Die Urbane: „Hip-Hop war immer eine Bewegung, die den voiceless Menschen versucht hat eine Stimme zu geben.“

Urbane

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Fotocredit: Ferry Dietel

Im Herbst dieses Jahres stehen die Bundestagswahlen an. Neben den großen Parteien findet man auf der unteren Hälfte des Wahlzettels häufig unbekanntere, kontrovers benannte Parteien. Eine politische Organisation, die erstmals mit auf dem Zettel stehen könnte und auf den ersten Blick mit in diese Kerbe schlägt, trägt den Namen „Die Urbane“. Dahinter steckt eine Gruppe von Berliner Hip-Hop AktivistInnen, die sich zu Jahresbeginn formiert hat, um eine Hip-Hop Partei ins Leben zu rufen. Heute Nachmittag findet in Berlin die Kick-Off Jam statt, bei der die Partei vorgestellt wird. Hinter diesen ungewöhnlichen Rahmenbedingungen stecken konkrete Ideen und Ziele, die mittels der Hip-Hop Kultur Einzug in Gesellschaft und Politik erhalten sollen. Wir haben mit Mitbegründer und Vorstandsvorsitzenden Raphael Hillenbrand unter anderem über die politischen Interessen und die Intention von Die Urbane gesprochen.

Die Hohe Fünf mit Die Urbane

1. Was für eine Idee steckt hinter Die Urbane?

Die politische Dimension von Hip-Hop in unsere demokratischen Prozesse zu tragen.

Die Hip-Hop Kultur hat eine starke politische Dimension, die in unseren demokratischen Prozessen überhaupt nicht stattfindet. Die Meinungsbildung der Hip-Hop Szene und deren Künstler – Es bleibt alles immer bei dem Kritikfaktor. Es wird nicht mitbestimmt und Hip-Hop ist erwachsen genug geworden, um mitzubestimmen. Ich denke, dass wir alle die Pflicht haben uns an Demokratie zu beteiligen. Die Hip-Hop Kultur ist ein starker Verbund von Leuten mit einem Wertesystem, das mir auch sehr viel mitgegeben hat. Daher ist es Zeit und eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass es mit in die Politik getragen wird.

2. Was versprecht ihr euch von der Parteigründung?

Zum einen versprechen wir uns ein größeres Bewusstsein über unsere Möglichkeiten an der Politik mitzuwirken – innerhalb der Hip-Hop Szene – aber vielleicht auch in der breiten Bevölkerung, bei jungen Leuten. Derzeit sehe ich Politikverdrossenheit als ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Angeblich trauen nur 25 Prozent der Bevölkerung unseren Parteien – Dann frage ich mich aber, wenn die Parteien die einzige Möglichkeit für die Bevölkerung sind Einfluss auf unsere Regierung zu nehmen, sie den Parteien aber nicht trauen, wieso ändern sie dann nichts oder versuchen es wenigstens. So ist das auch bei uns.

Wir sahen uns durch keine der anderen Parteien ausreichend repräsentiert und haben es selbst in die Hand genommen.

3. Was für ein Kollektiv steht dahinter?

Niels „Storm“ Robitzky und ich waren die ersten Ideengeber – Mittlerweile haben wir einen Vorstand von zehn Leuten. Niki Drakos ist zusammen mit mir Vorstandsvorsitzende*r.

4. Welche politischen Interessen vertretet ihr und wie unterscheiden sie sich von denen anderer Parteien?

Hip-Hop war immer eine Bewegung, die den voiceless Menschen versucht hat eine Stimme zu geben. Dementsprechend sehen wir uns ganz grundsätzlich in dem Bereich der Gleichstellung. Durch den Background den Hip-Hop mitbringt natürlich auch in der Gleichstellung von Menschen unterschiedlichen Aussehens, der Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft – Und natürlich auch bei dem Thema Teilhabe. Inwiefern ist es wirklich allen Menschen möglich an kulturellen Prozessen teilzuhaben und auch an dem Reichtum, den diese Gesellschaft produziert – Also eine gerechtere Verteilung der Ressourcen.

Ich glaube wir haben eine ganz andere Authentizität und Verbindung zu einer Bevölkerungsschicht, als alle anderen Parteien es haben.

Wir bringen eine Expertise ins Arbeiten, vor allem ins interkulturelle Arbeiten. Hip-Hop im Grundsatz interkultureller Austausch – Diese Explosion von Kultur passierte in einem Bezirk, in dem es sehr unterschiedliche Bevölkerungsrandgruppen gab, von Jamaikanern neben Afro-Amerikanern, PuertoRicanern, jüdische Teile der Bevölkerung in der Bronx. Ich glaube die Leute die sich viel mit Hip-Hop auseinandersetzen, haben einen großen Erfahrungsschatz darin, zwischen unterschiedlichen Kulturen zu vermitteln und innerhalb dieser Spannungsfelder der verschiedenen Kulturen etwas Neues, Positives zu erschaffen. Hip-Hop hat in den letzten Jahrzehnten viele kulturelle Praktiken entwickelt hat, die Bildungsansätze oder Lösungsvorschläge zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen geben – Da bringen wir einfach eine Menge mit, was andere Parteien nicht haben. Der Gründungsmythos von Hip-Hop für uns, ist der Umschwung von der Gewalt der Gangs hin zur Kreativität der Crews. Wenn man diese Einsicht hat, dann verpflichtet das zu einem gewissen Level von Pazifismus und von Einsicht, dass Krieg bedeutet, dass alle verlieren – im Kleinen, wie im Großen. Das ist für uns eine verpflichtende Einsicht, die man einfach gerne weitertragen möchte.

5. Wie stellt ihr euch die Laufbahn eurer Partei vor, was wollt ihr erreichen?

Unsere Gesellschaft sollte weniger Geld für Gewalt und mehr Geld für Kultur ausgeben – Das ist die einzige Art und Weise, wie man aus einer Gewaltspirale herauskommt.

Das ist unser langfristiges Ziel. Als mittelfristiges Ziel möchten wir zur Bundestagswahl dieses Jahr zugelassen werden.

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Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

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