Noah Kin: “Ich habe keine Angst davor anders zu klingen.”

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Noah Kin ist hungrig. Der gerade mal 22 Jährige ist seit 2011 in der Rapszene aktiv. Das bedeutet in diesem Fall drei veröffentliche Studioalben, mehrere Featureparts und internationale Gigs, davon einer auf dem diesjährigen Melt-Festival, das jährlich knapp eine Woche nach den Turbulenzen des Splash-Festivals auf der Halbinsel Ferropolis, der Stadt aus Eisen, stattfindet. In dem Cocoa-Artist schlummert das Talent nicht mehr länger vor sich hin, sondern streckt seine Fühler aus, um mehr zu erreichen. Als Opener für internationale Rap-Größen wie Wiz Khalifa, Kendrick Lamar and Earl Sweatshirt, konnte er einer größeren Rap-Crowd seine Musik präsentieren. Der in Helsinki lebende Rapper rüttelt die finnische Rapszene mit seinen eigenwilligen Klängen mächtig auf. Sein Sound basiert in erster Linie auf dynamischen, melodischen Elektrobeats, auf die er mit seiner kräftigen Stimme persönliche Materie presst. Neben den materiellen Erfolgen ist Noah Kin eine interessante und charismatische Figur, sodass wir mit ihm seine musikalischen Anfänge und die Szene generell beleuchtet haben. Inwiefern der in Helsinki aufgewachsene Artist sich in die finnische Rapszene einordnen lassen kann und was überhaupt die finnische Rapszene ist, solltest du hier nachlesen. Das Interview führte Niko (Head of BACKSPIN) im Rahmen der Music & Media in Tampere, Finnland.

Die Hohe fünf mit Noah Kin

Welche finnischen Rapper hast du in deiner Jugend und vielleicht auch Kindheit gehört?

Als ich angefangen habe eigene Musik zu machen, habe ich kaum finnischen Rap gehört. Mir hat es nicht gefallen, wie sich die finnische Sprache beim Rappen anhört. Ich habe trotzdem die Dinge verfolgt, die um mich herum geschehen sind. Dann habe ich Pyhimys bei einem Kurzfilm Sommerkurs kennengelernt, der ungefähr eine Woche lang dauerte. Ich war nur aus Spaß da, als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Er war für den Sound verantwortlich und hat geholfen die Musik in die Filme einzufügen. Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob man die Studios dort auch privat nutzen kann. Er hat das direkt bestätigt und mich gefragt, ob ich vor habe dort Musik zu machen. Ich habe erzählt, dass ich rappe und er wollte dann, dass ich ein paar Tracks mitbringe, sodass wir sie uns zusammen anhören können. Da er eine sehr angesehen Person im finnischen Rap ist, war es nicht nur cool ihn kennen zu lernen, er hat mir auch auf die Beine geholfen. Er hat mich zu Shows mitgenommen und ich durfte den Support für ihn spielen, oder ein paar Tracks während der Show performen. Außerdem habe ich viele Artists Backstage kennengelernt, bevor ich überhaupt ihre Musik kannte.

“Da habe ich dann auch gelernt, dass coole Musik nicht von der Sprache abhängt. Wenn es gut ist, dann ist es einfach gut.”

Du hast drei Alben und eine EP veröffentlicht. Kannst du die jeweiligen Releases kurz umschreiben? 

Mein erstes Release war das Album „No matter the Season“, das 2011 veröffentlicht wurde und nur eine Ansammlung an Tracks war, die ich seit meinem zwölften Lebensjahr gemacht habe – nicht unbedingt so alte Tracks. Aber es gibt darauf welche, die schon mehrere Jahre alt waren und manche kamen erst ein paar Wochen vor Release dazu. Das war auch das coole am ersten Release. Ich musste meinen Stil noch nicht so sehr festlegen, sondern konnte mich als Künstler einfach ausprobieren. Mein zweites Release, das ich komplett selbst produziert habe, heißt „9fngrs“ und wurde 2012 veröffentlicht. Ich habe das Album super schnell eingerappt und produziert, da es nur sieben Monate nach meinem Debüt-Album Release gefeiert hat.  Ich wollte das aber genau so – Eine Situation in der ich alleine die Verantwortung trage und niemand da ist, um mir mit der Produktion zu helfen, oder mich bei der Entscheidung zu unterstützen, was besser und was schlechter klingt. Mein drittes Album „Now You See“ habe ich unter meinem aktuellen Label Cocoa Music veröffentlicht.

