Haze: Rap in seiner reinsten Form

haze

Deutsche Rapper gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Im Süden Deutschlands sieht das allerdings nicht zwingend so aus, zumindest, wenn man von Rappern spricht, die auch hauptberuflich davon leben können. Schnell denkt man an das kleine Dörfchen Bietigheim-Bissingen nahe Stuttgart. Neben Shindy kommen auch Doppelplatin-Künstler Bausa wie auch Rin aus diesem Dörfchen. Alles Künstler, die sich speziell dem „neuen“ Sound zuordnen lassen können. 54 Kilometer Luftlinie weiter, in Karlsruhe, gibt es einen Rapper, der sich auch 2018 noch dem Boombap verschrieben hat. Die Rede ist von Haze (28), hängengeblieben auf Beats der Stara Škola (kroatisch für „Alte Schule“).

Im Süden noch erfolgreiche Boombap Rapper zu finden, ist schwierig. Umso erstaunlicher ist es und umso mehr spricht es für Haze Musik, dass er auch 2018 siebenstellige Klicks aufweisen kann. Dabei sah sich Haze in der Vergangenheit vor allem im Zwiespalt mit seinen Eltern, was die Rapmusik angeht. Als katholischer Kroate wurde er von seinen Eltern auch dementsprechend erzogen. Rap hatte in dieser Welt eigentlich keinen Platz. Im Zuge des Kroatienkrieges musste die Familie flüchten, angekommen in der neuen Wahlheimat Deutschland, kam David Bošnjak auf die Welt.

Aber auch mit einer strengkatholischen Erziehung finden Kinder und Jugendliche Wege, in eine Welt einzutauchen, die das Elternhaus nur bedingt eindämmen kann. Auch Haze sozialisiert sich in seiner Jugend mit Hip-Hop, als große Einflüsse nennt er Eminem wie auch Dr. Dre. Wie Haze Boombap Rap für sich definiert?

„Vier Spuren. Eine Drum Spur, eine Sample Spur, eine Bass Spur und eine Rap Spur.“

Haze im Interview mit TV Strassensound

In der fünften oder sechsten Klasse fängt er an, seine ersten Texte auf Englisch zu schreiben. Schnell merkt Haze, dass Rap nicht nur ein kleines Hobby bleiben soll, doch sieht er sich immer wieder im Zwiespalt zwischen Rap, Religion und Elternhaus. Das Elternhaus legt großen Wert auf Bildung und Erziehung. Den Frieden mit Haze Musik hat seine Mutter übrigens erst kürzlich geschlossen, als ihr Sohn ein Feature mit Sido im Kasten hatte. Zuvor hatte sie Angst, dass Rap und der Lifestyle, den er oft mit sich bringt, Haze auf die schiefe Bahn lenken könnte. Eine Geschichte, die man bereits zuvor auch bei anderen Rappern lesen konnte.

Religion und Rap lässt sich miteinander vereinbaren

Es ist aber nicht so, dass Haze die Religion egal ist. Eher im Gegenteil, sie ist ein wichtiger Teil seines Lebens und auch in seiner Musik zeigen sich religiöse Nuancen. Als er letztes Jahr Vater eines Sohnes wird, verändert dieses Ereignis seine Sicht auf die wesentlichen Dinge des Lebens. Rap und Religion kann er heute aber trotzdem mit seinem Gewissen vereinbaren. Denn er glorifiziert nicht, er verwendet Rap und seine Wirkung zum Guten. Zumindest in dem Rahmen, der für ihn möglich ist.

