Hustensaft Jüngling: „Ich brauche Geld, um glücklich zu sein“

 

 

bildschirmfoto-2016-11-07-um-13-00-20Bei kaum einer Künstlertruppe der deutschen Rap-Szene scheiden sich die Geister wohl so krass wie bei YSL Know Plug (früher Money Boy) und seinen Gefährten Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred. Irgendwo zwischen Trap-Adaptionen, Codein-Swag und Hidden Tracks auf dem Kollabo-Album von Bushido und Shindy finden die Jungs ihren verdienten Platz in der Szene. Mitte November steht nun das Release von „Trap Gott“ an, ein Soloalbum von Hustensaft Jüngling. Wir trafen ihn in Berlin zum Interview und sprachen über das Album, über sein Verhältnis zu deutschen Rap-Medien und die Bedeutung von Geld. Außerdem erklärt er, was genau ihn und seinen Kosmos von gleichaltrigen unterscheidet, wie man sich ein Sido-Feauture organisiert und wieso Disslikes auch zum eigenen Vorteil genutzt werden können. 

 

In der jüngsten Vergangenheit gab es ein paar Momente, in denen du und deine Kollegen mit deutschen HipHop-Medien angeeckt seid. Wie sieht denn inzwischen die Lage aus?

Hustensaft Jüngling: Ich denke, die deutschen Rapmedien unterschätzen uns stark. Teilweise nehmen sie uns schon ernst, aber ich habe das Gefühl, dass uns und unseren Style viele nicht mögen. Die haben Angst, dass wir übernehmen und versuchen deshalb, uns unten zu halten. Das ist aber aussichtslos. Wenn es so weitergeht, werden in Deutschland bald einige Journalisten arbeitslos sein.

Was sollte in deinen Augen denn anders laufen, was wünscht du dir von Musikjournalisten?

Hustensaft Jüngling: Der Journalist sollte sein Mindestmaß an Vorbereitung mitbringen und seine Fragen sollten objektiv sein. Wenn ich zusammen mit YSL Know Plug ein Interview gebe, sollte man nach fünf oder sechs Jahren im Game nicht immer noch mit der Frage starten, ob er das ernst meint. Das zeigt die Ignoranz und ich finde es unverschämt, einem Künstler solch eine Frage an den Kopf zu werfen.

Inwiefern hängt diese Ignoranz, die du den Medien vorwirfst, denn mit der Art von Musik zusammen, die ihr macht? 

Hustensaft Jüngling: Viele Leute sind zu sehr in dem Deutschrap-Kosmos gefangen, der auf diesem Battlerap-Ding basiert. Sie sind nicht offen für unsere Musik, die sich stark an der amerikanischen Musik orientiert. Es gibt offensichtlich niemanden, der sich mit dem amerikanischen Markt beschäftigt, weshalb wir für die auch so schwierig nachzuvollziehen sind.

Dass sich niemand mit US-Rap auseinandersetzt, sehe ich aber nicht so. 

Hustensaft Jüngling: Ich habe nicht das Gefühl, dass Medien sich mit US-Rap beschäftigen – zumindest nicht mit der Richtung, an der wir uns orientieren. Die beschäftigen sich vielleicht mit Kanye West oder mit Drake. Es gibt sogar Journalisten, die nicht wissen, wer die Migos sind.

Wie würdest du selbst euch denn in die deutsche Raplandschaft einordnen?

Hustensaft Jüngling: Wir genießen in jedem Fall eine Sonderstellung und können gar nicht mit einbezogen werden, was aber ein Vorteil ist. Es gibt nicht so viel Konkurrenz, wir fahren unsere Schiene und niemand anderes. Was auch immer unter den Tisch gekehrt wird, ist, dass wir Trap nach Deutschland gebracht haben. Obwohl in Deutschland ja auch eher der französisch orientierte Trap angesagt ist. Beiläufig setzen wir aber immer die ganzen Trends, die zwei Jahre später plötzlich Mainstream sind. Uns gibt niemand Credits dafür, aber im Endeffekt zahlt es sich trotzdem aus, weil die Fans das wissen.

Nun ist die Szene aber neuen Subgenres gegenüber so offen wie wahrscheinlich nie zuvor. Wieso hast du dennoch das Gefühl, dass ihr nicht mit einbezogen werden könnt?

Hustensaft Jüngling: Die Leute sind einfach immer noch zu festgefahren. Aber ich setze da viel auf die neuen Generationen, die mit uns heranwachsen. Ich denke, das wird sich dann von den einen auf den anderen Tag ändern.

Ich vermute, dass Zweifler spätestens dann angefangen haben, ihre Meinung zu überdenken, als Bushido Medikamenten Manfred und dich auf sein Kollabo-Album „Cla$$ic“ mit Shindy geholt hat. Immerhin ist Bushido immer noch eine Deutschrap-Koryphäe. 

