst haben?

Juicy Gay: Das ist schon ein paar Jahre her, das muss ungefähr 2013 gewesen sein. Ich habe viel Soulja Boy und Waka Flocka Flame und so gehört.

Wann hast du dich dann offiziell in Juicy Gay umbenannt?

Juicy Gay: Im Dezember 2014 ist mein Track mit Money Boy erschienen. Er war für mich immer Trap mit Humor. Zusätzlich gab es für mich aber auch Crack Ignaz und Yung Krilin aus Österreich, die Trap auf Deutsch gemacht haben, ohne diesen komplett retarded Humor zu verwenden. Die beiden haben mich inspiriert und mir klar gemacht, dass es diesen Humor nicht zwingend braucht, um deutschen Trap zu machen. Daraufhin habe ich dann eine Mischung aus humorvollen und auch mal ernsteren Songs gemacht.

Wenn wir mal beim Thema Vorbilder bleiben: In der „Borken calling“-Doku gibt es eine Szene, in der du das „Banger leben kürzer“-Album von Farid Bang auf dem Flohmarkt kaufst. Wie ist es um deine Deutschrap-Sozialisation bestimmt?

Juicy Gay: Durch meine Cousins habe ich früher alles an Deutschrap querbeet gehört: Aggro Berlin, Beginner, Freundeskreis, Curse. Als ich circa 13 war, habe ich angefangen, intensiv Deutschrap zu hören. Ich fand beispielsweise Favorite und Kollegah richtig cool.

Apropos Curse: Du hast vor wenigen Tagen erst ein gemeinsames Foto von euch auf Instagram gepostet, habe ich gesehen.

Juicy Gay: Ja, Curse hat mich zur „Königsklasse“-Konzertreihe eingeladen. Dabei waren Torch, Main Concept und Toni L zum Beispiel, richtige Oldschool Legenden. Das war krass, bei Too Strong haben die Moshpits gemacht, das passiert nicht mal bei meinen Auftritten (lacht). Ich hätte nicht gedacht, dass das so abgeht.

Vorhin hast du schon erwähnt, dass du früher auch viel Money Boy gehört hast. Der hat dich recht früh nach einem Feature gefragt – wie ist deine Reaktion darauf ausgefallen?

Juicy Gay: Ich habe meinem Bruder früher immer aus Spaß gesagt, dass ich aufhöre, Musik zu machen, wenn Money Boy mich nach einem Feature fragt. MC Smook hatte einen Track, der „Grinden mit Delphinen“ hieß. Dazu gab es einen Remix mit vielen Künstlern, auf dem ich auch gelandet bin. Jedenfalls hat MC Smook Money Boy von mir erzählt, woraufhin er mich angeschrieben hat. Ich weiß noch, dass ich in unserem Wohnzimmer saß und nach seiner Nachricht wie ein Kleinkind rumgesprungen bin, weil ich mich so gefreut habe (lacht).

Wie ernst waren denn deine musikalischen Intentionen vorher? Hast du konkret den Plan verfolgt, Rapper zu werden oder wolltest du nur spaßeshalber ein wenig Musik ins Internet stellen und sehen, was passiert?

Juicy Gay: Das waren überhaupt keine ernsten Intentionen. Ich habe die Musik, genau wie die Kellerkind Sachen, aus Bock und aus Liebe zu HipHop gemacht. Ich mag es einfach, Songs zu machen.

Gibt es aus heutiger Sicht etwas, das für dich so wichtig wäre wie zum damaligen Zeitpunkt das Money Boy Feature?

Juicy Gay: Mittlerweile ist es zumindest kein Feature mehr, das ich so krass fände. Obwohl ich gern ein Feature mit Alexander Marcus machen würde, das wäre geil (lacht). Es gibt kein Ziel mehr, das ich habe, ich habe alles erreicht. Irgendwann werde ich mein Album „Schwuler Samt“ droppen, das ist mein nächstes Ziel. Davor war es, Torch mal zu sehen. Jetzt war er im Backstage dieses „Königsklasse“-Events und er war so nah an mir, dass ich krass Gänsehaut hatte. Seitdem denke ich, dass einfach nichts krasseres in der Hinsicht mehr passieren kann. Ein heftiger Rap-Moment war auch, als Lil B mich umarmt hat.

