Einmaliger Höhenflug: 10 Jahre „Hustler’s P.O.M.E.“

Jim Jones

Heute kräht kein Hahn mehr nach ihnen, aber vor ungefähr zehn Jahren dominierten The Diplomats das US-Rapgame für einen kurzen, bunten Moment, der auch an Deutschland nicht unbemerkt vorbeiziehen sollte. Neben den beiden Zugpferden Juelz Santana und Cam’ron flog Joseph Guillermo Jones II aka Jim Jones anfänglich eher ein bisschen unter dem Radar. Seinen großen Moment sollte der stellvertretende Geschäftsführer von Diplomat Records 2006 mit seinem Album „Hustler’s P.O.M.E. (Product of My Environment)“ haben. Und das vollkommen zurecht und nicht nur wegen der Übersingle „We Fly High“.

Ganze 40 Jahre alt ist der Sohn eines Puerto Ricaners dieses Jahr geworden. Und auch wenn ihm nie die kultische Verehrung des fanatischen, religiösen Führers James Warren Jones zuteil werden sollte, bei dem sich Jim Jones seinen Namen abschaute, war er doch für einen ganz besonderen Teil des Dipset-Movements verantwortlich. Nicht mit den Rap-Skills seiner „großen“ Kollegen Juelz und Cam’ron gesegnet, hatte Jim Jones doch immer ein Augenmerk auf einem einzigartigen Stil, der sich laut eigener Aussage bis heute in solchen Crews wie dem A$AP Mob wiederfindet. Denn während in der vollkommen außer Kontrolle geratenen Welt seiner Geschäftspartner und Freunde die Farben immer ausgefallener wurden und die Klamotten immer mehr Gefahr liefen wie ein Hochzeitskleid über die Straße geschliffen zu werden, etablierte Jones schon früh den Rapper-Rockstar-Style.

Diese Kombination aus Hood und Bling allein reichte natürlich nicht, um mehrere hunderttausend Platten zu verkaufen, doch ist genauso Erfolgsrezept von „Hustler’s P.O.M.E. (Product of My Environment)“. Nach zwei nicht unerfolgreichen Vorgängeralben schaffte der Drittling den perfekten Spagat zwischen harten Representern wie „Bright Lights, Big City“ oder Brechern wie „Pin The Tail“ und eben dem Glamour von „We Fly High“. Sicher: das Album allein wäre ohne die Platin-Single nie so ein großer Punkt in den Geschichtsbüchern geworden, aber aus dieser gesunden Albummitte heraus, lässt sich das Harlem des Jim Jones genüsslich erkunden. Denn neben dem Vielfliegerhit (der übrigens mit seinem legendären Dance-Move einen Prototyp des Dabbing-Trends darstellt) finden sich ganze 72 weitere Minuten Erfahrungsberichte des Capos auf der Platte.

Und wer schon mal Jim Jones gehört hat, weiß, dass es zwischen Genialität und Wahnsinn pendelt, wie sich der damals 30-Jährige des Raums bemächtigt, der für kurze prägnante Adlibs vorgesehen ist. Da werden im Hintergrund manchmal mehr Wörter gedroppt, als die eigentliche Zeile beinhaltet hat. Böse Zungen behaupten gar, das wahre Album würde sich in den Adlips abspielen. Dazu trällert auf jedem zweiten Song ein gewisser Max B mal gelungene, mal weniger gelungene, aber immer charmante Refrains, ohne ahnen zu können, dass Jim Jones und er schon wenige Monate später verbitterte Feinde sein würden. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine launige Angelegenheit, die abwechselnd vor Pathos und Purple Juice trieft bleibt das dritte Soloalbum von Jim Jones bis zum Ende, auch wenn HipHop-Fans zumindest bei „Weather Man“ wahlweise eine Träne oder etwas Alkohol vergießen. Denn hier liefert der 2007 verstorbene Stack Bundles einen unvergessenen Part.

Wer das Album noch nie gehört hat, der wird verwundert sein, wie viele der Beats von Chink Santana und Konsorten er schon mal gehört haben dürfte. Denn ob im Ruhrpott (Snaga & Pillath anyone?) oder in Berlin (High Society), nie zuvor war der American Dream im Deutsch-Rap so präsent, wie in Folge des Dipset-Hypes. Allerdings wird 2006 nicht nur als das Jahr, in dem alles auf die Spitze getrieben wurde in Erinnerung bleiben, sondern auch als das Jahr, in dem der Untergang von Dipset schon unumgänglich war.
Zwar sind Cam’ron, Juelz Santana und auch Jim Jones auch 2016 nicht aus dem US-Rap verschwunden, doch gerade Letzterer wird wohl nie wieder einen solchen Höhenflug erleben, wie vor zehn Jahren. Doch wer ein mal die Spitze gesehen hat, dem kann man das nie wieder nehmen. In diesem Sinne: „We fly high, no lie, you know this! Baaaaalliiiiin“!

 

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