Aber erst einmal zurück zur Geschichte. Haze sah sich also gezwungen, sollte das mit der Musik etwas nachhaltiges werden, das Elternhaus zu verlassen. Damit er Ruhe hat vor den enttäuschten Blicken seiner Eltern. Es sollte sich auszahlen. Nachdem zwischen 2012 und 2015 die ersten Mixtapes und EPs veröffentlicht werden, wird Haze 2015 bei Chapter One unter Vertrag genommen. Sein Debütalbum „Guten Abend HipHop“ und das heute erscheinende Album „Die Zwielicht LP“ erscheint aber über sein eigenes Label Alte Schule Records. Chapter One scheint hier also vorallem im Vertrieb mitzuwirken. Mittlerweile konnte Haze den Vertrag auch auf Eazyono und Svaba Ortak ausweiten.

Graue Blocks und scheppernde Beats

Die Zwielicht LP“, die eine kleine Anspielung auf die „Marshall Mathers LP“ sein soll, ist gespickt voller Straßengeschichten auf simplen, aber brutal scheppernden Beats von Dannemann, Dasaesch und Raz-One. Ein Album, wo die Beats die Atmosphäre des Albums so detailgetreu einfangen, dass es einem kalt den Rücken runterlaufen kann. Inhaltlich geht es allen voran um Perspektivlosigkeit am Block, um viele Kämpfer, die ihren Kampf gegen die Straße verloren haben, um depressive Episoden und um die Kohle, die keiner so richtig haben will, aber letztlich doch jeder braucht. Wollte man das Album auf den einen Track runterbrechen, so eignet sich das zweiminütige „Ohne Chorus“ hervorragend, der alles, was das Album stark macht, in einem Track vereint. Haze geht es nicht um Glorifizierung, es geht ihm darum, der Jugend die Realität des Straßensumpfes aufzuzeigen, damit sie es ihren Musik-Idolen nicht nachtun.

Flowmäßig spielt Haze ebenfalls in seiner eigenen Liga. Die Beats, auf denen er rappt, ergeben eine Flow-Symbiose, die seinesgleichen sucht in dieser Sparte. Haze mag für Außenstehende hängengeblieben sein auf einem Sound, der heute nicht mehr so den Anklang findet, wie noch in den Neunzigern oder Zweitausenderjahren. Doch er befindet sich auf seiner eigenen Mission. Hip-Hop in seiner Reinform „darf nicht aussterben“.

Show some respect…

Denn er sieht sich auch als einen Kritiker der neuen Generation von Rappern, was aber möglicherweise weniger mit der Musik an sich zu tun hat, sondern viel mehr mit Denkweisen der neuen, jungen Rapper. Ihm schmeckt nicht, dass der alten Schule heute kaum noch Respekt gezollt wird. Eine Entwicklung, die es faktisch gibt, wenn ein Rin auf dem Splash! auftritt und sich deskeptierlich bis respektlos gegenüber der alten Garde zeigt. Zwar zeichnet sich die neue Generation nicht selten durch eine provokative Haltung gegenüber ihren Hip-Hop Ziehvätern aus, doch ein öffentlicher Diss auf einem Hip-Hop Festival, der sich letztlich gegen die eigenen Ursprünge richtet, sorgt nun wirklich nicht zur Beruhigung der eh schon angespannten Lager bei.

„Zeigen wir den ganzen schwulen Oldschoolern, was hier richtig abgeht!“

Rin auf dem Splash! Festival 2017

Auf dem Album lassen sich neben Sido, einer der deutschen Hip-Hop Perlen für Haze, noch Eazyono, Svaba Ortak, Nate57, Bozza und Amar finden. Eine Konstellation, die nicht überrascht, aber hervorragend passt. Ein Mitglied der 187 Strassenbande hätte hier auch noch gut hinein gepasst, steuerte doch Social Media King Bonez MC zum Debütalbum des Karlsruhers einen stabilen Part bei. Und die letzte Line ist irgendwie auch sinnbildlich für viele Fans von Haze, die mit dem neuen Sound wenig anzufangen wissen und noch weniger, mit Rappern, die den Roots-Style nicht einmal huldigen.

„Ich f*cke deutschen Rap, doch wünsche Hazey nur das Beste“

Bonez MC auf „Es macht sich bezahlt“

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