In der Doku „Borken calling“ entsteht der Eindruck, dass dein Heimatdorf extrem klein und ländlich ist. Wie reagiert dein dortiges Umfeld auf deine Musik und können die deinen Film, den du fährst, überhaupt nachvollziehen oder stößt das auf komplettes Unverständnis?

Juicy Gay: Man wird schon eher belächelt. Das Ding ist, dass die Leute das gar nicht verstehen. In der Schule bin ich realrap richtig krasser Außenseiter, niemand versteht, was ich mache und was ich für Vibes habe, das ist ganz komisch. Die haben alle eine ganz andere Mentalität. Zum Teil ist das richtig belastend.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Juicy Gay: Musik machen. Wenn das klappt, wäre es richtig geil. Wenn nicht, arbeite ich einfach. Ich absolviere gerade eine Ausbildung im Lager und ich mag es, im Lager zu arbeiten, das ist super chillig. Wenn es sein muss, mache ich das – hauptsache, ich kann Musik machen. Ich habe immer so viele Ideen, dass ich oft Angst habe, ich kann die gar nicht alle schnell genug umsetzen. In meinem Kinderzimmer habe ich aber auch eine sehr beschränkte Arbeitsweise.

Ich habe ein lustiges Phänomen beobachtet, wenn man die Kommentare über dich im Internet verfolgt. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstler, wo es sich oft die Waage hält, findet man über dich fast ausschließlich positive Kommentare und jeder scheint dich zu lieben. Wie erklärst du dir das?

Juicy Gay: Ganz ehrlich? Vor der Promophase wurde ich auf Twitter zum Teil richtig krass gehated. Die Leute sind mir so auf den Sack gegangen, dass ich schon angefangen habe, Twitter zu hassen. Seitdem ich jetzt wieder in Erscheinung getreten bin, ist die Resonanz wieder fast ausschließlich positiv. Eigentlich ist das sehr nice und sollte mich bestätigen, aber der Hate davor hat mich krass genervt.

Hast du eine Ahnung, woher diese Hasswelle kam?

Juicy Gay: Es gibt ein paar Leute, die ständig geschrieben haben, dass sie meine Musik richtig schlimm finden und sich das niemals anhören könnten – das hat sich dann nach und nach verbreitet. Sobald eine Gruppierung auf Twitter sowas lostritt, verbreitet sich das. Die Leute sind eh alle anonym und die juckt daher gar nicht, wenn sie andere Leute verletzen. Das finde ich schon belastend, die sollen damit aufhören.

Beleidige doch keine öffentlichen Personen, wenn du anonym bist. Das macht doch gar keinen Sinn und zeugt von Feigheit.

Außerdem glaube ich, dass jeder, der mich hatet, heimlich doch Fan ist oder zumindest ein, zwei Songs von mir feiert.

Ich glaube, viele assoziieren den Namen Juicy Gay automatisch mit dieser „Internet/ Twitter – Rap-Schiene“. Welche Rolle spielt das Internet konkret für deine Musik?

Juicy Gay: Ich würde sagen, meine Musik findet komplett über’s Internet statt, außer ich spiele mal irgendwo live. Durch das Internet bekomme ich auch viel Inspiration. Durch Tweets, die ich lese, fallen mir oft Ideen ein.
Lass uns abschließend noch über den einzigen Featuregast deiner Platte sprechen, nämlich Felix Krull. Warum hast du dich ausgerechnet für ihn entschieden?

Juicy Gay: Ich finde, es passt zwischen uns einfach sehr gut wegen des Humors. Nicht, weil wir unbedingt genau den gleichen haben, aber beide einen sehr ausgeprägten, eigenen Humor, der sich gegenseitig allerdings nicht im Weg steht. Ehrlich gesagt, feiere ich ihn auch schon sehr lang. Früher habe ich ja sehr viel Deutschrap gehört und habe ihn schon zu meinen Kellerkind-Zeiten auf dem Schirm gehabt. Außerdem ist er ein krass stabiler Magger.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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