Hohe Fünf mit Lina Burghausen

Lina

Lina Burghausen ist Musikpromoterin, Bloggerin, Autorin und DJane. Mit ihrer eigenen PR-Agentur Mona Lina unterstützt sie seit mehreren Jahren tatkräftig Musikerinnen und Musiker der Szene. In ihrem Blog „365 Female MCs“ stellt die in Leipzig lebende seit November 2018 jeden Tag einen weiblichen MC vor. Ziel dieses Blogs ist es, zu zeigen, dass Female* Rap keine Randnotiz im Hip-Hop, geschweige denn ein eigenes Subgenre, ist. Wir haben uns fünf Fragen für die Promoterin überlegt, um diese Thematik näher zu beleuchten. 

Werden deiner Meinung nach weibliche Künstlerinnen strukturell vernachlässigt (Bei Bookings, bei Festivals etc.)? Wenn ja, wie?

Ich nehme auf jeden Fall wahr, dass es Künstlerinnen* (damit meine ich hier alle nicht klar männlichen Personen) schwerer haben. Das ist kein explizites Hip-Hop-Ding, auch wenn es in unserer Szene nochmal sichtbarer wird. Die Musikindustrie, aber auch generell unsere ganze Gesellschaft, in der wir aktuell leben, ist einfach im Wesentlichen von Männern gemacht – und damit natürlich auch für Männer. Das allein sorgt dafür, dass sich Frauen* in all ihrer Individualität deutlich weniger selbstverständlich in dieser Welt bewegen und sich unter schwierigeren Voraussetzungen selbst entfalten können. Das geht damit los, wie junge Mädchen* erzogen werden – nämlich netter, zurückhaltender, vorsichtiger als Jungs, und geht damit weiter, dass eine männlich dominierte Musikindustrie und Medienlandschaft natürlich vor allem männliche Musiker bookt bzw. über sie berichtet, weil sie diese einfach als Norm wahrnehmen und mehr auf dem Schirm haben. Weibliche Künstlerinnen* werden zum Sonderfall erklärt und oft auf ihr Geschlecht reduziert. Ein gutes Beispiel ist die letzte Yo! MTV Raps-Folge, in der Palina mit Nura bei einem Trinkspiel über die schlimmsten Breakups und Filmküsse redet. Mit einem männlichen Künstler redet man über Musik, mit einer weiblichen Künstlerin* über „Jungs“, oder darüber, wie es so ist, eine Frau zu sein und Musik zu machen. Da werden einfach krasse Unterschiede gemacht und Musikerinnen* auf diese Weise irgendwo stigmatisiert. Das geht soweit, dass „Frauenrap“ zum eigenen Subgenre erklärt wird. Auch 2019 müssen sich Frauen* im HipHop einfach tausend Mal mehr behaupten, um wahr- und ernstgenommen zu werden. Wenn sie das wiederum tun, und die Missstände und Ungerechtigkeiten in ihren Songs thematisieren, wird oft die „Feminazi“-Keule ausgepackt und so getan, als gäbe es diese Probleme nicht. Little Simz hat in „Venom“ ganz gut aufgearbeitet, wie selbst den krassesten Rapperinnen* nicht ansatzweise der Respekt gezollt wird, den sie verdienen. Und bei all diesen Punkten haben wir noch lange nicht über die verbalen und körperlichen Übergriffigkeiten gesprochen, die fast jede Frau* in der Szene schon mal erlebt hat.

Warum ist es im Jahre 2019 noch immer notwendig, einen Blog wie deinen zu gestalten? Welches Feedback bekommst du zu deinem Blog?

