Interview mit Robda über Money, Weed, Bitches und Kung-Fu

Robda war schon immer da. Bei Magnum 12, der Heimat des frühen Marsimoto, bei Jams in ganz Deutschland mit Marker und Sportzigarette im Rucksack und an all den anderen Orten, an denen in den 90ern die junge Hip-Hop-Kultur den Kinderschuhen entwuchs. Dennoch erschien sein Debütalbum „Das Dicke R“ erst jetzt. Ein Grund dafür war die zweite große Leidenschaft des dicken Rs: Kung-Fu. So führt Robda mittlerweile zwei Schulen, in denen er die Kampfkunst vermittelt und man sieht ihn nicht selten zwischen seiner deutschen Heimat und China hin und her pendeln. Denn dort lebt in einem kleinen Dorf sein Meister. Ein Gespräch über den Zwiespalt zwischen Spiritualität und Money, Weed & Bitches.

Obwohl du 33 Jahre alt bist und schon lange Musik machst kennen dich vermutlich die Wenigsten. Was ist vor „Das Dicke R“ passiert?
Ich bin ganz klassisch zu HipHop gekommen. Über Skateboarden zu „36 Chambers“ vom Wu-Tang Clan – das erste Album, das ich richtig mitbekommen habe. Ich bin dann viel mit Rucksack auf Freestyle-Jams unterwegs gewesen, habe gemalt und geraucht. Der typische Backpacker eben. Irgendwann hatte ich eine Crew, aus der später das Label Magnum 12 entstanden ist. Dann bin ich mit Tobi (Labelboss von Magnum 12, A. d. Red.), der ein langjähriger Freund von mir ist, nach Darmstadt gegangen und habe es dort 2003 tatsächlich geschafft mal eine EP aufzunehmen, die aus dem Rucksack heraus veröffentlicht wurde. Generell war es für mich immer ein ziemlicher Akt kontinuierlich aufzunehmen und Songs zu planen. Deswegen hat es bis heute nicht mit einem Album geklappt. Aber ich bin mit Hip-Hop aufgewachsen und Liebe diese Musik. Jetzt wollte ich endlich etwas für mich selbst hinterlassen.

Also ein Album zur Selbstverwirklichung?
Es war einfach höchste Zeit für ein Geschenk von mir an Rap, weil er mich schon die ganze Zeit begleitet. Nicht unbedingt an die Szene, denn ob die darauf gewartet hat, das kann ich nicht sagen. Als ich vor zwei Jahren begonnen habe an dem Album zu arbeiten, hatte ich noch mal eine Eingebung. Da ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie lange Rap jetzt schon mein Freund ist. Außerdem gab es viel Motivation aus meinem Umfeld. Diese beiden Faktoren waren die Gründe dafür, dass ich mich wirklich darangesetzt habe. Ich habe einen richtigen Schub bekommen und bin so motiviert wie nie. Wir sitzen auch schon wieder an neuen Sachen.

Man könnte den Sound des Albums im positiven Sinne als hängengeblieben bezeichnen, da Cuts und Samples dominieren. Wolltest du den Sound deiner Jugend zurückbringen?
Ich stamme aus dieser BoomBap-Ära und habe deswegen ein gutes Gehör für solche Beats. Aber ich habe ehrlich gesagt gar nicht darüber nachgedacht, wie es klingen soll. Das, was wir jetzt produzieren, ist in Sachen Rhythmus auch schon wieder ganz anders. Es war nicht mein Plan, aber es musste einfach so raw klingen, weil ich alles bei mir zuhause produziert und im Schrank aufgenommen habe. Es gab nicht mal jemanden, der mich recorded hat. Klar hat Busy das Ganze dann gemastert, aber der ursprüngliche Sound ist unter sehr einfachen Bedingungen entstanden.

Manchmal gleicht deine langsame Vortragsweise eher der eines Geschichtenerzählers. Dieser SlowMo-Vibe trägt auch seinen Teil zum Gesamtbild bei. Interessiert dich die Technikversessenheit in Rap nicht so sehr?
Ich denke, das ist eine Typfrage. Ich bin keiner, der voll aufdreht. Meine Natur ist recht chillig. Jetzt musst du dir meinen Workflow und meine Situation vorstellen. Ich sitze alleine zu Hause in meiner Musikecke, baue mir meinen sphärischen Beat zusammen, gehe alleine ans Mic und rauche mir einen. Dann bin ich eher in einem Chill-Modus und falle automatisch in diesen Laid-Back-Style. Es fühlt sich für mich fremd an, in einem leeren Raum zu stehen und voll durchzudrehen. Live ist das zum Beispiel anders. Dort kann ich mit jemandem interagieren. Das entfacht gleich eine andere Energie.

Abgesehen vom Artwork hast du am Album alles komplett selber gemacht und es gibt keine Features. Lässt du dir ungern von anderen in deine Musik reinreden?
Abgesehen von den Cuts und zwei kleinen Gitarrenparts habe ich alles selber gemacht. Das hat auch seinen Grund: Kompromissbereitschaft ist nicht unbedingt meine Stärke. Ich lasse mir da wirklich ungern reinreden. Wobei ich von guten Produzenten natürlich auch Kritik annehmen kann. Aber in der Produktionsphase waren solche Menschen einfach nicht um mich herum.

