Jerry Heller: “Ruthless Business” (#107)

Es ist fraglich, ob N.W.A 1988 ähnlich bombastisch eingeschlagen wäre ohne den erfahrenen Musikmanager an ihrer Seite, der zuvor schon Künstler wie Elton John, Pink Floyd oder Marvin Gaye betreut hatte: Jerry Heller. Trotzdem ist der inzwischen 71-Jährige in der Rap-Welt zum Synonym für Veruntreuung geworden. Maßgeblich zu verdanken hat er diesen Ruf Ice Cube, der diese Vorwürfe – mit einer gehörigen Portion Antisemitismus – nach seinem Weggang von Eazy-Es und Hellers Label Ruthless Records erhob. Es sollte rund 15 Jahre dauern, bis Jerry Heller in seiner Autobiografie, „Ruthless – A Memoir“, dazu Stellung bezog. BACKSPIN hat mit der Koryphäe aus dem Musikgeschäft gesprochen.

Herr Heller, wie kamen Sie in den 70ern auf die Idee, die deutsche Band Kraftwerk für eine US-Tour zu buchen?
Ihr amerikanischer Manager war ein Freund von mir. Er buchte Kraftwerk für eine Tour in Amerika und stellte mich als ihren Agenten an. Ich holte sie hierüber, als gerade ihr “Autobahn”-Album erschienen war. Und sie waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sie ehrlich gesagt nicht besonders gut ankamen (lacht). Dabei waren sie wirklich sehr gut! Sie waren die Wegbegleiter für Techno und all den DJ und Rap-Kram von heute.

Hatten Sie Bedenken, zwei deutsche zu buchen? Die Schoah lag noch nicht lange zurück.
Hatten Sie, als amerikanischer Jude, keine Bedenken, eine deutsche Gruppe zu buchen? Die Schoah lag noch nicht lange zurück…

Später bei Ruthless Records hat Ihr Kompagnon Eazy-E mit will.i.am. und Blood of Abraham nicht nur einen Song gegen Rassismus und Antisemitismus aufgenommen. Er soll auch vorgehabt haben, einen Film über die Jewish Defense League (JDL, eine militante jüdische Organisation, die sich verschrieb, Juden in der Diaspora mit allen Mitteln vor jeder Form von Antisemitismus zu schützen; Anm. d. Verf.) zu drehen. Was war seine Motivation?
Eazy war ein junger Afroamerikaner, der den Stachel des Vorurteils am eigenen Leib zu spü- ren bekam. Und Mike Klein, ein Israeli, war der Chef des Sicherheitsdienstes von Ruthless. Er war mit Irv Rubin (der damalige Vorsitzende der JDL; Anm. d. Verf.) befreundet, also kam Rubin ab und zu bei Ruthless vorbei. Eazy war von dem Slogan der JDL begeistert: „Never again!“ Er fand, dass die Sklaverei, die die Afroamerika- ner durchlitten, sehr viel gemein hatte mit der Geschichte der Juden, zurückreichend bis zur Versklavung der Juden im Alten Ägypten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es noch kei- ne Verschwörungstheorie gegeben habe, die Sie nicht mochten. Dabei sind Sie selbst schon welchen zum Opfer gefallen: Ice Cube griff Sie in „No Vaseline“ antisemitisch an, weil Sie bei N.W.A angeblich Gelder unterschlugen. Und erst vor kurzem hat ein Mitglied der Nation of Islam ein antisemitisches Buch veröffentlicht, in dem behauptet wird, Hip-Hop würde von Juden gezielt manipuliert, um Schwarze zu un- terdrücken und auszubeuten.

Ich kenne dieses Buch nicht, dazu kann ich nichts sagen. Was aber „No Vaseline“ von Ice Cube angeht, so kann ich sagen, dass es sich dabei um einen verabscheuungswürdigen Song handelt, der definitiv antisemitisch ist. Dabei glaube ich nicht einmal, dass Ice Cube antisemitisch ist! Ich glaube, er ist einfach nur pro-Ice-Cube. Er schrieb „No Vaseline“, weil er es für clever hielt und glaubte, dass es sich gut verkaufen würde. Ich glaube auch nicht, dass er antikoreanisch war, als er „Black Korea“ schrieb. Ich glaube nicht (lacht), dass seine Ansichten besonders bestän- dig und tiefgehend sind. Nichtsdestotrotz ist „No Vaseline“ der ätzendste, entsetzlichste, ekelhaf- teste antisemitische Song im Rap, der mir je zu Ohren kam. Davon abgesehen: Inzwischen ist Ice Cube von lauter weißen Juden umgeben! All seine Leute sind weiß und jüdisch. Was die Verschwörungen angeht: Ich bin ein Kind der 60er und wuchs auf mit der Ermordung Kennedys und all den damit einhergehenden Gerüchten und Verschwörungstheorien. Vielleicht war ich mit meiner Bemerkung über Verschwörungen also etwas naiv. Andererseits gibt es de facto jede Menge Verschwörungen (lacht), man liest über sie jeden Tag in der Zeitung.

