„I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“: An Album by Earl Sweatshirt

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Earl Sweatshirt bleibt drinnen, um mit Spiegeln zu boxen. Das Resultat: Sein bisher düsterstes, ehrlichstes und wohl bestes Album. Trotz „Doris“ fühlt sich „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“ für den 21-jährigen Odd-Future-Rapper wie sein erstes Album an. Zum ersten Mal könne er das, was er sagt, so vertreten. Das Gute und das Schlechte.

Das Gute ist, dass Earl alles Schlechte rauslässt. Da ist der Vater, den er liebt, der aber nie ein Freund war, weil er seinen sechsjährigen Sohn verließ. Das Erwachsenwerden, der Tod der Großmutter, Liebeskummer, Fame, falsche Freunde, Angstzustände, Xanax, Acid und Whiskey. Und im Hinterkopf die mahnende Stimme der Mutter. Ein Paradebeispiel ist die Lead-Single „Grief“. Ein betrübtes Klagelied, das aus einem traurigen, schlechten Ort zu kommen scheint und in den letzten Zeilen in der größten Sorge gipfelt: „I just want my time and my mind intact/ When they both gone, you can’t buy em back“.

Weniger ist mehr. 30 Minuten Klangqualität, zehn Tracks, neun von Earl selbst produziert. Die Beats ziehen mit tiefen Bässen, Hall und Keyboard-Akkorden eine neblige und düstere Atmosphäre durch das gesamte Album. Darauf Bars, mit denen Earl die englische Sprache ausdehnt, wie kaum ein anderer im Game. Verworrene und noch komplexere Reimgitter aus Anspielungen und Assonanzen beweisen erneut, dass Earl Sweatshirt hinsichtlich seiner lyrischen und poetischen Skills zu den Besten gehört. Nicht umsonst ernannte Kendrick Lamar Earl Sweatshirt kürzlich zu seinem aktuellen Lieblingskünstler.

Auf „Grown Ups“ heißt es “Don’t know where I’m going, don’t know where I been / Never trust these hoes, can’t even trust my friends“. Im Zusammenhang mit der Gästeliste auf dem aktuellen Longplayer könnte dies Spekulationen anregen. Ganze vier Features sind drauf, doch keiner der früheren Odd-Future-Feature-Freunde wie zum Beispiel Tyler, The Creator. Stattdessen werden A$AP-Mob-Mitglied Da$H, Wiki aus dem NYC-Trio Ratking, Na’Kel sowie der aufstrebende Vince Staples aus LA beauftragt.

Der einstdreist-lustige, unreife Earl schließt sich ein, um in einer Art Selbst-Therapie seine ernste und dunkle Seite zu berühren undseine inneren Dämonen rauszulassen. Auf das Earl’sche Rumgepose á la „Niggas want to fade me, bitches feel some type of way forme/ 50s in my pocket falling out like fucking baby teeth“ („Wool“ feat. Vince Staples) müssen wir dennoch nicht verzichten. „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“ ist deep, dunkel, unbehaglich und erschreckend ansprechend. Auch wenn Earl Sweatshirt mit den Lyrics Sorgen um seinen Gemütszustand anregt, im Zusammenspiel mit der Produktion und der verkürzten Länge saugt er den Hörer dieser Platte unaufhaltsam in seine trübe Realtität.

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Viktoria mag Musik, insbesondere Rap. Über die letzten 7 Jahre arbeitete sie musikredaktionell und führte Interviews beim Radio und für diverse Online-Publikationen.
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