Infidelix : „Straßenmusik war nichts, das mir vor ein paar Jahren in den Sinn kam.“

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Nicht mal 2 Jahre ist der Tag her, an dem Bryan Rodecker sich dazu entschied, seinen Kellnerjob in seiner Heimatstadt in Texas hinzuschmeissen, sich ein One-Way Ticket nach Europa zu kaufen und zur Reise seines Lebens aufzubrechen. Heute ist er als Infidelix auf den Straßen Berlins unterwegs, performt seine Songs in U-Bahn Stationen und lebt von seiner Musik. Nachdem sein Musikvideo zu „Swag Game“ bei uns Premiere feierte, hat er mit uns über den Wert von Straßenmusik, sein Leben in Berlin und seine Liebe zu Drake gesprochen.

 

Vor ungefähr zwei Jahren bist du zum Trip deines Lebens aufgebrochen. Gab es damals einen exakten Moment, an dem du gedacht hast: „Das wars. Ich gehe.“ ?

Infidelix: Ich erinnere mich in dem Restaurant gestanden zu haben, in dem ich seit Jahren arbeitete, und den Unterhaltungen zugehört zu haben, die Menschen um mich herum führten. Ich bemerkte, dass die Themen dieser Unterhaltungen und alles worüber die Leute sprachen völlig Sinnlos war. Vielleicht nicht für sie, aber für mich. Ich sah mich um und sah, wie unglückliche Paare lächeln vortäuschten und die Dinge taten, die Paare so tun, nur um zu wirken als wäre alles in Ordnung. Ich weiß es war nur ein Restaurant aber Tag für Tag die gleichen Unterhaltungen zu hören und unglückliche Menschen zu sehen, die in routinierten Abläufen steckten mit Familien, die sie eigentlich nicht liebten brachten mich auf den Gedanken, dass ich eigentlich Garnichts zu verlieren habe. Ich könnte genauso gut losgehen und ein oder zwei Träume verfolgen.

Ein paar Wochen nachdem mir diese Gedanken kamen, gaben mir zwei meiner Gäste ein 200 Dollar Flugticket, welches ich für einen beliebigen Flug einlösen konnte. Dieses Ticket benutze ich so schnell wie ich konnte und  begab mich auf die Reise, auf der Ihr mich nun seht.

Und jetzt, zwei Jahre später, wie hat sich dein Leben seitdem verändert ?

Infidelix: So viele Dinge sind mir passiert, seitdem ich diese Reise antrat. Straßenmusik war nichts, das mir vor ein paar Jahren überhaupt in den Sinn kam. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie viel Glück ich haben würde oder welche Herausforderungen ich bei dieser Reise meistern müsse. Alles was ich weiß ist: Ich habe diese Reise begonnen und versucht, meine CDs zu verkaufen. Das hat nicht geklappt. Mein ganzes Geld war weg und ich fing an auf der Straße zu spielen, um zu überleben. Die Leute fingen an zuzuhören, meine CDs fingen an sich zu verkaufen und Radiosender, Blogs und andere Plattformen fingen an mich zu bemerken. Ich bin wortwörtlich nur ein Typ, der sein Ding machen will, und der Support, den ich von der Öffentlichkeit und den Leuten, die die Öffentlichkeit mit Informationen versorgen, bekommen habe ist wirklich Phänomenal.

Dieses U-Bahn Video war so ein Zufall. Morgen hatte ich schon auf der Straße gespielt, gab dann etwas Geld für Essen und Zigaretten aus und wollte das wieder reinholen, bevor ich Nachhause ging. Ich hätte fast nicht in dieser Station gespielt, aber ich weiß nicht, irgendwie tat ich es doch. Alles, was dann passierte war reiner Zufall. Ich bin so glücklich, die Entscheidung getroffen zu haben, in dieser Nacht und in genau dieser Station zu spielen. Und ich bin so glücklich, dass diese wunderschöne Stimme aus der U-Bahn kam, und meinen Song so schön ergänzte, dass die Welt es mitbekam.