Ihr Buch erschien 2006. Wieso haben Sie so lange gewartet, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen?
Weil ich so überheblich war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass irgendjemand diese Dinge glauben könnte. Ein Freund, der inzwischen

im Gefängnis ist, sagte mir damals: „Die Menschen halten solange etwas für wahr, bis es widerlegt wird.“ Auch das glaubte ich nicht. Bis ich eines Tages bei Barnes & Nobles war und Jeff Chang’s Buch „Can’t Stop, Won’t Stop“ sah. Da sagte ich mir, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, Eazys Erbe und meinen eigenen Ruf zu rehabilitieren.

Das schlagende Argument in Ihrem Buch gegen die Betrugsvorwürfe ist, dass Sie anscheinend niemals angeklagt wurden.
Ja, und damit meine ich nicht nur mich, son- dern auch Eazy. Wir wurden niemals angeklagt. Im Musikgeschäft (lacht) ist es, wenn du aus deinem Vertrag aussteigen willst, eine alte Tra- dition, zu behaupten, dass dich die Plattenfirma bestohlen habe. Aber wenn wir die Künstler wirklich bestohlen hätten, dann hätte man uns doch verklagt. Aber das war nie der Fall. Das ist alles leeres Gerede. Möglicherweise waren sie im Nachhinein mit ihrem Deal nicht einver- standen. Aber dass da irgendwas hinter ihrem Rücken gelaufen wäre, das ist einfach bullshit. (Lacht) Absoluter Blödsinn, ein Witz!

Haben Sie von Ice Cube oder Dr. Dre Feedback auf das Buch bekommen?
Mir ist noch nichts zu Ohren gekommen. Seit Ice Cube die Gruppe verlassen hatte, bin ich ihm nie wieder begegnet. Es scheint,als lebe er in einem anderen Universum als ich. Dre traf ich ein paar Mal zufällig, seine Mutter wohnt nur ein paar Straßen von mir entfernt. Wenn wir uns sahen, unterhielten wir uns kurz. Aber inzwischen habe ich auch ihn schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen. Abgesehen davon meine ich, dass er definitiv das Recht hat, seine Meinung über mich zu sagen. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die über mich schreiben oder mich in ihren Songs erwähnen, ohne mir jemals begegnet zu sein (Nelly und Game zum Beispiel; Anm. d. Verf.). Aber Ice Cube und Dr. Dre kennen mich! Was immer sie also über mich sagen, es ist ihr gutes Recht, ob mir ihre Meinung gefällt oder nicht.

Ihre Beziehung zu Eazy-E scheint besonders eng gewesen zu sein. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass er so- gar die Schlüssel zu ihrem Haus hatte und kommen und gehen konnte, wann immer er wollte.

Das war 1989. Wir waren seit zwei Jahren gemeinsam im Geschäft und hatten sehr großes Vertrauen zueinander. Ich stand normalerweise um halb fünf Uhr morgens auf und ging ins Büro, damit ich noch in Ruhe arbeiten konnte, bevor all die Jungs eintrafen. Eazy dagegen kam erst gegen vier Uhr morgens nach Hause. Also liefen wir uns nur selten über den Weg. Deshalb breitete ich für ihn am Abend, wenn ich nach Hause kam, all die Papiere, die für ihn wichtig waren, auf meinem Schreibtisch aus. So blieb er stets über das Tagesgeschäft informiert. Gleich- zeitig hatte ich natürlich auch Schlüssel für seine Häuser.

Bone Thugs-N-Harmony war die letzte große Nummer bei Ruthless. Was hatten Sie und Eazy-E für weitere Pläne?
Wir waren Mitte der 90er Jahre drauf und dran, in die Latino-Hip-Hop-Bewegung einzusteigen, mit Julio G, Tony G, Kid Frost, Mellow Man Ace und ALT. Außerdem waren wir sehr damit beschäftigt, einen Fuß ins Filmgeschäft zu setzen. Wir wollten uns in verschiedenen neuen Märkten verzweigen. Wir fingen gerade erst an, auch mit Merchandi- sing, das erst später durch Puffy, Jay-Z und Russell Simmons zu einem großen Geschäft wurde.

In Ihrem Buch heißt es, Sie hätten Ru- thless fünf Wochen vor Eayz-Es Tod verlassen. Wieso?
Okay. Das ist das einzige Thema, über das ich hier nicht sprechen kann. Es ist Teil meiner Abmachung mit Ruthless, nicht darüber zu reden. Daher kann ich nichts über die Zeit sagen, in der er starb.

