Rap For Good: Hohe Fünf mit Julia und Denyo

Unter dem Motto „Rap For Good – Julia’s Fundraising Jam Session“ findet am 26. September in Berlin eine Jam-Session der besonderen Art statt. Zahlreiche Größen der deutschen Rapszene treten an diesem Abend auf und verzichten dabei gänzlich auf ihre Gage, um gemeinsam für Julia zu sammeln. Nachdem es im Mai bereits eine erfolgreiche Party im Prince Charles unter dem gleichen Motto und mit einem ähnlich prominenten Line-Up gab, findet Rap For Good nun in der ausverkauften Columbiahalle statt.

Julia ist die Mutter eines sechs Jahre alten Sohnes und als fester Bestandteil der Musik- und Medienbranche auch tief im Hip-Hop verwurzelt. Anfang 2018 erkrankte sie an der hierzulande noch sehr unbekannten Krankheit ME/CFS, die sie über Monate ans Bett fesselte und zur Isolation zwang. Um mehr über die Veranstaltung zu erfahren und ein Bewusstsein für die Krankheit zu schaffen, haben wir uns mit Julia und Denyo von den Beginnern, der hinter der Idee für Rap For Good steckt, unterhalten und ihnen fünf Fragen gestellt.

Denyo, was hat dich dazu bewogen, eine Veranstaltung wie Rap For Good auf die Beine zu stellen?

Denyo: Julia, eine gute Freundin von uns, Berliner Urgestein, Hip-Hop-Head und liebevolle Mama ist vor ca. 1,5 Jahren von einer bis dato kaum erforschten Krankheit überwältig worden. Die Krankheit ist total „underrated“, mehr als hunderttausend Menschen allein in Deutschland sind von ihr betroffen und trotzdem kennt kaum einer ihren Namen: ME/CFS bzw. Chronic Fatigue Syndrom. Menschen, die von ihr betroffen sind, sind unter chronischen Schmerzen dauerhaft ans Bett gefesselt. Da sich hierzulande leider zu viele Durchschnittsärzte zu wenig Zeit für ihre Mitmenschen nehmen und dringend notwendige Therapiemethoden nicht von den Versicherungen übernommen werden, mussten wir den finanziellen Part übernehmen. Zusammen als Community. Für mich war es das erste Mal, dass ich gemerkt habe, wie viel menschlichen Wert Follower auf sozialen Medien haben können. Dass man neben niedlichen Katzenfotos, inszenierten Selfies und AfDepressiven Hasskommentaren auch mit echten Menschen in Berührung kommen kann. Menschen, die sich tatsächlich noch für andere Menschen interessieren. Auf diese Menschen freue ich mich am 26.09.19, wenn wir in Berlin für sie spielen und zusammen Julias Genesung feiern.

 

 
 
 
 
 
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16.05.19 🔥🙏🏽🔥 erstes fundraise-event für julia(link in bio) … danke für euren support!! special thx @suna_orlater 👌🏽💚 🔥

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Wie äußern sich die Symptome von ME/CFS und wie weit ist die Krankheit verbreitet?

Julia: Zunächst hatte ich einfach nur eine Grippe. Der Unterschied war, dass ich die nie wieder so richtig los geworden bin und in den Folgemonaten einfach immer kränker wurde. Die Symptome sind sehr verschieden. Zum einen gibt es die typischen grippeartigen Dinge: Halsschmerzen, fiebriges Gefühl, totale Abgeschlagenheit, geschwollene und schmerzhafte Lymphknoten. Dazu kommt bei mir ein starker Tinnitus, eine gestörte Temperaturregelung des Körpers, Herzrasen, Geräuschsensibilität, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Schlafstörungen, Atemnot, Konzentrationsschwierigkeiten, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und eine extreme Verstärkung der Symptome nach kleinsten Anstrengungen wie zum Beispiel duschen oder kurz telefonieren. Vor meiner Operation habe ich mein Bett zehn Monate lang kaum verlassen können. Musik hören oder Filme schauen war undenkbar. Besuch oder telefonieren ging immer nur kurz. Dadurch kommt zum krank sein auch schnell eine gewisse Isolation dazu, die zusätzlich belastet. Sehr schwer Erkrankte ertragen überhaupt keine Sinnesreize wie Licht, Lärm oder menschliche Kontakte mehr, was die totale Isolation bedeutet.

Entgegen der häufigen Annahme ist ME/CFS keine seltene Erkrankung. Nach Schätzungen gibt es alleine in Deutschland mindestens 240.000 Erkrankte, darunter ca. 40.000 Kinder und Jugendliche. Das sind in etwa so viele Erkrankte wie bei multipler Sklerose. Die meisten Erkrankungen sind nicht diagnostiziert und die Patienten leiden jahrelang ohne zu wissen, was sie haben. Weltweit geht man von 17 Millionen oder mehr Erkrankten aus.

Wofür wird bei Rap For Good gesammelt?

Julia: Gesammelt wird für meine Behandlung in Form einer Operation, die meine Krankenkasse nicht bezahlt. Die Operation hat bereits im Juli stattgefunden. Ich musste dazu nach Spanien reisen und da es mir zunehmend schlechter ging, konnte das nicht mehr bis zum Herbst warten. Dank den Menschen, die hinter Rap For Good stehen, war das auch finanziell möglich. Das Konzert soll nun das fehlende Geld wieder einspielen.

Außerdem werden wir Spenden für die Open Medicine Foundation sammeln, die unter anderem von Ron Davis, einem weltweit führenden Wissenschaftler im Bereich ME/CFS und Vater eines schwerst erkrankten Sohnes ins Leben gerufen wurde. Ron Davis hat kürzlich den ersten Bluttest zum Nachweis der Krankheit entwickelt.

Wie schwer war es, so hochkarätige Künstler für dieses Projekt zu begeistern?

Denyo: Das war dankbarerweise einfacher als anfangs befürchtet, weil ich das Glück hatte, im goldrichtigen Moment Suna Karaca und Ronny Boldt zu treffen, zwei extrem tolle Macher und Netzwerker aus der Szene. Ein weiterer Vorteil war, dass viele Musiker und gerade die in Berlin lebenden, Julia kennen, weil sie lange u.a. für das Management von Seeed und für Four Music gearbeitet hatte. Trotzdem war ich extrem positiv überrascht und erleichtert, dass so viele Artists so schnell zugesagt hatten. Es dauerte gefühlt keine drei bis vier Wochen und das Line-Up war ready. Ich glaube, es liegt auch daran, dass all diese Künstler nicht vergessen haben, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie jetzt sind. Durch Eigenverantwortung, gegenseitige Hilfe und Support.

Rap For Good ist als eine Jam-Session angekündigt. Wie darf man sich den Ablauf vorstellen?

Denyo: Das darf man sich so vorstellen wie früher: „Too many MCs, not enough mics“, aber im positiven Sinne. Also scheiß drauf, alle rauf auf die Bühne und dann freestylen, Hits spielen, Gags machen, Spaß haben. Weniger Bühnen-Deko und anderer Schnickschnack, dafür Hip-Hop pur.

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