Ich höre immer wieder sowohl von Hip-Hop-Heads, als auch von Booker*innen, Veranstalter*innen und Medienschaffenden, sie würden ja mehr Rapperinnen* pushen, buchen oder über sie berichten, aber es gäbe ja so wenige. Also habe ich mich hingesetzt und mal geschaut, ob Frauen* am Mic wirklich so eine rare Spezies sind. Inzwischen habe ich eine Datenbank mit fast 1.200 Rapperinnen* aus der ganzen Welt, die auf ganz unterschiedliche Weise Rapmusik machen. Eigentlich wünschte ich mir, dass ein solcher Blog nicht nötig wäre und Rapperinnen* ganz selbstverständlich gleichberechtigt überall sichtbar sind. Aber offenbar brauchte es jemanden, der zeigt, wie viele und vor allem wie vielseitige Rapperinnen* es auf der ganzen Welt gibt, dass das absolut kein Nischending ist und dass der Begriff „Frauenrap“ einfach grober Unfug ist.
Die Aktion zu starten war eigentlich eher eine Trotznummer, weil mir die immer gleichen Diskussionen so auf die Nerven gingen. Das Feedback ist aber bis heute überwältigend und ausschließlich positiv, womit ich ehrlich nicht gerechnet hätte. Letztlich tue ich ja niemandem damit weh, dass ich großartige weibliche* Stimmen im HipHop showcase. Das sorgt vermutlich dafür, dass ich recht wenig Kontra bekomme, im Vergleich zu den so dringend notwendigen Debatten über Sexismus innerhalb der Szene, wie sie zum Beispiel Oliver Marquart in seinem aktuellen rap.de-Kommentar wieder angestoßen hat. Ich glaube auch, in meinem Blog ist für absolut jede*n etwas dabei, was ihn*sie flasht. So viele Leute verstehen gar nicht, dass so eine Aktion nicht viel früher jemand gemacht hat. Das krasseste Feedback habe ich aber bisher von einigen Rapperinnen* bekommen: Nämlich, dass es sie unfassbar ermutigt, durch meine Aktion andere großartige Rapperinnen* auf den Schirm zu bekommen. Ich höre immer wieder, dass sich viele Frauen* in der Szene sehr isoliert fühlen. Wenn mir eine talentierte Rapperin erzählt, dass sie kurz davor war, hinzuschmeißen, aber meine Blogreihe sie so sehr motiviert hat, dass sie an neuen Sachen arbeitet, dann ist das echt krass. Und es zeigt einmal mehr, wie dringend es mehr weibliche Rolemodels braucht. Da kann mein Blog nur ein Anfang sein – diese großartigen MCs gehören auf die Bühne und stärker in den Fokus der medialen Wahrnehmung!

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass viele „Frauenrap“ als Subgenre, und nicht einfach als Rap sehen?

Rap von nicht-männlichen Personen wird immer noch als Abweichung von der Norm verstanden. Dadurch werden die vermeintlich wenigen Frauen*, die es gibt, eben in eine gemeinsame Schublade gekippt – auch wenn sie eigentlich nicht unbedingt viel gemein haben. Schwesta Ewa, Presslufthanna und Hunney Pimp in einen Topf zu werfen ist ungefähr so, als würde man Hafti mit Bambus und Umse vergleichen. Wobei das vielleicht schon wieder eine geile Kombo wäre. (lacht)

Was muss passieren, um mehr Bewusstsein für Frauen im Rap zu schaffen?

Wir müssen ganz generell die falsche Vorstellung, Hip-Hop wäre ein Männerding, über Bord werfen. Das fängt damit an, dass sich Hip-Hop-Heads mit den weiblichen Akteuren der Szene genauso selbstverständlich auseinandersetzen wie mit Männern. Ein guter Start ist der Blick in die Geschichtsschreibung von Hip-Hop: Da sieht man eigentlich immer nur Männer: Kool Herc, Grandmaster Flash, Bambaataa, die Sugarhill Gang, Run DMC, N.W.A., in Deutschland Torch und die Fantas. Dabei gab es so viele krasse Frauen, ohne die Hip-Hop und Rap heute nicht das wären, was sie sind: Ohne die Vision von Sylvia Robinson hätte es vielleicht nie eine Rap-Platte gegeben, dazu mit dem kommerziellen Erfolg von „Rapper’s Delight“, auch wenn man über den Song und seine Geschichte natürlich streiten kann. Mit Tanya Winley aka Sweet Tee war eine der ersten MCs in der Booth eine Frau – laut dem Autor Dan Charnas war ihre Aufnahme womöglich sogar die erste Rapaufnahme überhaupt. Roxanne Shanté hat mit den „Roxanne Wars“ Battlerap maßgeblich geprägt. JJ Fad waren Türöffner für N.W.A., und Monie Love ist wesentlich dafür verantwortlich, dass Rap aus Europa auch in den USA Fuß fassen konnte. In der Geschichte des Deutschraps sollte man sich durchaus mal mit Mansha Friedrich beschäftigen. Und die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Allein wenn man die ganzen Namen und ihren Impact auf dem Schirm hat, ist es einfach unmöglich, so zu tun, als wären Frauen im Hip-Hop eine Randerscheinung. Ob vor, auf oder hinter der Bühne – die waren und sind überall!