Und dann, was haben Sie nach Ruthless gemacht?
Wie gesagt, es ist schwierig für mich, über diese Zeit zu sprechen. Es hat einige Jahre gedauert, meine Ansprüche auf Eazys Nachlass durchzusetzen. Teil der abschließenden Vereinbarung war schließlich ein Geheimhaltungsabkommen. Deshalb habe ich mich auch in meinem Buch nicht dazu geäußert. Zurzeit arbeite ich an einer Dokumentation, die auf dem Buch basiert. Au- ßerdem arbeite ich an einer Fernsehserie.

Was ist aus Ihrem Verhältnis zu Rap geworden?
Gangsta-Rap, der mich ja vor allem interessierte, endete für mich politisch mit Public Enemy und soziologisch mit N.W.A. Für mich gab es danach nichts mehr, was dermaßen bahnbrechend und voller Wut war. Eazy war meine letzte echte Verbindung zu Gangsta-Rap. Was Hip-Hop angeht, gibt es nach wie vor einiges, das mich interessiert.

Zum Beispiel?

Im alten Teil von Hollywood gibt es eine kleine Szene von Kunstgalerien mit enger Verbindung zu Musik. Ein paar von ihnen haben mit Odd Future zu tun, die ich ganz fantastisch finde. Was sicher noch kommen wird, ist der Durchbruch von Latino-Hip-Hop. Mir gefällt außerdem Spoken Word/Poetry zu Hip-Hop-Beats. Und in New York gibt es Graffiti-Künstler, die in die Fuß- stapfen von Keith Haring treten und ganz wunderbar sind.

Wie kamen Sie über überhaupt zu Rap? Was für einen Bezug hatten Sie zu Rap vor N.W.A?

Ich dachte über Rap genauso wie alle anderen auch: Ich hörte den Rap aus Hollis, Queens, und mochte ihn nicht, weil er nicht melodiös war.

Ich mag Melodien, also sprach mich diese Musik überhaupt nicht an. Aber dann hörte ich von einer kleinen Szene hier in Hollywood, wo es ein Presswerk und Label namens Macola gab. Die Künstler bei Macola hießen MC Hammer, Ice-T, Timex Social Club, Egyptian Lover, Bobby Jim- my & The Critters, JJ Fad, Rodney O & Joe Coo- ley, LA Dream Team, CIA und The World Class Wreckin’ Cru. Irgendwann sah ich mir das Gan- ze mal an. Ich traf Rudy Pardee vom LA Dream Team, das mit „Rockberry Jam“ bereits einen kleinen Hit gelandet hatte. Nun war er dabei, den Song „The Dream Team Is in the House“ zu veröffentlichen und spielte ihn mir vor. Mir gefiel die Melodie und das ganze Drumherum, also begann ich, mit den Rappern von Macola Verträge abzuschließen.

Und wie kamen Sie zu schließlich zu N.W.A beziehungsweise Ruthless Records?
Der Frontmann der World Class Wreckin’ Cru- war Alonzo Williams, für mich einer der Pioniere des West-Coast-Rap. Er erzählte mir von einem Typen namens Eric Wright (Eazy-Es bürgerlicher Name; Anm. d. Verf.), der mich un- bedingt treffen wollte. Aber ich hatte keine Zeit, schließlich managte ich bereits Egyptian Lover, das LA Dream Team, The World Class Wreckin’ Cru, JJ Fad und Rodney O & Joe Cooley. Monate später saßen Alonzo und ich in seinem Club in Compton, als er sagte: „Pass mal auf, ich möchte, dass du endlich Eric Wright kennen lernst! Er bietet mir 750 Dollar, wenn ich euch miteinander bekannt mache. Ich könnte das Geld gut gebrauchen, also könntest du dich bitte mit ihm treffen?“ Ich willigte ein und am 3. März 1987 stand ich an der Straße vor Macola, als Eric Wright mit einem Suzuki Samurai mit MC Ren auf dem Beifahrersitz vorfuhr. Er stieg aus, kam rüber zu mir, griff in seine Socke, holte ein Bündel Geldscheine heraus und zahlte Alonzo die 750 Dollar. Ich fragte Eric Wright, ob er mir Musik vorspielen wolle. Er hatte zwar ein Charisma, das mich ansprach, aber ich zeigte mich nicht gerade von meiner besten Seite. Ich wollte einfach nur Alonzo einen Gefallen tun. Anstatt mir nun etwas über seine Musik zu erzählen, drückte er mir eine Kassette in die Hand. Ich schätze, er wollte die Musik für sich sprechen lassen.

Ich legte die Kassette ins Tapedeck, bekam „Boyz- N-The Hood“ zu hören und dachte sofort: Das ist die bedeutendste Musik, die ich seit Mitte der 60er Jahre gehört habe.

Es klang für mich wie eine Kombination aus den Rolling Stones, Gil Scott-Heron und den Black Panthers. Noch am selben Tag, am 3. März 1987, starteten wir Ruthless Records.

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