Haftbefehl – „Unzensiert“

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Haftbefehl fährt über Nacht allen davon – fürs Erste zumindest. Denn „Unzensiert“  funktioniert nicht nur als „logische“ Konsequenz des letzten Albums, sondern auch als seine endgültige Emanzipation von deutschem Straßenrap. Hafti-Abi befreit sich auf über 16 Tracks als wohlgemerkt Einziger aus den allzu eng geschnallten schöpferischen Fesseln der Gangster-Zwangsjacke. Veteran Bazzazian produzierte fast im Alleingang und präsentiert dem Hörer ein ausgewogenes Mixtape zwischen schneppernden Kopfnickern und experimentalistischen Elektropunk-Beats. Doch für die größte Überraschung sorgte selbstverständlich der Protagonist: Prallgefüllter Content. Riefen noch vor einem Jahr Lobhudeleien wie „Straßenprophet“ der „Russisch Roulette“-Rezensionen Rap-ferner Medien spastische Anfälle hervor, kann man das nun mit Fug und Recht behaupten.

Doch dazu brauchte es erst genau dieses Tape. Denn stellten auf dem Vorgänger Verkaufshits wie „Ihr Hurensöhne“ und Fremd-Fan-Fishing a là „Ich rolle mit meim Besten“ noch erste Positionierungsversuche von Universal dar, wurde glücklicherweise auf „Unzensiert“ gänzlich darauf verzichtet. Stattdessen tritt ein Haftradamus in den Vordergrund, der, sich endlich um den Einfluss und die Tragweite seiner Persona bewusst, sich differenziert mit dem Bundesadler und Rothschild anlegt. Danke Aykut, dass du über dem Peinlichkeits-Varietè des letzten Monats stehst. Danke Aykut, dass du Bänker hängst anstatt auf Beef zu setzen. Denn wenn Beef zwischen zwei Rappern zu Verkaufserfolgen führt, sagt das lediglich etwas über das Alter ihrer Zielgruppen aus – nicht mehr.

Seis drum. Das Signing beim Major, und das geschieht äußerst selten, tat der Kanalisation seiner eigenen Kreativität sichtlich gut. Meinetwegen hätte der Offenbacher auch auf jegliche Features, vor allem auf die wohl niemals abebbende Vetternwirtschaft, verzichten können. Auch wird ihm „Chabos“ den Weg zu den Mailänder-, Pariser- und Londoner Laufstegen nicht ebnen. Aber das sind Peanuts. Welch ein Weihnachtswunder, dass ein Tape ganz ohne Kinder-Promo und Boxen mit selbst-geschmiertem Marmeladenbrot Erfolg hat. Ein Hoffnungsschimmer für das kommende Jahr.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

2 Comments

  1. Michael Stapf

    24. März 2016 at 2:13

    Ich kann den Titel „hang the bankers“ nicht auf Youtube und Konsorten finden. Warum? Sonst wird Hafti doch gehyped ohne Ende?

  2. Peter

    22. Dezember 2015 at 19:04

    Warum nur 7/10 für den Flow?

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