Halbjahrescharts 2017: Cedric

3.
Swiss und die Andern
(Band)

 
Als ich nach Hamburg kam kannte ich noch nichts von Swiss. Dadurch, dass ich manchmal bis in die Nacht hinein in der Redaktion saß, wo unser großartiger Cutter und allgemeines Genie Martin F. aus H. mit Swiss zusammen das Video zu „Wir gegen die“ schnitt, war ich praktisch gezwungen auch jede einzelne Sekunde des Liedes mindestens 50 mal zu hören. Das fängt schon mit dem reizenden „OOOOH!“ am Anfang des Liedes an. Dieses „OOOOH!“ wurde damit auch direkt zum ersten Ton, den ich von dem Lied kannte und zugleich zu einem Weckruf an meine lange vergessene politische Kompromisslosigkeit der Jugend. Als ich dann irgendwann das ganze Lied gehört hatte, bewies mir Swiss nicht nur, dass man links sein und sich trotzdem waschen kann, sondern auch, dass Punk nicht tot ist und das Punk und Rap sich einfacher vereinen lassen, als ich dachte. Dadurch hat er mit einem Lied wohl mehr für mich getan, als die meisten Alben der letzten Jahre.

 

 

2.
Ahzumjots Lowkey Tour

 
„Luft und Liebe“ ist das einzige Album, dem ich in den letzten fünf Monaten im Soundcheck neun Punkte gegeben habe. Man kann sich vorstellen, wie gespannt ich war, Ahzumjot das erste mal live im kleinen Turmzimmer in Hamburg zu sehen. Tatsächlich übertraf das Konzert meine Erwartungen. Ab dem ersten Lied erinnerte es mich viel mehr an psychedlische Rock-Konzerte, als an eine Rap-Performance. Ahzumjot fing mit „Alles was du willst“ an, was nach den ersten Strophen in ein ausgedehntes Autotune-Solo mündete, dass wirkte, als würde gerade eine Gitarrenimprovisation gespielt werden. Ahzumjot hat mit diesem Konzert für mich die Grenzen dessen, was ein modernes Rap-Konzert sein kann, gesprengt. Interessant war es auch zu sehen, wie ein Publikum funktioniert, dass sich versammelt hat um sich Lieder anzuhören, in denen es oft darum geht, wie sehr man sich von den anderen abgrenzt und warum man besser ist als diese. Das hat mir viel zu denken gegeben, dazu aber vielleicht an anderer Stelle mehr.
 


 

1.
Joey Bargeld
(Künstler)

 

Die Dinge in der Kunst, die mich am meisten faszinieren, sind meistens die, die mich im ersten Moment verwirren. So war es auch mit Joey Bargeld. Als ich die News zu seinem Song „Drogen“ schreiben sollte war ich erst mal ein wenig vor den Kopf gestoßen. Was sollte ich jetzt dazu sagen? Es war laut, düster, beängstigend, irgendwie auch lustig und trotzdem fast schon minimalistisch. Ich kehrte immer wieder zu dem Lied zurück. Beim BACKSPIN Fifa 17 Cup kam es dann zu einem Gespräch mit ihm. Nachdem die ganze Veranstaltung sich dem Ende zuneigte, standen wir beide auf dem Balkon und redeten über sein frühes Ausscheiden im Turnier. Dabei wirkte er so bodenständig, so ruhig, wie ich es nach einem Song wie „Drogen“ oder „Zücho“ nicht erwartet hätte. Ich war noch mehr verwirrt. Aus großer Verwirrung folgt große Faszination, oder so. Mit jedem weiteren Lied, dass ich von ihm hörte, wurde mir klar, dass ich selten so einen eigenen Ansatz, so einen eklektischen Künstler im deutschsprachigen Rap gefunden habe, bei dem unter der Oberfläche der Musik so viel zu entdecken ist. Damit ist er für mich der interessanteste neue Künstler seit langem.

 

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Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

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Erzähl Digger, erzähl

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