Hut ab! Fler (aus der BACKPSPIN MAG #111)

und konntest dein Business sogar noch weiter vergrößern. Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?

Mit dem Ende von Aggro Berlin wurde ich ja quasi ins kalte Wasser geschmissen und musste mich erst mal neu orientieren. Bei meinem letzten Album für Aggro / Universal durfte ich allerdings allen ein wenig über die Schultern gucken. So gab es vom Label einen fließenden Übergang. Richtig Business wurde es aber erst, als ich mit Bushido zusammen gearbeitet habe. Da habe ich gemerkt, egal ob Aggro, Universal oder EGJ, überall kochen sie mit Wasser. Das nahm mir quasi die Ehrfurcht. Dazu wollte ich allen zeigen, dass ich auch alleine erfolgreich sein kann. Das tat ich dann auf meine eigene Weise und konnte so beweisen, dass das von mir kein leeres Gequatsche war.

Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du wusstest, dass du jetzt auf dich allein gestellt bist bzw. es selbst in die Hand nehmen musstest? Mal Hand aufs Herz: hattest du Schiss?

Natürlich. 2007 gab es das letzte Meeting bei Aggro und ich bin zu Specter, Halil und Spaiche gegangen und meinte, man sollte die Leute nicht so vor vollendete Tatsachen stellen. Aber so war es dann eben. Danach musste ich es selber machen, obwohl ich nicht mal finanzielle Rücklagen hatte. Aber mir ging es auch ums Prinzip. Ich wollte ohne die anderen weitermachen und mich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Deren Haltung war immer so: Wenn du es nicht bist, dann ein anderer. Und ich habe gesagt, wenn ihr das glaubt – am Ende werdet ihr noch sehen, was ihr davon habt! Ein halbes Jahr nach dem Cut war das Label ja auch zu. Und natürlich hatte ich Angst. Wer hat die nicht, wenn er sich selbstständig macht? Zumal es meist ja auch nicht gleich auf Anhieb klappt. Aber dann versucht man es eben ein weiteres Jahr und irgendwann klappt es.

Im Rückblick: Wie siehst du das Ende der Aggro- Zeit generell für euch Künstler?

Als Künstler wurde sehr viel auf die Erfahrung gesetzt. Wie du dich verhalten musstest, Termine wahrnehmen und dein Ego nach hinten schrauben musstest wenn du da Rapper sein wolltest. Man wurde sozusagen weniger als Künstler gesehen, sondern mehr als Produkt. Das war das größte Problem bei Aggro: Du warst irgendwann wie eine Puppe, die sich im Business nicht zu sehr selbständig machen durfte. Den Vertrag hatte ich damals auch gar nicht richtig gelesen, sondern einfach unterschrieben. Damit hatte ich denen mein Merchandise überlassen und meine Verlagsrechte. Aber wenigstens konnte ich den Fame abgreifen, so dass ich nicht, wie nach der Trennung einer Boy- Band, komplett von der Bildfläche verschwand. Das war das Gute daran. Ich hatte den Namen, den Fame, und musste es einfach noch mal selbst schaffen.

Du hast danach ja erst deinen Weg zu Bushido gemacht, dann zu Universal. Jetzt machst du es auf eigene Faust. Warum?

Ganz einfach, wegen den Grundproblemen der Leute. Wenn ich bei Bushido aufm Label bin, gibt es quasi zwei Hähne im Korb, zwei Alphatiere. Dazu ist es ja sein Label, da will er natürlich der größte sein. Allerdings wäre ich auch gerne noch etwas bei EGJ geblieben, wenn es denn menschlich besser gepasst hätte. Danach ging es für mich nur noch um Business. Früher hatte ich noch richtig Liebe für ihn, er war wie mein Bruder, Vaterersatz und wer weiß was sonst noch. Aber er war eben auch immer der schlaue Fuchs. Doch diesmal habe ich den Spieß um- gedreht und einfach gesagt: Ey, was soll ich da jetzt groß Emotionen zeigen, wenn ich einfach das mitnehmen kann, was ich brauche. Aber es war immer fair und auf der Business-Ebene alles cool. So konnte ich dann weiter arbeiten und mir etwas aufbauen.

Und was für Erfahrungen konntest du aus der Zeit bei Universal mitnehmen?

Ach, das war richtig lachhaft. Was die machen, mache ich mit einem Praktikanten. Majors machen gar nichts. Vorher passiert alles von alleine, und dann springen die auf den Zug auf. Die bauen selbst keine Künstler auf, sondern vermarkten das gut, was eh schon ankommt.

Jetzt ist Maskulin dein eigenes Label. Welche Dinge hast du dir aus deinen Erfahrungen bei den anderen Labels mitgenommen?