Der Track „Money, Weed, Bitches & Kung-Fu“ umreißt im Titel die thematische Klammer des Albums ganz gut. Warum hast du dich darauf reduziert?
Es ist natürlich mit einem ganz großen Augenzwinkern gemeint. Du kannst es auf den ersten Blick sehr platt sehen: Da ist irgendein Hustler, der den ganzen Tag rumkifft und rumfickt. Aber warum schreibt er dann Kung-Fu dahinter? Das ist der Gegensatz, den Leute in meinem Alltag sehr oft nicht verstehen. Entweder treffen sie mich in meinem Kung-Fu-Kontext und können gar nicht verstehen, dass ein Kung-Fu-Lehrer rappt und auch mal Spaß auf einer Party hat. Ein andermal sitze ich im Zug, komme mit einem Typen ins Gespräch und erzähle ihm, dass ich jetzt zum Kung-Fu Training gehe. Zurück kam: „Boah, das hätte ich nie gedacht. Ich dachte eher, du bist Graffitisprüher.“ Dieser Gegensatz wird ständig an mich herangetragen, aber mein Leben ist beides.

Findest du diesen Zwiespalt gut?
Ja, das finde ich gut. Es ist nicht so, dass ich mir jeden Tag den „Money-Weed-Bitches“-Lifestyle gebe. Aber ich höre schon mein halbes Leben lang Musik, die immer wieder mit diesen Bildern arbeitet. Das symbolisiert für mich letztlich Yang; Dieses impulsive nach Außen Gehen. Auf der anderen Seite ist Kung-Fu. Das gibt mir den Rahmen für mein Leben. Wenn das wegfallen würde, dann wäre ich weg. Es ist also die weise Seite, die mich zu dem macht, was ich bin: Ying. Wenn du eine Seite zu sehr belastest, dann gibt es kein Gleichgewicht mehr. Damit ich mit mir im Einklang leben kann, brauche ich aber beides. Mich nervt dieses Schwarzweiß-Denken. Money, Weed, Bitches und Kung-Fu – das bin ich.

Während du Kung-Fu als Leistungssport betreibst, gibt es im Deutschrap eine Menge Hobby-Pumper mit 45er Bizeps, die ihren Fitness-Lifestyle in der Musik zum Hauptthema machen. Denkst du, das hat einen guten Einfluss auf die Jugend?
Ich finde es grundsätzlich gut, die Jugend zum Sport zu bewegen. Es ist gut, dass die Jungs über Fitness reden und dass sie sagen: „Los, mach was und hänge nicht wie ein Schluck Wasser in der Kurve“, denn Sport gibt dir ein gutes Gefühl und Selbstbewusstsein. Was ich nicht gut finde ist, wenn das eine Dimension der Glorifizierung annimmt und du nur noch etwas bist, wenn du diesen 45er Bizeps hast. Wenn es nicht mehr um den sportlichen Akt geht, der deinen Geist befreit und dich stärkt, sondern du einem Idealbild hinterherrennst, ist das falsch. Das nimmt dann die Dimensionen einer Magersucht an. Du musst so und so viel wiegen um schön zu sein oder du musst so und so breit sein, um ein krasser Rapper zu werden. Wenn 15-Jährige dann andere Jugendliche anfeinden, nur weil sie lieber Fußball spielen und deswegen nicht so muskulös sind, finde ich das nicht richtig.

Du verbringst wegen deines Sports immer wieder Zeit in China. Fließen die krassen Gegensätze zwischen China und deiner Heimat auch in deine Musik ein?
Money, Weed & Bitches wird immer wieder durch spirituelle Anspielungen aufgebrochen. Ich bringe dir drei völlig überspitzte Weed-Punchlines und dann wieder so was wie „Ich trage Buddha um den Hals“ oder „Mein bester Freund lebt auf einem Berg und ist ein Bonsai Baum.“ Ich möchte keine reine Kung-Fu Musik zu machen, sondern mit Gegensätzen spielen. Ich kann einen modernen Lifestyle in einer westlichen Gesellschaft führen und trotzdem die östliche Philosophie zu meiner Basis machen. Du musst nicht ins Kloster gehen, du musst nicht Mönch sein, du musst dich nicht kahl rasieren und Vegetarier werden, um diesen Weg zu gehen. Du musst das nehmen, was diese alten Weisen gesagt haben und darüber nachdenken, wie du daran in deiner Welt wachsen kannst.

Was vermisst du in der europäischen Kultur, wenn du aus China zurückkehrst?
Die Ruhe. China ist ein lautes Land, aber der Geist der Menschen ist ruhiger als bei uns. Wobei China zu groß ist, um das für das ganze Land zu pauschalisieren. Aber im Dorf meines Meisters wohnen 3000 Menschen und davon praktizieren 2000 jeden Tag Kung-Fu oder Tai-Chi. Die meisten sind entweder Wanderarbeiter oder Landwirte. Sie stehen jeden Tag zur selben Zeit auf, verrichten jeden Tag die gleiche Arbeit und gehen dann um 9 ins Bett. Es gibt keine Straßenlaternen. Um 9 ist es dunkel und dann schlafen alle bis 6 Uhr. Die restliche Freizeit wird nur für Kung-Fu aufgewendet. Den ganzen westlichen Großstadt-Struggle gibt es da nicht. Vielleicht in Shanghai oder Peking, aber da bewege ich mich nicht. Meine Zeit dort lässt mich begreifen, wie ich Mensch bin und was ein Mensch eigentlich braucht. Wenn ich nach längerer Zeit hierher zurückkomme, dann muss ich mich immer ein bisschen justieren. Aber ich bin eben kein Chinese und habe hier meine Wurzeln. Dann geht es darum, dieses Gefühl von dort auf meinen Alltag zu übertragen.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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