Kalusha: „Musik sollte ja für mich der Absprung von der Kriminalität ins legale Leben sein.“

Kurz vor der ersten richtig großen Chance bei Ypsilon Recordz im Jahre 2004 ging es für Kalusha erst mal für fünf Jahre in den Bau. Als Freigänger schaffte es der geborene Ghanaer trotzdem sein Debütalbum „Nicht zur Nachahmung empfohlen“ auf den Markt zu bringen und einen, für die damalige Zeit vergleichsweise amtlichen Hype, um seine Person auszulösen.  Sein Alleinstellungsmerkmal: Der erste ECHTE deutsche Gangsterrapper. Mittlerweile, knappe 12 Jahre später, liest sich dieser Satz fast schon wie eine Floskel. Zu Kalusha, was in seiner Muttersprache „der Schwarze“ bedeutet, passt diese Beschreibung allerdings wie die Faust aufs Auge. Sein Lebenslauf liest sich, wie man so schön sagt: „as real as it gets“. Mit einem schwerem Herzfehler nach Deutschland gekommen, im Wedding aufgewachsen, betreutes Wohnen, Straßengeschichten, Labeldeal, Knast, Debütalbum, Abschiebung, hier und da kurze Intermezzi mit zum Beispiel Hoodrich – dann ganz lange nichts mehr. 12 Jahre um genau zu sein. Jetzt steht nach über einem Jahrzehnt der zweite Schlag von K1 an. „Prototyp“ heißt das neue Machwerk des Berliners – und dieses Mal macht er alles selber. Ich habe mich mit Kalusha in einem seinem Studio getroffen, in sein neues Album rein gehört und dabei seine Geschichte Revue passieren lassen. Weitere Themen waren Deso Dogg, Hoodrich, Berlin und natürlich „Prototyp“.

Lass uns ein bisschen deine Geschichte aufarbeiten. Du bist als Kind nach Deutschland gekommen…

Kalusha:  Ich hatte von Geburt an einen Herzfehler – die genaue medizinische Bedeutung kenne ich nicht, aber bei mir hat sich eine Herzklappe auf jeden Fall nicht geschlossen. Aufgrund dessen hatte ich schon immer gesundheitliche Probleme und konnte nicht so aktiv sein wie andere Kinder und bin sogar immer mal wieder ohnmächtig geworden. Dazu muss man auch wissen, dass ich im tiefsten Dorf von Ghana geboren bin – im Aschantireich. Da war die Entwicklung noch nicht weit. Keiner konnte sich erklären was mit mir lost ist. Meine Mutter hat zu der Zeit schon in Deutschland gelebt und ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Mein Opa war bei uns der Dorf-Arzt. Er hatte irgendwie den richtigen Riecher meine Mutter dazu gedrängt mich doch bitte nach Deutschland zu holen und sich das von richtig ausgebildeten Ärzten ansehen zu lassen. Ich war damals acht Jahre alt und es hat sich rausgestellt, dass es sehr knapp war. Wenn sich das Ganze noch weiter verzögert hätte, wäre es mit mir schon da vorbei gewesen. Hier bin ich ziemlich schnell operiert worden und seitdem bin ich gesund.

Was sind deine ersten, bzw. prägendsten Erinnerungen an Deutschland?

Kalusha: Wie gesagt: Ich bin in einem Dorf geboren. Bei uns gab es nicht mal Strom oder Straßenlichter. Wir hatten ja noch nicht mal richtige Straßen. In den 80er Jahren gab es in meiner Heimat sogar eine kleine Militärdiktatur und es gab ein paar Jahre eine Hungerperiode. Du musst dir vorstellen, dass ich bis ich nach Deutschland gekommen bin, nicht mal eine richtige Stadt gesehen hatte. Ich kannte nur das Dorf mit seinen Hütten und ein Leben mit ein paar Kilometer bis zur Schule laufen und auf dem Lehmboden schlafen. Du kannst dir ja vorstellen was Deutschland für ein krasser Gegensatz dazu ist. Das ist wie auf einem anderen Planeten – richtiger Kulturschock, Alter.

Ich kannte nur das Dorf mit seinen Hütten und ein Leben mit ein paar Kilometer bis zur Schule laufen und auf dem Lehmboden schlafen.

Auf jeden Fall bist du in den Wedding gekommen…

Kalusha: Ja man. Wir haben direkt an der Grenze zum Osten gewohnt – S Bahnhof Schönholz. Da war auch direkt die Mauer. Mit der DDR war es ja schon vorbei, aber es gab da eine Leiter wo man raufklettern und bis in den Osten gucken konnte.

