Jeru the Damaja – „Wrath of the Math“

Besserwisser mag eigentlich niemand so wirklich. Sie nerven, sie heben ihre Zeigefinger und machen die gute Stimmung kaputt. Doch ohne Besserwisser und solche, die auf Missstände hinweisen, wird’s wohl auch nicht besser. Jeru the Damaja ist so ein Besserwisser. Aber einer den man durchaus mögen kann. Mit ihm wurde es besser – auch wenn der Pionier des Eastcoast-Raps auch nach über 20 Jahren noch unter dem Radar agiert. Im Oktober 1996 erschien sein zweites Album „Wrath of the Math“. Ein Meilenstein, der sich doch viel zu selten auf den Plattentellern dreht.

Dabei war Wrath of the Math nicht einmal das Debüt-Album des Rappers. Das heißt bekanntermaßen „The Sun Rises in the East“ und erschien schon zwei Jahre zuvor, im Mai 1994. Doch wie das Leben manchmal so spielt, sollte es trotz größeren Promo-Bemühungen immer hinter seinem Nachfolger genannt werden. Und das aus gutem Grund.

Wrath of the Math, das ist nicht nur ein Album, das komplett von der All-Time-Legende DJ Premier produziert wurde. Es vereint in sich nämlich ebenso die Lebensrealität New Yorks Mitte der Neunziger, wie es beispielsweise Nas‘ Klassiker Illmatic tut. Dennoch hat es Jeru niemals zu einem solchen Legendenstatus geschafft wie eben genannter Queensbridger oder auch andere New Yorker Zeitgenossen wie die Mannen des Wu-Tang-Clans – zumindest nicht im Mainstream. Bis heute ist er eher ein Underground-Phänomen geblieben.

Das mag vielleicht auch ein bisschen an der politischen Einstellung Jerus gelegen haben, denn mit dem teils spirituellen, teils fast schon revolutionär-sozialistisch angehauchten Subtext seiner Lyrics traf er nicht unbedingt den Zeitgeist jener Jahre, in denen die Welt im Großen und Ganzen doch in Ordnung zu sein schien. Zudem machte zu dieser Zeit eher eine andere New Yorker Posse richtig Welle:  Die Bad Boys rund um Puff Daddy, Biggie und auch Lil‘ Kim. Während beispielsweise letztere durch ihre „Queen Bitch“-Attitüde von sich reden machte, hatte Jeru ganz andere Ratschläge an die Frauen: „Put some clothes on that ass if you respect yourself“. Auch mit dem Gangsta-Gehabe und dem „Big willie talk“, wie er es nannte, wollte Jeru nicht in Verbindung gebracht werden. Er habe nie Kilos vertickt, noch nicht einmal eine einzige Unze, gibt er freimütig auf der besagten Platte zu – er ist eben nicht der „average nigga“.

Trotzdem spiegelt sich die harte Lebensrealität, vor allem der jungen Afro-Amerikaner in den Projects, nicht nur in den Lyrics wider. Auch die gesamte Klangfarbe der Scheibe fängt diese in allen Höhen und Tiefen gnadenlos und tongewaltig ein. Die Spanne der Missstände, die Jeru dabei anprangert, ist so vielseitig wie bemerkenswert: Von Polizeigewalt über Alltagsrassismus bis hin zur Notwendigkeit, Kondome zu benutzen, findet hier alles sein Abbild. In „Me or the papers“ beispielsweise gibt er einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt, die durch eine sehr einnehmende Beziehung zu einer geldgeilen Dame gestört wurde. Bemerkenswert war und ist daran vor allem, dass er dabei niemals aufgesetzt wirkt und Jeru dabei auch völlig ohne abwertendes Hass-Geschwurbel auskommt, wie es in der Szene doch nicht unüblich war und nach wie vor ist. Bemerkenswert ist aber ebenso, dass auf Wrath of the Math generell niemals der Verdacht aufkommt, man würde von einem Missionar bekehrt werden.

Der Vollständigkeit halber steht dem gegenüber natürlich die Geschichte, dass die Berliner Sekten-Legende Rhymin Simon angeblich eine Woche durch New York gelaufen ist, um Jeru eins auf die Fresse zu geben, weil dieser bei einem Gig in Berlin Simons damalige Freundin beleidigt haben soll. Zwar mag man dem Kingpint Rhymin Simon zwar die Rachegelüste zugestehen und auch seinen Legendenstatus will niemand in Abrede stellen, doch gejuckt hat’s den Damaja wohl ebenso wenig wie jegliche andere Kritik an seiner Person oder seiner Attitüde. Frauenfeindlichkeit mag man ihm dennoch nicht vorwerfen können.

Auf Vinyl jedenfalls hat sich der New Yorker immer verhalten, als wäre er halb Sozialarbeiter, halb Guerilla-Kämpfer. Frauen kamen da ohnehin nur am Rande vor. Seine Scheiben – und das trifft auf die Doppel-LP Wrath of the Math wohl am allermeisten zu – sind einfach rund in Form und Inhalt. Über Beats aus dem Hause Premier braucht man ohnehin kaum zu diskutieren, dazu kam jedoch auch der souveräne Flow und der roughe Style des Damajas. „Control the mic like Fidel Castro“. Doch anders als Fidels Sozialismus wird Jerus abwechselnder Zeige- und Mittelfinger wohl immer bestehen – wenn auch oft nur tief vergraben in den Plattenkisten der Untergrund-Kenner. Eine Schande, die hier, ganz im Sinne „Black Castros“, angeprangert werden muss.

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Bei Mr. Doctor gelernt, bei Large Professor den Abschluss gemacht: Ob als Journalist oder einfach nur so, Flo steht auf diesen Hip Hop Scheiß - vom dreckigen Süden bis hoch zur Hansestadt.

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