Jubiläumsalbum: Kool Savas – „Aura“ (2011)

Aura

Vor über fünf Jahren interviewte Visa Vie die Gäste von Kool Savas’ Listening Session zu „Aura“. Der Großteil der auserwählten Hörer beschreiben Savas Yurderi als erwachsener, ruhiger und emotionaler als auf vergangenen Veröffentlichungen. Nach dem Release des dritten Soloalbums, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass S.A.V. drei Jahre später mit “Märtyrer” ein battlelastiges Album ohne emotionale Skits in Form eines Gedichtes, eigene Schwächen zu zeigen oder Xavier Naidoo Feature veröffentlicht. „Aura“ beinhaltete alle diese drei Attribute.

Dieser Beitrag soll weder klären, ob “Aura” ein Klassiker ist, noch ob es unmöglich ist, als Rapper in Würde zu altern. Viel mehr möchte ich meine Ansicht der Blaupause, des – so schlimm es klingen mag – gereiften Kool Savas beschreiben. Denn das Album ist besonders und wurde nicht einstimmig aufgenommen.
Auf „Aura“ hören wir so wenig Text wie jemals auf einem Release aus dem Händen von ihm. Dies liegt zum einen an der, vor allem für heutigen Verhältnisse, kurzen Spielzeit von  35 Minuten. Zum anderen an denen für Essah ziemlich kurzen Parts. Trotz dieser geringen Quantität an Wörtern sagt Savas mehr als je zuvor. Unter den elf Tracks, das Interlude ignorierend, befinden sich zwar Battletracks, die wohl jeden Fan zum Schmunzeln bringen, aber die anderen Anspielstationen präsentieren uns einen nachdenklichen und reflektierenderen KKS, als wir es bisher gewohnt waren.

„Aura“ schaffte es einen dramatischen Spannungsbogen aufzubauen, der trotz seines neuen Soundbildes, das bis auf wenige Ausnahmen ohne Samples funktioniert, Fans der ersten Verse begeistern konnte. Die Tracklist beschäftigt sich mit fast jedem Karriere- und Lebensabschnitt des Aacheners. Tracks wie der „Letzte meiner Gattung“ erinnert uns zu Anfang des Langspielers, was er alles für unsere Kultur tat und weiterhin bewegt. Auf „Und dann kam Essah“ bringt uns der King of Rap seine Eigenwahrnehmung der deutschen Rapszene nahe.

„Heut’ bin ich zwar am Start, doch leider war es nich’ immer so
In dem Land hier gab es keine Beats, keine Rhymes, keine Texte, die du liebst oder feierst
Keine Durchdreh-Mucke, Keine Tracks, die dich fesseln. Nich’ ma’ ein’ echten Rapper
Und dann kam Essah“

Der folgende Titeltrack stellt wohl ein Highlight der Diskographie des 41-Jährigen dar. Auf die nachgespielte Melodie einer Komposition von Hans Zimmers „Time“ aus dem Soundtrack des Films „Inception“, hören wir einen reflektierenden Kool Savas.


Der Frankfurter Vega hatte dieselbe Stelle des Originaltracks im Ohr und rappte ebenfalls auf eine Rekonstruktion dieser. Jedoch remixte er das Instrumental lieber, um nicht den Anschein einer Kopie zu erwecken. Ein Jahr zuvor veröffentlichte Kool Savas mit dem dritten Teil seiner Mixtapereihe „John Bello Story III“, das unerfolgreichste Release seiner Karriere, zumindest wirtschaftlich gesehen. Es war weder vorhersehbar, noch selbstverständlich, dass „Aura“ etwas über ein Jahr nach der Veröffentlichung mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wird. Es war die erste Goldene Schallplatte, die Savas für eine Solo-Veröffentlichung erhielt.
Goldverleihung des Albums Aura - 2Zwischen nachdenklichen und emotionalen Anspielstationen befinden sich aber auch Battletracks, die die absoluten Stärken des MCs zeigen. Nachdem KKS auf „Nichts bleibt mehr“ von dem Scala Chor und Kolacny Brothers begleitet wird, krempelt er einen Tracks später die Ärmel hoch und spittet rasend schnell über eine Produktion von DJ Smoove und Jerrycanists. Erstaunlicherweise ist der Langspieler von mehreren Produzenten musikalisch untermauert worden. Dennoch schafft das Album es eine einheitliche Atmosphäre zu übermitteln.

Auch die Featureliste ist außergewöhnlich. Hören wir auf Savas neuestem Mixtape „Essahdamus“ teilweise vier Stimmen auf einem Track, sind es auf „Aura“ lediglich drei Featuregäste. Neben dem bereits erwähnten Chor ist Olli Banjo das einzige „Rap-Feature“. Bei diesem MC gibt es tatsächlich eine klare Unterscheidung zwischen Mixtape und Album, bezogen auf die Anzahl seiner Gäste.

Beendet wird das Album nach einer halben Stunde mit einem Remix von einem der Kool Savas savas_aura_750_webHits überhaupt: “LMS”. Das besondere dabei ist der außergewöhnliche Featurepartner. Eine der deutschen Stimmen unterstützt Savas auf seinem Outro: Xavier Naidoo. Der Track wurde nicht im klassischen Sinne geremixt, denn das Intrumental und vor allem die Bedeutung hinter „LMS“ haben sich geändert. Aus „Lutsch meinen Schwanz“ wurde „Last men standing.“ Eine weitere Anlehnung an Savas Sonderrolle in der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene. Spätestens mit dieser Zusammenarbeit zeichnete sich die Freundschaft und musikalische Zusammenarbeit der beiden Musikgrößen ab. Keine zwölf Monate Später veröffentlichten die beiden mit „Gespaltene Persönlichkeit“ ein sehr erfolgreiches Kollaboalbum, mit dem Kool Savas sich die erste Platinplatte verdienen konnte.

„Aura“ bleibt eine authentische Momentaufnahme des gereiften King of Raps, der aber kein Stück harmloser geworden ist, weit bevor die „King-Debatte“ in Deutschland neu an Fahrt aufnehmen sollte.

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien macht, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.
Hanfosan

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