“Mit diesem Album wollte ich die vorherigen Releases hinter mir lassen und einen großen Schritt nach vorne gehen, weshalb wir dann in diese minimalistische Richtung gegangen sind.”

Danach kam dann von mir der Track „Do That“, der auf der neuen „Void“-EP zu finden ist und einerseits sehr experimentell ist, aber trotzdem minimalistisch und elektronisch bleibt. Und da habe ich angefangen mich wohl zu fühlen und einen authentischen Sound zu entwickeln.

Glaubst du dein Stil hebt sich von dem typischen finnischen Sound ab? 

Ja, auf jeden Fall. Der typische finnische Rap-Sound ist entweder Boom-Bap-lastig und oder dieser Mainstream Trap-Sound, oder vielleicht irgendwas dazwischen.

“Mein Sound ist mehr edgy. Ich habe keine Ansgt davor andersartig zu klingen.”

Ich habe keine Angst davor, dass Leute meine Tracks nicht hören wollen, bevor sie diese nicht live gehört haben. Bei einer Live-Performance verstehen sie, woher diese Energie kommt, die ihnen bei der Studioproduktion vielleicht zu aggressiv vorkommt. Finnische Künstler haben nämlich Angst davor aggressiv zu klingen und wenn sie es doch tun, dann in eine falsche Richtung, wie zum Beispiel rachsüchtig und nicht leidenschaftlich.

Du wirst „the hottest Rapper in Helsinki“ genannt. Was hat es damit auf sich?

Ja, das mag stimmen. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat. Das kommt bestimmt von irgendeinem Interview. Solche Aussagen sind merkwürdig für mich. Auch nachdem ich 2013 auf einem Festival aufgetreten bin, war das britische MTV vor Ort. Sie haben dann einen Artikel über mich geschrieben, in dem ich als der nächste Große im Hip-Hop bezeichnet wurde. Das finde ich wirklich komisch, weil ich früher immer MTV geschaut habe und es wirklich absurd ist, wenn du in einer Welt endest, die du als Kind immer im TV verfolgt hast.  Das ist wirklich cool und ich glaube auch, dass es ein wichtiger Punkt ist auf Englisch zu rappen. Auf Finnisch hätte ich auf keinen Fall diese Chance gehabt.

Mit „Now U See“ warst du auch in Deutschland unterwegs. Mehrere haben über dich berichtet. Wie findest du es, dass deine Musik über die finnischen Landesgrenzen hinweg Anklang findet, wie zum Beispiel in Deutschland? 

Ich finde es cool. Es ist schön zu sehen, dass es alles nicht nur in meinem Kopf stattfindet, sondern dass Leute meine Musik lieben. Als Kind hatte ich keine Ahnung, was in der deutschen Musikindustrie abgeht. Ich hatte gar kein spezifisches Bild von Deutschland. Als ich dann zum ersten Mal für ein Video in Berlin gedreht habe und später für ein Konzert da war, fand ich es erst komisch an diesem Ort zu sein, von dem ich so gar keine Vorstellung hatte. Ich wusste nicht das Berlin so eine offene Stadt ist, dass jeder diesen Multikulturalismus genießt. Es war wirklich schön da zu sein und die Leute zu sehen, die deine Musik feiern.

“Die Leute mochten an meiner Musik, dass sie anders ist, als das was sie von ihrem Land kennen und auch anders ist, als das was sie von meinem Land erwartet hätten.”

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