Das ist schwer zu sagen, denn die haben ganz anders gearbeitet, als ich es heute tue. Bei mir geht zum Beispiel das meiste Geld in die Kunst. Ich spare nicht an Grafik-Kosten, nicht an Video- Kosten, nicht an Produktions-Kosten. Das ist, als würde ich in meine Gesundheit investieren. Ich gehe auch immer nur vom feinsten Essen. Wenn du nicht bereit bist, die Kosten auf dich zunehmen, dann hast du nicht genug Liebe übrig für deine Sache. Wenn ein Video bei mir 40.000 Euro kostet, dann hole ich mir die 40.000 und bezahl das Video. Das ist bei anderen Labels anders. Da werden die Produzenten billig bezahlt, da wird, wenn überhaupt, mal ein krasses Video gedreht. Aber auch nur, wenn du einer der großen Künstler bist. Das ist der Unterschied.

Wirtschaftlich betrachtet ist das natürlich sehr riskant…

Natürlich ist immer ein Risiko dabei. Aber man hat ja einen Rahmen für das Projekt, und den sollte man eben nicht überschreiten. Das Geld wird dann anschließend vom Label direkt ein- steckt – oder vom Künstler. Und ich setze lieber etwas mehr auf diese Komponente. Jeder kann doch heute bei Youtube ein Video hochladen. Da muss man sich auch etwas abgrenzen. Bevor ich irgendwelche Billigvideos für 10.000 Euro drehe, höre ich lieber auf mit Rap.

Würdest du sagen, dass du das Image noch weiter entwickelt hast, das sich zu deiner Aggro-Zeit gebildet hat?

Damals war ich ja noch mehr dieser Kopf-durch- die-Wand-Fler. Die Entwicklung hat aber nicht aufgehört, und darf sie auch nicht. Es kommt immer etwas Neues dazu, und heute sagen die Leute, guck mal, wie der sich entwickelt hat. Aber es würde auch keinen interessieren, wenn ich den gleichen Kram wie damals von mir geben würde.

Was machst du jetzt anders oder besser als vorher?

Damals war es noch mehr wie eine Hülle, und man konnte nur von Außen sehen, wer der Typ ist. Und jetzt kann man auch ins Innere sehen und merken, der Typ reproduziert nicht nur das, was das Label sehen will. Wenn man das alleine macht, kann man den Leuten besser zeigen, was einem wichtig ist.

Siehst du dich mehr als Rapper oder mehr als Geschäftsmann?

Ich sehe mich mehr als Geschäftsmann, leider, muss ich dazu sagen. Ich wäre gerne noch der Typ, der nur ins Studio geht und Texte schreiben muss. Deswegen denken viele, soll er sich doch einen Ghostwriter nehmen. Aber ich will meine Texte immer selbst schreiben bzw. machen wir das immer zusammen im Team, also Silla, G-Hot und ich. Das ist einfach produktiver.

Und darunter leidet nicht die die Qualität des Raps?

Das alles unter einen Hut zu bekommen, darin liegt die Kunst. Wenn das nicht richtig klappt, leidet daran natürlich auch das Ergebnis, das man erzielen will. Aber wenn man die richtigen Leute hat, die einen beim Business entlasten, dann geht das schon. Wenn man zum Beispiel die richtigen Produzenten hat, die einem direkt vier, fünf Bretter-Beats geben, und du denen nicht erst erklären musst, was du willst, dann hast du auch genug Zeit für alles.

Dein Release-Zyklus ist gerade recht kurz. Das letzte Album ist gerade mal ein paar Monate her, da kommt schon das Neue „Blaues Blut“. Warum hast du es so eilig?

Ich will damit Feedback zu meinem letzten Album geben, ich bekomme ja auch immer welches. Wir leben in der Internet-Zeit, wo alles so schnelllebig ist, und ich wollte nicht ein Jahr warten, bis es wieder Musik von mir gibt. Wir müssen den Leuten mal zeigen, wer die Eier in der Hose hat und wer nicht. Das war schon immer unsere Spezialität. Das ist natürlich auch eine Ansage an die, die sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt haben und „Hinter blauen Augen“ als Sonnenschein-Album abgestempelt haben. Wenn „Blaues Blut“ raus ist, wird erst einmal wieder Ruhe in Deutschland sein. Dieses Album wird einfach nur aufräumen. Darauf sind keine einfachen 16er, die Beats sind hochklassig, so etwas habt ihr vorher in Deutschland nicht gehört. Die Leute sollen sehen, dass wir in so kurzer Zeit, zwei Alben rausbringen können und dabei Beine brechen. Wir haben drei super Produzenten, super Mischer, ich habe Silla bei mir, G-Hot – darunter kann die Qualität gar nicht leiden. Wir sind einfach ein gutes Team, ich könnte dir auch ein Album in einer Woche hinlegen, aber das schafft man ja mit den Produzenten gar nicht.

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