IAM: „Wir haben nie den Thron akzeptiert“

Spricht man über französischen Rap, darf eine Crew auf keinen Fall unerwähnt bleiben. Die Rede ist von IAM. Die Truppe aus Marseille gehört nicht nur zu den ersten kommerziell erfolgreichen HipHop-Künstlern in Frankreich, sondern war auch für die Stilprägung des Genres maßgebend.
Als 1989 ihre erste Platte erschien, war der Grundstein für ihr bis dato erfolgreichstes Album „L’École Du Micro D’Argent“ gelegt, das acht Jahre später erschien und weltweit über eine Millionen Mal über den Ladentisch ging.
Inzwischen tourt die Crew weltweit und zählt zu den Urgesteinen der Szene. Die Euphorie, als ein Konzert in Berlin und somit die einzige und erste Show in Deutschland nach sieben Jahren angekündigt wurde, war dementsprechend groß. Wir nutzen diese seltene Gelegenheit und trafen die Jungs vor ihrem Konzert in Berlin für ein kurzes Interview und sprachen über das Gerücht über ein Karriereende, ihren Bezug zur deutschen Rapszene und ihre Rolle in der internationalen HipHop-Szene.

Französischer Rap war für Deutschrap schon immer ausgesprochen prägend. Für uns ist natürlich auch interessant, wie bewandert ihr mit Rap aus Deutschland seid?

IAM: Wir kennen viele Rapper der ersten Stunde, die ungefähr im selben Zeitraum wie wir groß geworden sind. Wir haben einen starken Bezug zu Stuttgart – Afrob, Massive Töne und die ganzen Kopfnicker Jungs zum Beispiel. Chill hat auch mal einen Song gemeinsam mit Curse aufgenommen. Wenn wir damals nach Deutschland kamen, kannten wir tatsächlich ziemlich alle größeren Rapper. Damals haben wir ja auch wesentlich öfter hier gespielt als heute, was ziemlich paradox ist. Denn mittlerweile sind wir weltweit so viel unterwegs, aber spielen doch so selten in unserem Nachbarland. Mit den ersten Sachen von Bushido hört es zeitlich gesehen jedenfalls ungefähr auf – bei allem, was danach kam, sind wir nicht mehr so up to date.

Aber bekommt der durchschnittliche französische Rap-Hörer denn auch deutschen Rap zu hören?

IAM: Deutsche Radio-DJs haben auch total viel französisches Zeug gespielt, im französischen Radio wurde aber nie deutsches Zeug gespielt. So gesehen:

In Deutschland gab es immer eine viel größere Offenheit gegenüber französischem Rap als andersherum.

Dieses Konzert heute in Berlin ist seit vielen Jahren mal wieder die erste Show, die ihr in Deutschland spielt. Offiziell wurde dieses als Abschiedsshow angekündigt und es sah so aus, als stünde das Ende eurer Karriere bevor.

IAM: Das ist kein Abschied, wir hören nicht auf. Eine Zeit lang sah es so aus als ob dies wirklich das letzte Release sei. Wenn, dann hätten wir aber auch keine Solopfade eingeschlagen oder hätten es auf dem Indie-Weg weiter probiert. Wir spielen jetzt die Tour weiter und aktuell sind wir noch bei Def Jam France für zwei weitere Platten unter Vertrag.

Woher rührte diese Entscheidung schlussendlich?

IAM: Schlussendlich war das eine sehr pragmatische Entscheidung des Labels. In Frankreich war unsere letzte Platte extrem erfolgreich und die Tour war auch ausverkauft. Genauso haben wir auf diversen Festivals Rekorde gebrochen, was die Ticketverkäufe anbelangt. Dann stand eben die Frage im Raum, wieso man überhaupt aufhören solle und es wurde ziemlich schnell klar, dass das gar keinen Sinn ergeben würde. Hinter Def Jam France stehen natürlich auch eine Menge Leute, die darauf plädiert haben, dass wir weitermachen. So kam dann im Endeffekt auch der weitere Deal zustande.

Habt ihr euch vor der Vertragsverlängerung vor Augen geführt, was die Trennung für euch emotional bedeuten würde?

IAM: Ehrlich gesagt haben wir nie so richtig verinnerlicht, dass das Ende bevorstehen könnte. Der alte Vertrag lief aus und das wäre dann eben das Ende für diese Periode, aber niemals für die Band gewesen.

Ihr gehört zur Crème de la Crème der französischen Rapszene. Was habt ihr nach eurem Empfinden für die französische Hip Hop Kultur getan?

IAM: Wir wollten uns nie selbst in diesen Königssessel setzen und haben uns auch nie reinpressen lassen. Daher gab es nie die Situation, die für uns übermäßigen Druck bedeutet hätte. Was für uns super wichtig ist, dass wir für die Texte, die wir schreiben, stehen können. Diese Texte repräsentieren uns und wir bleiben uns treu. Das stand immer im Vordergrund.

Diesen musikalischen Thron haben wir allerdings nie akzeptiert.

Alle gekrönten Köpfe wurden irgendwann geschnitten, daher ist es vielleicht besser so.

Hört man sich durch eure umfangreiche Diskographie, fällt auf, dass eure Lyrics irgendwann begonnen haben, sehr viel ernster als einige ihrer Vorgänger zu werden. Wie erklärt ihr diese Entwicklung?


IAM: Eine Albumproduktion kann man bei uns immer mit einer Fotografie des Moments gleichsetzen. Sie spiegelt auch unsere aktuelle Stimmung wieder. Wir hören stark darauf, was der Beat uns sagt und was er von uns verlangt. Wenn es ernstere Musik gab, hat diese eben sehr gut den Moment wiedergespielt. In solchen Phasen haben wir zwischendurch natürlich auch lockerere und lustigere Songs geschrieben, die es dann schließlich jedoch nicht auf das Album geschafft haben. Betrachtet man aber zum Beispiel unsere ersten beiden Platten, geht es da sehr viel lockerer zu. Das ist aber auch nur logisch, weil wir zu der Zeit schlichtweg jung waren und größtenteils Jugendthemen behandelt haben. Danach wurden wir älter und damit einhergehend etwas ernster. Das passiert, inzwischen haben wir auch alle Familie und Kinder und sind etwas reifer. Außerdem muss man bedenken, dass auch die Welt sich ab September 2001 verändert hat. Somit hat sich auch unsere Sicht auf diese verändert.

Welches sind die zentralen Werte oder Thematiken, die euch besonders am Herzen liegen?

IAM: Der Respekt anderen Leuten gegenüber, das Teilen und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem ist für uns sehr wichtig. Das sind die drei Werte, die wir gern vermitteln würden – und natürlich auch die Kreativität!

Abschließend eine Nachricht an die deutschen Fans?

IAM: Es ist gerade so schön, hier endlich wieder live spielen zu können. Wir kommen auf jeden Fall wieder und wir würden gern dort anknüpfen, wo wir früher aufgehört haben. Die Liveshows, gerade in Deutschland, lagen sehr lange brach. Vor diesem Konzert hier in Berlin haben wir tatsächlich auf dem splash!-Festival 2009 das letzte Mal in Deutschland gespielt. Das wird sich wieder ändern und 2017 könnt ihr auf jeden Fall einiges erwarten.

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