Hustensaft Jüngling: Ich würde sagen, Bushido ist der größte Rapper in Deutschland. Das beweist schon unsere Relevanz. Es sind ja nicht nur Bushido und Shindy, die uns supporten. Auf meinem Album sind auch Sido und Frauenarzt vertreten. Alle Rapper, die cool sind, mögen mich und die, die mich nicht mögen, kennen mich. Das sagt eigentlich schon alles.

Wie kam es denn zum Sido-Feature?

Hustensaft Jüngling: Sido habe ich bei Twitter gefragt, ob er mir nicht einen Verse spittet. Ursprünglich habe ich nicht damit geplant, sondern ich wollte einen Rapupdate Artikel haben. Als Kirsche auf der Sahne ist dann das Feature dazu gekommen, das mich natürlich sehr gefreut und bestärkt hat.

Die Fanbase von einem Sido oder von einem Bushido sieht ja vermutlich schon etwas anders aus als eure. Inwiefern hattest du vor der Zusammenarbeit mit solchen Künstlern Angst vor den möglichen Reaktionen?

Hustensaft Jüngling: Bevor ich mit YSL Know Plug zusammen Musik gemacht habe, war ich schon Fan. Da waren immer schon Videos, die 2000 Likes und 8000 Disslikes hatten. So habe ich diesen Hate immer schon miterlebt und ihn nie als was schlechtes angesehen, sondern viel eher, als ein Mittel, um erfolgreich zu werden. Ich freue mich, wenn ich auf ein Video viele Disslikes kriege.

Wenn ein Video von mir nur 10 Disslikes kassiert, dann werfe ich mir selbst vor, dass das Video gar nicht polarisiert.

Der Hate macht außerdem die eigenen Fans noch radikaler, so stärkt man seine eigene Zielgruppe. Ist man selbst genug von sich und der Sache überzeugt, braucht man sich nicht reinreden zu lassen.

Denkst du, dass mehr deutsche Rapper so denken und Disslikes als Mittel zum Erfolg sehen sollten?

Hustensaft Jüngling: Man sollte das ganze schon objektiv betrachten und verstehen, wie Disslikes zustande kommen. Es entsteht nämlich schnell eine Mentalität, dass alle irgendetwas disliken, ohne dass es schlecht ist.

Ich bin sehr kritikfähig und empfinde es als eine Schwäche, wenn man mit Kritik nicht umgehen kann.

Das bedeutet doch nur, dass man selbst verunsichert ist. Fler hat doch sogar mal eins seiner Videos gelöscht, weil es zu viele Disslikes hatte.

Dass du vor Selbstsicherheit nur so strotzt, zeigt auch der Titel deines kommenden Albums „Trap Gott“ – was macht dich denn zum Trap Gott? 

Hustensaft Jüngling: Der Titel ist eine Hommage an das legendäre Gucci Mane Mixtape „Trapgod“, weil ich mich aufgrund meines Lifestyles ein wenig so fühle wie Gucci Mane. Ich bin und war schon immer großer Fan. Weiter zeigt der Titel auch, dass wir diese Art von Trap machen, die aus seiner Heimat Atlanta stammt. Außerdem will ich mir so die Credits holen, die ich nicht bekomme. Wenn mir keiner zugesteht, dass ich einer bin, drücke ich den Leuten solange auf, dass ich ein Trap Gott bin, bis es sich in deren Unterbewusstsein verankert und sie mich damit assoziieren.

Bei Künstlern wie Gucci Mane spielt ja nicht nur die Musik, sondern auch Optik und alles drumherum eine große Rolle. Wie sieht das bei dir aus – würdest du dich als Materialist bezeichnen?

Hustensaft Jüngling: Materialismus ist mir ziemlich wichtig, weil ich Fan von einem guten Lifestyle bin. Ich finde es auch falsch, wenn Leute mir vorwerfen, ich sei oberflächlich, weil ich nur an Geld denke.

Das ist der völlig falsche Ansatz, weil Geld für mich nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat.

Wenn du genügend Geld hast, hast du auch die Freiheit, das zu tun, was du möchtest. Um das zu tun, was ich will, brauche ich Geld. Ich möchte überall hinfliegen, ich will im fünf Sterne Hotel auf der Dachterrasse chillen und ich will Privatjet fliegen. Man braucht Geld doch auch zur Absicherung. Ich finde, man kann im Leben nicht glücklich werden, wenn man ständig im Hinterkopf hat, wie man seine Miete bezahlt.

Wie wäre der Hang zu diesem luxuriösen Lifestyle denn mit einem Job vereinbar gewesen, der nicht gerade Künstler lautet? 