Ich habe Jahrelang versucht meine Musik zu den Leuten zu bringen und es ist so verrückt wie ein Song in einer U-Bahn Station an einem Dienstag Abend vor etwa Zehn Leuten mein Leben für immer verändert hat. Es zeigt einfach, dass du nie weißt wo sich Chancen ergeben. Das kann in den verrücktesten Situationen passieren.

Das Video mit der Sängerin EllandM, von dem du sprichst hat mittlerweile fast drei Millionen Youtubeviews. Wie fühlt es sich an zu wissen, dass so viele Menschen deine Perfomance online gesehen haben ?

Infidelix: Es schockt mich haha. Ich meine, irgendwie ist es ja das, worauf ich hingearbeitet habe. Ich habe diese Gefühle schon eine Weile erwartet und vorbereitet. Ich weiß, wenn du hart und lange genug an etwas arbeitest, erreichst du dein Ziel früher oder später. Dieser Moment und dieser Berg an Aufmerksamkeit, den das Video und der Song bekommen haben, hat so viele Türen für mich geöffnet. Blogs haben mich ignoriert, jetzt antworten sie. Videos waren  zu teuer, jetzt werden sie mir angeboten. Beats waren unmöglich zu finden, jetzt stapeln sie sich in meinem Mailpostfach. All das zeigt mir, dass die Menschen mich in dem was ich mache unterstütze. Ich verdanke es jedem der zuhört und darüber redet und das unterstützt, was ich tue, dass ich damit weitermachen kann.

 

Inzwischen kannst du von deiner Musik leben. Trotzdem performst du noch immer auf der Straße. Wieso ?

Infidelix: Ich erinnere mich daran einmal eine Mail von einem Mann bekommen zu haben, nachdem ich an der Schönhauser Allee gespielt hatte. Er schrieb, dass er nach einem langen stressigen Arbeitstag auf dem Weg Nachhause war, um seine Frau und seine Kinder anzuschreien. Er gab zu das in letzter Zeit öfter getan zu haben und , dass genau diese Nacht wahrscheinlich genauso geendet hätte. Anstatt seine Frau und seine Kinder anzuschreien, kam er Nachhause und erzählte ihnen von einem Straßenkünstler, dem er grade zugehört hatte. Seine Frau und seine Kinder hatten auch von mir gehört und die Unterhaltung in diesem Haushalt entwickelte sich zu einer positiven Erfahrung. Auch wenn es nicht meine ursprüngliche Intention war, jemandem mit so etwas zu helfen, veränderte ich die gesamte Dynamik dieses Familienabends mit Straßenmusik. Dies ist einer der Gründe, warum ich es niemals aufgeben werde. Es ist zu echt und die Leute die es betrifft sind zu echt und dieser Moment auch. Das ist keine mit Zuckerguss überzogene Good-Time-Show. Das ist das echte Leben, durch das wir alle gehen. Und wir gehen alle zusammen da durch. Ich muss nicht auf einer Bühne über irgendjemandem stehen, um den Leuten das zu zeigen.

Von all den Städten in die du hättest ziehen können nachdem du auch Texas weg warst, wieso grade Berlin ?

Infidelix: Ich habe das Gefühl, nicht ich habe mich für Berlin entschieden, sondern Berlin hat mich ausgewählt. Ich war über ein Jahr lang mit dem Rucksack unterwegs und an diesem Punkt hatte ich es  um ehrlich zu  sein satt, auf den Sofas von fremden zu schlafen, und wirklich coole Leute kennenzulernen nur um dann nach einer Woche wieder weiterzuziehen.  Ich wollte irgendwo bleiben und eine solide Crew aufbauen. In der Sekunde, in der ich in Berlin das Mic in die Hand nahm, bekam ich sofort positive Rückmeldung. Die Menschen hier haben entschieden, dass ich bleibe. Darum liebe ich die City.

Worin liegt der größte Unterschied zwischen einer Streetperformance und einem Auftritt in einer Halle oder einem Club ?