Ich denke, eine wirkliche Veränderung ist heute nur möglich, indem man Frauen* bewusst Bühnen gibt. Es braucht einfach mehr Sichtbarkeit und auch eine stärkere Selbstreflektion innerhalb der Szene, was Sexismus anbelangt. Keine Rapperin* will etwas geschenkt haben, aber es wäre doch cool, wenn es Frauen* am Mic nicht 50x schwerer haben als ihre männlichen Kollegen, weil sie mit viel mehr Hate, Kontra, Vorurteilen und Benachteiligungen zu tun haben. Da braucht es auch in der Musikbranche, in den Medien und in der Veranstaltungsorganisation Leute, die solche Scheisse nicht zulassen. Das ist ein langer Weg, weil vieles, was die Schwierigkeiten für Frauen* in der Szene begründet, gesellschaftlich bedingt ist. Aber Hip-Hop hat so eine krasse Power, wenn es darum geht, marginalisierten Gruppen einen Raum zu geben – das muss auch für die weiblichen Akteurinnen der Szene möglich sein.

Wie siehst du Sexismus in der Battlerap-Szene (gemeint sind Acapella-Veranstaltungen wie zum Beispiel TopTierTakeover)?

Im Live-Battlerap merkt man natürlich besonders krass, wie männerdominiert die Szene ist, auch weil in Deutschland nur selten Frauen* in Battles zu erleben sind. Ich finde gut gemachten Battlerap eigentlich mega spannend und unterhaltsam, gerade wenn er innovative Punchlines bringt. Das erlebe ich bei Rapbattles in Deutschland allerdings nur selten. Ehrlich gesagt finde ich es nicht nur geschmacklos, sondern vor allem unfassbar langweilig und unkreativ, wenn Battles zu großen Teilen daraus bestehen, den dem Gegner „zugehörigen“ Schwestern, Müttern, Töchtern oder Freundinnen mit (am besten noch ungewolltem) Beischlaf zu drohen. Es ist 2019 und wir sind immer noch bei „Ich fick deine Mutter“? Ehrlich? Das hat für mich ganz schnell etwas von einer Altherrenrunde, die immer dieselben Witze reißt. Das hat Rap nicht nötig.

 

Den Blog von Lina Burghausen findet ihr hier: https://bit.ly/2NQDkB2

2 Comments

  1. Tanja Behlitz

    31. Mai 2019 at 16:19

    Das Problem ist nicht das Bewusstsein für Frauenrap sondern der Frauenrap.
    Nur ganz wenige Frauen können Rappen dafür haben wir unsere stärken in anderen Bereichen.

    Ich kanns nicht mehr hören wie irgendwelche verzogenen weißen Kevins sie selbst nicht rappen können so tun als sei es ein Gesellschaftliches Problem das die meisten female MC’s whack sind.

    • Maximilian Keitel

      2. Juni 2019 at 0:37

      @Tanja
      Ich würde mal behaupten, dass (genetisch gesehen) mindestens so viele Frauen rappen könn(t)en wie Männer, „das“ weibliche Sprachzentrum ist ja im Schnitt sogar ausgeprägter. Also zumindest das „Potential“ gut zu rappen, haben bestimmt so viele Frauen wie Männer.
      Ich denke eher, dass es der (inhaltliche) Kosmos des Deutschraps Frauen einfach nicht so häufig begeistert, außerdem werden diese schnell als „zu maskulin“ abgestempelt, wenn sie sich in einer eher männlich dominierten Kultur ausleben. Natürlich sind die Rapkultur und ihre Fans im Wandel (was ich seeeehr begrüßenswert finde), dennoch gibt es einfach weniger Frauen, die sich für Rap (deutschen im besonderen) interessieren als Männer. Dadurch gibt es auch einfach in der Gesamtsumme viel weniger kreative „Genies“ im Rap bereich, die weiblich sind.
      Außerdem, ist es schon fast Netiquette geworden, dass eine Frau bei kommerziellem Erfolg ihre „Weiblichkeit“ voll ausschlachtet, was den wirklich talentiertesten Frauen, die vielleicht nicht komplette Supermodels sind das Rampenlicht stielt.

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