Hustensaft Jüngling: Als ich noch extrem jung war, wusste ich schon, ich will reich werden. Später habe ich eben entschieden, Rapper zu werden, weil der Lifestyle einfach viele Freiheiten mit sich bringt. Mir ist extrem wichtig, dass ich unabhängig bin. Ich kann ausschlafen, zuhause meine Tracks machen und einfach der Boss über sich selbst sein. Wenn ich hingegen um 16 Uhr aus der Schule komme, bin ich so müde, dass ich mit meinem restlichen Tag gar nichts mehr anfangen kann.

Apropos Schule: Ich gehe stark davon aus, dass die meisten deiner Mitschüler sich kaum mit deinem Lifestyle identifizieren können – wie sieht euer Umgang miteinander aus?

Hustensaft Jüngling: Mit Leuten aus meiner Schule gebe ich mich eigentlich kaum ab.

Ich bin sehr wählerisch, was meinen Freundeskreis betrifft.

Mir ist wichtig, nur mit Leuten zu chillen, die meine Ansichten vertreten und ich habe auch das Gefühl, dass meine Persönlichkeit sehr komplex ist. Meine Klassenkameraden reden über Hausaufgaben, Klassenarbeiten und wer gerade auf Platz eins in der Bundesliga ist. Das sind Dinge, die nichts mit meinem Kosmos zu tun haben. Zwar sprechen wir auf freundlicher Basis miteinander, aber ich chille nicht mit denen.

Das klingt so, als würdest du dich durch dein geistiges Alter überlegen fühlen. 

Hustensaft Jüngling: Ich denke auf jeden Fall, dass ich über denen stehe, allerdings würde ich es nicht mit dem Alter in Verbindung bringen. Es klingt arrogant, aber allein meine Vorstellungen für die Zukunft sind viel komplexer als ihre. Es gibt so viele Leute, deren Plan so aussieht: Abitur, fünf Jahre studieren, Job, Freundin und Dreizimmerwohnung. Das ist so ein beschränkter Kosmos! Ich strebe einfach nach höheren Dingen, ich bin da ein Alpha-Mensch.

Dieser erweiterte Kosmos resultiert wahrscheinlich aus einigen Erfahrungen, die andere gleichaltrige so noch nicht erlebt haben.

Hustensaft Jüngling: Das denke ich mir oft, wenn Leute aus meiner Schule über Mädchen reden. Die sind so beschränkt, was ihre Lebenserfahrung betrifft. Manchmal rede ich aus Spaß mit, aber dann muss ich mich auf deren Niveau herunter begeben.

Wie nehmen deine Mitschüler dich denn wahr – wird da in der Pause auch mal nach einem Autogramm für Freunde gefragt?

Hustensaft Jüngling: Durch den Fame bekommt man für andere direkt so eine gewisse Ausstrahlung, die einschüchtert. Auf mich zu kommen die auf gar keinen Fall. Mir ging das früher aber genau so. Wenn ich damals durch Berlin gelaufen bin und zufällig wen getroffen habe, der fame ist, habe ich den aus Respekt auch nicht angesprochen. Wenn man sich länger mit wem unterhält, kommt natürlich mal was raus. Viele verstecken das auch erst, dass sie einen verfolgen und mitten im Gespräch werden dann doch bestimmte Fragen gestellt. Wirklich doll raushängen lässt es aber niemand.

Lass uns mal zurück auf „Trap Gott“ zu sprechen kommen. Bisher habt ihr stetig diese Mixtape-Philosophie vertreten. Wie kommt’s, dass „Trap Gott“ jetzt doch ein Album geworden ist? 

Hustensaft Jüngling: Ich stehe nach wie vor für diese Mixtape-Philosophie. Aber mit dem Album habe ich mir eine neue Einnahmequelle eröffnet. Das hier ist ein Representer und danach werde ich die Leute weiter mit Mixtapes versorgen. Viele Leute feiern mich und wollen mich unterstützen. Jetzt können sie das, kauf einfach mein Album bei iTunes und ich kriege ein paar Euro dafür.

Alben sind im Gegenzug zu Mixtapes oft viel runder und von vorne bis hinten konzipiert. Hat diese Konzeption bei der Platte auch eine Rolle gespielt?

Hustensaft Jüngling: Ich hasse es, wenn man Alben so krass konzipiert und würde das auch nie tun. Weiterhin mache ich einfach das, worauf ich Lust habe. Inhaltlich wird es sich also nicht von einem Mixtape unterscheiden, es ist nur produktionstechnisch besser.

Ich bedanke mich für das Interview, die letzten Worte gehören dir. 

Hustensaft Jüngling: Kauft euch mein Album „Trap Gott“, das am 18.11. erscheint. Unterstützt Hustensaft Jüngling, teilt meine Philosophie und folgt mir auf allen sozialen Netzwerken. Erstellt euch alle einen Twitter-Account. Ich hasse, dass ihr alle nicht so auf Twitter grindet wie es sein müsste.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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