Infidelix: Für mich gibt es nichts echteres als auf der Straße zu spielen. Eine normale Show in einem Club läuft etwa so ab: Du bist gezwungen dir etwa 5 Hip-Hop Acts anzuhören, die du vielleicht nicht mal gut findest, nur um die Gruppe deines Freundes zu hören und dann Nachhause zu gehen. Du verbringst die Zeit, in der die anderen Gruppen spielen damit, Zigaretten zu rauchen, zu chillen und nicht wirklich zuzuhören. So laufen die meisten Shows ab und mir ist folgendes aufgefallen: Wenn du auf der Straße spielst, dann ist keiner gezwungen dir zuzuhören. Es gibt keine vier Wände und ein Bändchen am Handgelenk, das ihnen sagt, was sie zutun haben. Sie müssen meiner Musik nicht zuhören. Es ist dem Zuhörer und dem Künstler total freigestellt, wie sie sich verhalten. Jede einzelne Person, die stehen bleibt und zuhört, tut das, weil sie es möchte. Als Straßenmusiker muss man die Zuhörer innerhalb weniger Sekunden von sich überzeugen, dass du es wert bis Zeit zu opfern, ihre Pläne zu ändern um stehen zu bleiben und zuzuhören. Das ist viel schwerer als vor einer Crowd zu performen, die so wie so schon da ist. Die Straßen sind echt.

Du stehst jetzt bei einem Label unter Vertrag. Wie verträgt sich das mit der Identifikation als Straßenkünstler ?

Infidelix: Hättest du mich vor ein paar Jahren gefragt, ob Straßenmusik ein legitimer Weg ist, um Leuten deine Musik näher zu bringen oder in die Charts zu kommen, hätte ich gelacht und Nein gesagt. Heute, mit Hilfe von Social Media, sehe ich Videos von Straßenkünstlern mit Millionen von Views. Manchmal sogar mehr als die von Major Label Artists. Ich finde das super, denn es zeigt, dass man sogar als Straßenkünstler mit den Big Dogs mithalten kann.

 

Foto: holgerpelzerfotografie

Wie kam es zum Vertrag mit Citizen Soldier Entertainment (CSE)?

Infidelix: CSE ist etwas ganz besonderes. Es ist ein Label, welches mir mit einem Partner aus den Staaten gehört.  Jahrelang war es ein inoffizielles Label, eher ein Club, aber vor kurzer Zeit hatte ich die Möglichkeit,  ein richtiges Record Label daraus zu machen. Ich rede viel darüber unabhängig zu bleiben und so weiter, und dein eigenes Label zu kreieren bedeutet exakt das. Ich kann meine eigenen Sachen veröffentlichen, lizensieren und vermarkten und das alles durch meine eigene Firma. CSE besteht aus vielen Köpfen mit vielen Talenten. Ich wollte von Anfang an an meinen eignenen Projekten arbeiten und mein eigener Boss sein.

In einem Video bekennst du dich dazu, süchtig nach Drake zu sein. Was ist dein lieblings Drake Song und warum ?

Infidelix: Ich möchte nur mit ihm schlafen. Seine Musik ist bestenfalls Mittelmäßig.

 

Um zum Ende nochmal nach vorne zu blicken: Wie sind deine Pläne für die Zukunft? Worauf können sich deine Fans freuen ?

Infidelix: Neue Musik, neue Collabs, größere Straßenshows und ein weltweites takeover. Ih habe viele Ideen und Projekte, die ich umsetzen will.  Ich bin kein geheimnisvoller, schwer zu erreichender Rapper. Ich bin immer offen mit neuen Leuten an neuen Projekten zu arbeiten. Die Leute müssen nur Kontakt aufnehmen, dann können wir gemeinsam die Zukunft gestalten.

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Schon vor seiner Zeit bei BACKSPIN hat er immer von Hip-Hop geträumt . Jetzt darf er sich auch endlich tagsüber damit beschäftigen.

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