Wieso Lady Bitch Ray nicht ernst genommen wird und weshalb das verdammt schade ist

Im Rahmen des Reeperbahn Festivals haben wir eine Gesprächsrunde zum Thema „Frauen im Rap“ veranstaltet, unter der Leitung von Falk Schacht und Lisa Ludwig. Zu Gast waren Helen Fares, Lady Bitch Ray, Melbeatz und Pilz. Dabei kam eine teilweise hitzige Diskussion zu Stande, die für ordentlich Gesprächsstoff in den Kommentaren sorgte. Statt sich mit den Aussagen von Lady Bitch Ray auseinanderzusetzen, wurde sie in der Kommentarspalte Opfer von persönlichen Anfeindungen. Unser Autor Niels hat sich mit Reyhans Thesen und den Reaktionen nochmal genauer beschäftigt und ist der Meinung, dass zu sehr ihre Person, an Stelle ihrer Argumente, in den Mittelpunkt gerückt wurde.                

Sexismus im Rap, Homophobie im Rap, – Diese beiden Themen beschäftigen die deutsche Raplandschaft. Das wird schnell deutlich, wirft man einen Blick auf die zahlreichen Artikel und Videos, die sowohl von szeneexternen Medien als auch von den großen deutschen Hip-Hop-Magazinen hierzu veröffentlicht wurden. Intern scheinen sich alle zweifellos darüber einig zu sein: Diskriminierung und Ausgrenzung sind ein Unding, denn es widerspricht Hip-Hops Grundsatz von Toleranz und Selbstermächtigung. Betrachtet man die Szene allerdings von einem außenstehenden Standpunkt, sind wir mit unserem Gerechtigkeitssinn noch lange nicht dort angekommen, wo wir es uns vormachen zu stehen. Und das obwohl wir uns in unseren Erklärungen, weshalb Rap im Gegensatz zu Techno und Schlager für uns die Musik der Wahl ist, zu gerne auf seinen emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Charakter berufen.

„Worauf ich hinaus will ist, dass diese Rapper ein Frauenbild prägen und vorleben, das die Hörer und Hörerinnen erreicht (…) und ein Frauenbild schafft. (…) Da sind die Rapper, die Künstler, das Business alle mit verantwortlich – Wir auch!“

Spricht jemand die unschönen, jedoch deutlich präsenten Parallelen zu traditionellen und veralteten Geschlechterrollen und Stereotype an, fühlen wir uns gekränkt und reagieren mit Angriff – denn Rap ist unser Baby. Wie können sie nur? Reflexartig kramen wir das unwiderlegbare und einzige Argument heraus, das uns in unserer Position bestärkt und zugleich jegliche Kritiker*in als Spießer*in diffamiert: Die Kunstfreiheit. Oder um es mit Edgar Wassers Worten zu sagen: “Sie sagen, Hip-Hop wäre sexistisch und homophob. Aber das war schon immer so und deshalb ist es Tradition“ (vgl. ‚Bad Boy‘). Jene, für die solch eine Argumentation zu kurz greift, suchen noch immer verzweifelt nach Antworten auf Fragen wie: Weshalb können wir eigentlich im Jahr 2017 wirklich kommerziell erfolgreiche Rapperinnen an einer Hand abzählen? Auf der von BACKSPIN veröffentlichen Diskussion “Frauen im Rap”, moderiert von Falk Schacht und Lisa Ludwig, wurde dieses Thema auf dem diesjährigen Reeperbahnfestival erneut aufgegriffen. Zu Gast waren die Produzentin Melbeatz, die beiden Rapperinnen Pilz und Lady Bitch Ray sowie Journalistin Helen Fares.

„Wir leben 2017 und es ist immer noch ein Problem, wenn eine Frau über Sex rappt oder selbstbestimmt lebt. Da kann mir keiner was erzählen!“

Die Reaktionen unter dem Video zeigen deutlich: So richtig zufriedenstellend war das Gespräch am Ende nicht. Hinzu kam, dass Lady Bitch Ray und Melbeatz unausgesprochene Streitigkeiten mit in die Diskussion trugen, welches die sachliche Argumentation deutlich erschwerte und für hitzige Gemüter sorgte. Also hagelte es im Nachgang „lustige“ Tweets, Memes und empörte Meinungen. O-Ton: Lady Bitch Ray ist doch nicht ernst zu nehmen! Sie versucht ihren fehlenden kommerziellen Erfolg anhand von Sexismus zu rechtfertigen.” Selbst Kool Savas meldete sich in ähnlicher Manier auf Twitter zu Wort. Dass die Rapperin, bürgerlich Reyhan Şahin, allerdings ein paar mehr als schlaue Dinge beigetragen hat, welche bislang in den Diskussionen über das Thema komplett außer Acht gelassen wurden, wurde am Ende leider von der Sensation des Streites überschattet. Beschäftigt man sich intensiv mit der Geschlechterforschung, scheinen diese Punkte vermutlich einleuchtender. Nichtsdestotrotz haben sie meiner Meinung nach hohe gesellschaftliche Relevanz, sind somit von großer Bedeutung für die geführte Diskussion und müssen demnach mit einbezogen werden. Aus diesem Grund habe ich euch einmal die zwei wichtigsten Argumente zusammengefasst:

Erstens 

Frauen werden aufgrund ihres offenen Umgangs mit ihrer Sexualität in Texten als Künstlerinnen nicht ernst genommen. Sicher. Sie spricht hierbei aus der eigenen Perspektive und man kann jetzt sehr simpel damit argumentieren, dass der wahre Grund für ihre Empörung der eigene fehlende kommerzielle Erfolg ist. Auch wenn ich persönlich nie wirklich viel mit ihrer Musik anfangen konnte, muss man jedoch sagen, dass die Grundaussage einen wahren Kern hat. In erster Linie thematisiert sie hier nämlich eine Doppelmoral, die fest in der Gesellschaft und somit auch im Rap verankert ist. Während es für männliche Rapper Gang und Gebe ist, damit zu prahlen, möglichst viele unterschiedliche Geschlechtspartner zu haben und die Ausübung des Sexualakts bis ins kleinste Detail textlich auszubreiten, fällt mir keine deutschsprachige Rapperin ein, die in solchem Maße ihre Sexualität in ihren Texten zum Ausdruck bringt. Während in den Staaten mittlerweile zahlreiche Rapperinnen wie Nicki Minaj für eine selbstbestimmte Sexualität stehen, scheint Rapdeutschland hier deutlich hinterher zu hängen. Klar gibt es auch kommerziell erfolgreiche Rapperinnen wie Schwesta Ewa oder SXTN. Allerdings behandeln diese das Thema überwiegend aus einer kritischen Perspektive. Dieses doppelte Moralisieren von Sexualität ist es, das Reyhan als Slutshaming bezeichnet. Soviel zum Thema Gleichberechtigung.

Zweitens

Lady Bitch Ray hinterfragt gesellschaftlich verankerte Geschlechterrollen und setzt sich gegen ein repressives Frauenbild ein. Dies wird besonders an der Stelle deutlich, als sie besonders hart mit Melbeatz aneinander gerät. Aus diesem Grund macht die Rapperin klar, dass sie trotz ihres Respektes vor den Skills der Produzentin aus emanzipationstechnischer Perspektive nichts für sie übrig habe. Hierbei hebt sie hervor, dass diese ein schlechtes Beispiel für anerkannte Frauen im Hip-Hop darstellen würde, da sie sich den unterdrückenden Strukturen beugen würde und somit niemandem der Männer vor den Kopf stoßen könne. Hier stört sie sich an den Aussagen von Melbeatz, in denen sie Dinge sagt wie „Ich bin selbst ein halber Mann“. Darüberhinaus spricht sie davon, dass Frauen unterschiedliche Interessengebiete hätten, was sie beispielsweise daran festmacht, dass sie sich weniger für die Technik in einem Tonstudio interessieren würden. An dieser Stelle fragt Pilz zu Recht, was es für sie denn genau bedeute, worauf leider im Anschluss nicht wirklich drauf eingegangen wird. Allerdings ist an dieser Stelle ein entscheidender Knackpunkt. Durch die Gegenüberstellung von „natürlichen“ weiblichen und männlichen Eigenschaften trägt Melbeatz laut Lady Bitch Ray einen entscheidenen Teil zur Konstruktion eines Hierarchiegefälles zwischen Männern und Frauen bei. Sie reproduziert also traditionelle Geschlechterrollen, wodurch diese Strukturen bestärkt werden, anstatt diese zu hinterfragen.

„Es gibt etwas beim Menschen, wenn sexuelle Themen ins Spiel kommen, und (…) mit der eigenen weiblichen Sexualität auf ne aggressive Weise gefrontet wird, wo bei den Leuten ein Schalter ist und es wird gehatet.“

Doch wieso wird Lady Bitch Ray nun eigentlich nicht ernst genommen und in diversen Kommentaren verrissen? Es scheint, als ob sich die Leute noch immer nicht daran gewöhnt haben, dass Frauen mit einer starken Meinung auftreten. Man werfe mal einen aufmerksamen Blick in die Kommentarspalte von Videos mit Sookee. Tatsächlich bestätigen diese Kommentare die aufgebrachten Argumente sogar. Ganz nach der Devise: „Eine Frau soll nicht laut sein oder sich in irgendeiner Form in den Vordergrund drängen.“ Nicht dass sie noch zur Bedrohung wird. Darf man Reyhan nun ihre Authenthizität absprechen, weil sie sich streckenweise in Rage redet? Meiner Meinung nach ist das ein komplett falscher Ansatz. Denn Themen um Marginalisierung sind immer höchst emotional und meist auch zutiefst persönlich. Und das ist gut so. Wenn man das Video aufmerksam ansieht, merkt man, dass sie diese Themen wirklich beschäftigen. Leider kratzen Diskussionen rundum das Thema häufig nur an der Oberfläche. Doch nimmt man eine Person dazu, die sich aktiv mit den strukturellen Verflechtungen auseinander gesetzt hat, fragen wir, wieso man diese Person eingeladen hat und stapeln es als Unfug ab. Dafür dass wir uns als liberale und kritische Hip-Hopper verstehen, feuern wir überraschend schnell zurück, wenn es mal darum geht, vor der eigenen Tür zu kehren. Merkwürdig.

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

2 Comments

  1. Localhorst

    6. Juli 2018 at 15:11

    DANKE, Niels!
    Du hast es genau auf den Punkt gebracht, DANKE! Mal wieder ein astreiner Artikel von dir. Wenn nur mehr Menschen deinen Horizont besitzen würden…

    Lady Bitch Ray ist der Inbegriff von Feminismus. Ich hoffe, dass sie weiter kämpft und stark bleibt!

  2. rokyutani

    6. Mai 2018 at 22:59

    schöner artikel, stimme voll zu – bitch ray wird total unterbewertet.

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