Von deinen Straßengeschichten hat man ja in deinen Songs schon viel mitbekommen.  2004 hast du gesagt: „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben alle kriminellen Aktivitäten eingestellt und lebte quasi von meinen Reserven. Sowas schafft nur die Musik.“

Kalusha: Das war wahrscheinlich im Rahmen meines ersten Albums. Da saß ich noch im offenen Vollzug. Wie mein Weg ohne Musik ausgesehen hätte, ist schwer zu sagen. Musik sollte ja für mich der Absprung von der Kriminalität ins legale Leben sein. Am Anfang hat das ja auch ganz gut funktioniert. Ich habe damals zuhause nur für mich Musik gemacht. Dabei  habe ich gemerkt wie viel Spaß es mir macht und das ich Leute damit erreiche. Damals, als ich mein erstes Album produziert habe, war ich noch sehr kriminell. Es kam einerseits zu dem Deal mit Ypsilon Records, andererseits zu meiner Verurteilung zu fünf Jahren Haft. Mit meinem Manager, ein bisschen Geld und einem guten Anwalt habe ich relativ schnell den Status als Freigänger bekommen und karrieretechnisch sah alles sehr gut aus. Ich hatte damals einen Manager, Jochen Kühling, der hat mir geholfen den Freigängerstatus zu erreichen und meine Ausgänge wahr zu nehmen. Der hat sich zusammen mit meinem Anwalt extrem dafür eingesetzt, dass ich Interviews geben, Videos drehen und mein Album produzieren kann. Ich war damals der einzige authentische Gangsterrapper. Es war auch noch nicht so viel los wie heute. Samy Deluxe und Kool Savas gab es schon und Bushido, Sido und Co. sind mit Aggro Berlin auch gerade an den Start gekommen – das war genau die Zeit, als deutscher Rap ein bisschen mehr Hype bekommen hat. Ich habe zu der Zeit den Fehler gemacht, dass ich nach Köln gefahren bin um ein Feature mit Eko Fresh aufzunehmen. Während diesem Trip ist auf jeden Fall Scheiße passiert und ich habe meinen Freigängerstatus verloren, musste meine Strafe komplett absitzen und danach wurde ich auch noch abgeschoben. Wenn du so willst, habe ich diese Chance komplett verkackt. Deswegen kann ich dir nicht sagen was gewesen wäre, hätte es die Musik nicht gegeben. Mein Leben ist ganz normal weiter verlaufen. Mit der Kriminalität und den Konsequenzen die ich daraus tragen musste.

Ich war damals der einzige authentische Gangsterrapper. Mein Leben ist ganz normal weiter verlaufen. Mit der Kriminalität und den Konsequenzen die ich daraus tragen musste.

Im Knast hast du dann Deso Dogg kennen gelernt…

Kalusha: Im Grunde genommen kannte ich Deso schon seit 1994 von der Straße – also weit vor der Musik. Gerade zu der Zeit ist er in Berlin sehr bekannt gewesen. Insbesondere weil wir beide in derselben Szene aktiv waren. Als ich ihn kennen gelernt habe, kam er gerade von einem Straflager aus Afrika. Damals war das KFC auf dem Ku’damm ein Treffpunkt für viele Araber, Türken und Schwarze aus der kriminellen Szene. Ich habe da mit einem Kumpel rumgehangen und dann hieß es auf einmal: „Deso kommt gleich, Deso kommt gleich.“ Man hatte aber auch vorher schon viel von ihm gehört. Deso Dogg war für mich, obwohl ich gar nicht so gerne Bezug zu diesem Thema nehmen möchte, weil ich auch seinen Bruder kenne, ganz oberflächlich gesehen eine sehr charismatische Person, die eine krasse Ausstrahlung hatte und die sehr polarisiert hat. Genau das wurde ihm am Schluss zum Verhängnis. Einige Leute haben das erkannt und es sich zu Nutze gemacht. Er hatte wahrscheinlich nicht die mentale Kraft oder Stärke zu differenzieren was richtig und was falsch ist und ist da rein gerutscht. Ich glaube aber, dass er es bitter bereut. Ich weiß auch gar nicht wer von uns angefangen hat Mucke zu machen. Auf jeden Fall waren wir beide zeitgleich im Knast in Hakenfelde und irgendwann hat er gesagt: „Ey, ich mache jetzt Musik!“, dann habe ich gesagt: „Ich mache jetzt auch Musik!“ und dann kam eins zum anderen und wir haben zusammen Mucke gemacht.

Nach der Knastzeit wurdest du abgeschoben…

Kalusha: Genau. Zuerst habe ich fünf Jahre abgesessen, dann hatte ich sechs Wochen Zeit das Land zu verlassen. Ich habe meine Frau und mein Kind eingepackt, bin in die Heimat geflogen und habe da zwei Jahre meines Lebens verbracht und bin dann 2009 oder 2010 – weiß ich schon selber gar nicht mehr – legal zurück nach Deutschland gekommen.

Also warst du gute sieben Jahre gar nicht in Berlin. Wie war es für dich wieder in die Stadt zu kommen? Die hatte sich doch bestimmt verändert.

Kalusha: Zum Anfang der Knastzeit hatte ich ja Ausgänge und noch irgendwo Berlin-Bezug. Aber in Tegel war ich komplett weg gesperrt und mit der Abschiebung waren es dann so ungefähr fünf Jahre. In so einer Zeit verändert sich einiges. Es kam zum Beispiel diese ganze Zugezogenenwelle und viele meiner Bekannten und Freunde waren immer noch oder schon wieder im Knast, einige sind gestorben und manche haben die Stadt verlassen. Ich fühlte mich schon ein bisschen verloren. Ich habe sehr unter diesen Veränderungen gelitten.

Zum Anfang der Knastzeit hatte ich ja Ausgänge und noch irgendwo Berlin-Bezug. Aber in Tegel war ich komplett weg gesperrt und mit der Abschiebung waren es dann so ungefähr fünf Jahre. In so einer Zeit verändert sich einiges.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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