Hohe 5 mit Sascha Weigelt vom Yard Magazin: „Wer langfristig mit Hip-Hop plant, stellt Fragen.“

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Bevor 1994 mit der ersten BACKSPIN Ausgabe eines der ersten in größerer Auflage gedruckten Hip-Hop Magazine erschien, gab es in Deutschland mehrere in Eigenregie veröffentlichte Fanzines. Eines davon war das Yard Magazin, welches Sascha Weigelt, der später auch als Autor für die BACKSPIN tätig war, ins Leben rief. Mehr als 20 Jahre nach der letzten Ausgabe, erschien im März die von vielen Lesern langersehnte zehnte Ausgabe. Wir klärten mit Sascha Weigelt, warum die neue Ausgabe genau jetzt erschien und ob eine elfte Ausgabe in Aussicht steht.
 

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Credit: Murat Basak

Weshalb kommt die neue Yard genau jetzt?

Das ist ein echter Glücksfall. Die Idee, eine zehnte Ausgabe zu machen, hatte ich schon immer. Wer gibt schon gerne einen Schritt vor dem Ziel auf? Im Jahr 1997 war es nicht mehr möglich, eine weitere Ausgabe des Fanzines zu machen. Andere, hochqualitative Magazine kamen auf den Markt. Ich wurde die Yard kaum noch los. BACKSPIN haben dann im Jahr 2016 ihr Printmagazin eingestellt, und ich hatte spannende Themen liegen, welche eigentlich für BACKSPIN vorgesehen waren. Das war das Startsignal, nach zwanzig Jahren nun endlich die Ausgabe 10 meiner Yard zu bringen. Der Zeitpunkt war auch deshalb optimal, weil ich merkte, wie meine Generation nach etwas einfachem und greifbarem suchte. Die Ausgabe 10 der Yard ist wie ein Anker für sie.

Wie lange hast du dafür gebraucht, die neue Ausgabe zu erstellen?

Das Heft inhaltlich zu entwerfen, das ging ganz schnell. Material und Ideen hatte ich genug. Sponsoren fanden sich auch schnell. Die angesprochenen Firmen verstanden sofort, worum es mir ging. Dass von der Idee bis zur Veröffentlichung fast ein Jahr verging, ist dem Umstand geschuldet, dass alle Beteiligten keine 17 Jahre mehr jung sind und ihren eigenen Alltag haben. Ich rede von Beruf, Familie und persönlichen Schicksalen. Gemeinsam haben wir es am Ende aber geschafft. Von Anfang an war das Ziel, ein zeitloses Heft zu entwerfen, wie die Fanzines nun einmal waren. Früher habe ich die Yard im Abstand von zwei Monaten herausgebracht und selbst vertrieben. Kein Wunder, dass es mit Schule und Ausbildung nichts wurde.

Repräsentiert das Heft deine Vorstellungen von dem, was Hip-Hop ist?

Das ist eine sehr gute Frage! Dasselbe musste ich mit DJ Scientist für ein Interview in einer der letzten BACKSPINs ausfechten. Ich halte eisern an den vier Elementen des Hip-Hop fest. Außerdem erlebe ich, wie die nachwachsende Generation an der Geschichte interessiert ist. Das trifft nicht auf die Masse zu und traf es auch noch nie. Wer jedoch langfristig mit Hip-Hop plant und von ihm infiziert wurde, stellt Fragen. Ich möchte mein Wissen weitergeben, und nicht nur das. In meiner Jugend saßen wir Nächte zusammen und philosophierten über Hip-Hop. Dazu brauchte es jedoch Denkansätze, welche damals von Torch, Adé Bantu alias Duke-T oder Phite von A Real Dope Thing kamen. In Yard wollte ich wieder Denkansätze bringen. Und so überrascht wie meine Kritiker auf das Ergebnis reagieren, ist mir das auch gelungen. Selbstverständlich geht es um meine Vorstellung von Hip-Hop, und ich lege sie denjenigen, welche ich zur Mitarbeit eingeladen habe, auch regelrecht in den Mund. Sie plappern aber nicht nach, was ich hören will, sondern sagen ganz klar, was sie denken. Wir haben uns also geistig mit Hip-Hop auseinandergesetzt. Das war mein Ziel.

Findest du, dass die Graffiti-Kultur in den letzten 20 Jahren im Hip-Hop unterpräsentiert war?

Nein, im Gegensatz zu den B-Girls und B-Boys war sie das überhaupt nicht. Einerseits ist es nach wie vor chic, sich vor Graffitiwänden fotografieren zu lassen, um zu zeigen, dass man Teil von Hip-Hop sein möchte. Kein Magazin, keine Website kam und kommt ohne Graffiti im Sinne von Style Writing aus. Dazu kommt die Dosenindustrie, welche sich voll auf die Writer eingeschossen hat. Graffiti selbst war immer präsent, völlig unabhängig, wie sich Hip-Hop als Ganzes entwickelt hat. Spätestens, wenn der nächste Whole Car in den Bahnhof einfährt, dann wissen wir: Schön, dass wir Magazine und Videos machen und uns Mühe geben, Graffiti zu präsentieren. Graffiti braucht uns aber gar nicht. Es kommt sehr gut allein zurecht. Trotzdem zeige ich Graffiti in der Yard, weil es für mich ein Teil von Hip-Hop ist. Der Name Yard kommt außerdem aus dem Graffiti.

Wann kommt die neue Ausgabe?

Die neue Ausgabe kommt an dem Tag, an welchem ich Layout und Druck beherrsche. Leider war und bin ich immer von anderen abhängig gewesen, dass sie mir das Magazin auf dem Computer setzen. Für die Yard Ausgabe 9 war ich damals bei Mik in Berlin, und für die vorliegende Ausgabe 10 hat sich Saik aus Greifswald die Nächte um die Ohren geschlagen. Ich glaube auch nicht, dass eine elfte Ausgabe dieselbe Euphorie hervorrufen würde wie die vorliegende Ausgabe 10. Jetzt sind die Leute erst einmal damit beschäftigt, ihre alten Fanzines aus dem Keller hochzuholen. Underground United stellen demnächst eine Auswahl online. Dazu kommt, dass ich einen einmaligen Sponsor wie HHV für ein neues Heft bräuchte. Mit Yard habe ich übrigens auch andere angesteckt, neue Ausgaben ihrer Magazine zu machen. Die elfte Ausgabe der Yard heißt also entweder MK Zwo, Streetlove oder Subotage. Vielleicht heißt sie eines Tages auch wieder BACKSPIN? Mit meiner Yard sehe ich mich als Teil des Ganzen.
 
Falls ihr die neue Ausgabe der Yard noch nicht besitzt, könnt ihr diese über HHV.de , oder ganz persönlich auf Saschas Facebookseite bestellen. 

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Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

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