Haftbefehl: Auf Beats geschossene Bilder (aus der BACKSPIN MAG #111)

„Er hat einen Flow gebracht, der vorher nicht in Deutschland vorhanden war“, sagt auch Falk Schacht. „Er hat gezeigt, dass man seine eigene Sprache mit in seinen Rap einfließen lassen kann und es cool wirkt.“ Dazu habe er, meint Falk, auch Humor in seinen Texten – ein Punkt, den die meisten anderen harten Rapper oft vermissen lassen. Für den Mixery-Moderator ist Haftbefehl ohnehin „längst eingegangen in die Historie von deutschem Rap. Man wird sich auch in 20 Jahren noch an ihn erinnern, egal, ob er noch fünf Top-10-Alben raushaut oder morgen aufhört zu rappen“. Für Toxik hat er das Gangster-Rap-Genre „neu erfunden“. Dazu hat er „neue Wörter eingebracht, die dann deutschlandweit Umgangssprache wurden“, konstatiert der HipHop.de-Chefredakteur. Das haben zwar andere Rapper wie die Eimsbush-Clicke, Savas oder Bushido auch schon geschafft, aber für Toxik hat das „niemand vorher so extrem durchgezogen“. „Vielleicht hat er dem Spiel inhaltlich nichts Neues hinzugefügt, aber die Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, ist einzigartig und damit auch für Hip- Hop als Ganzes relevant, sagt wiederum Juice- Chefredakteur Stephan Szillus. „Als ich ihn das erste Mal gehört habe, habe ihn direkt gefühlt“, sagt auch Ramin Ahrari. Für den Geschäftsführer des Streetwear-Labels Thug Life habe Haftbefehl „eine Revolution“ geschaffen und eine „komplett neue Geschichte“ mit reingebracht. Durch ihn hätte sowohl die alte als auch die neue Generation wieder Interesse an Deutschrap bekommen. Grund dafür sei, dass die Leute Haftbefehl einfach abnehmen würden, was er rappt. „Die fühlen das“, sagt Ahrari. Die Kooperation zwischen Thug Life und Haftbefehl hatte er eingeleitet, nachdem er den Offenbacher auf dem Echte-Musik-Sampler gehört hatte. Heute gilt Haftbefehl als Zugpferd der Marke. „Bedingt durch den Hype und mit der Marke im Background hat sich das Ganze so ergeben, wie man sich das auch vorgestellt hat, sagt er. Die Philosophie in Punkto Kooperationen mit Künstlern sei, „junge, talentierte Künstler zu pushen, damit sie noch bekannter und größer werden“, erklärt Ramin Ahrari. Im Fall Haftbefehl ging die Rechnung voll und ganz auf. Dass der Rapper allmählich an seine Grenzen stoßen könnte, glaubt auch der Thug-Life-Geschäftsführer nicht. „Er hat genug Potenzial“, ist er sich sicher. Zumal Haftbefehl einer der Artists ist, die stark polarisieren. „Die eine Hälfte der Leute liebt ihn, der andere hasst ihn, weiß Ahrari. Die, die noch nicht überzeugt sind, müssen wir nun eben geradebiegen. Einer von denen, die zumindest anfangs mit der Musik von Haftbefehl haderten, ist Mikis Fontagnier. Als „Zeit für was Echtes“ erschienen war, dachte er sich nur: „Was will der Rapper da? Er rappt nicht auf dem Takt und benutzt Wörter, die keiner versteht. Ich konnte mir das nicht anhören.“ Rund ein Jahr hat es gedauert, dann ist der Regisseur und Mitbetreiber der Famefabrik „warm geworden“ mit Hafts Sound. Seit dem ist er „riesen Fan“. Inzwischen hat die Famefabrik sogar ein Video für den Offenbacher gedreht. „Mann im Spiegel“, jener Song, der laut Ramin Bozorgzadeh von Groove Attack stark unterschätzt wird, hat von den Mannheimern die Visualisierung bekommen. „Man muss Haftbefehl als den Babo inszenieren, der er ist“, sagt Fontagnier mit Blick auf das „Mann im Spiegel“-Video. „Er ist ein charmanter, charismatischer Kerl, der ein bisschen über den Dingen steht. Dazu ist er für mich der König der Kanacken. Egal, in was für ein Auto ich reingucke – wenn Schwarzköpfe drinsitzen, läuft entweder Haftbefehl, Capo oder Celo & Abdi.“ Doch die Zahl der vermeintlichen Kritiker ist nach wie vor groß. Wobei sie kleiner wird, schaut man genauer hin und unterscheidet zwischen Hatern, Neidern und tatsächlichen Kritikern.

Kritik hört sich Haftbefehl selbst nur aus seiner Familie an, oder von Leuten, die er respektiert. „Und es gibt in diesem Geschäft nur sehr wenige, die ich respektiere“, stellt er klar. Wobei auch kaum jemand zu ihm gekommen sei, um ihn zu kritisieren. Das traue sich wohl nur seine Familie, glaubt er. Grundsätzlich fände er es aber gut, dass nicht jeder sagt, er sei der Beste. „Ich bin halt ein polarisierender Typ“, weiß er. „Aber damit habe ich kein Problem. Es ist alles cool so wie es ist.“ Als Haftbefehl zu rappen begonnen hat, zog er sich seine Motivation aus dem Rap Francais. Die oft aus dem Maghreb stammenden Rapper in Frankreich sind einem Offenbacher mit kurdischen Wurzeln eben erst mal näher als Jay-Z oder 50 Cent.

Den Vorwurf, er habe Rap aus Frankreich stellenweise einfach nur kopiert, will er dennoch nicht gelten lassen. Ich habe vielleicht ein oder zwei Songs, meinetwegen auch drei oder vier, die mich für mein Album damals inspiriert haben“, sagt er. Mehr aber auch nicht. Stattdessen verweist er auf andere, die seiner Meinung nach nicht davor zurückschreckten, vor allem Lunatic „eins zu eins“ kopiert zu haben. Er selbst höre inzwischen sowieso mehr bestimmte US-Acts. „Ich höre die ganze Zeit Rick Ross und feiere den voll ab. Wir haben jetzt auch vor, so eine Schiene zu fahren, in einem neuen Projekt, das wir bald machen werden.“ Beeinflussen lassen will sich Haftbefehl jedoch grundsätzlich nicht. Er selbst sei sein alleiniger Maßstab, stellt er klar. „Obwohl ich so einen Hype habe, mache ich mein Ding und scheiß’ drauf. Ich mache, was ich will“, gibt er zu verstehen. Gleichzeitig verweist er auf seine Vielseitigkeit. „Ich habe 26 Songs auf dem neuen Album, und ich rappe auf jedem Beat anders“, sagt er und fügt hinzu: „Ich weiß nicht, was in Deutschland diese Technik ist, oder Doubletime. In Amerika gibt es das gar nicht!“ Für seine noch kommenden Alben will er dann auch „immer einen Schritt weiter gehen“. „Irgendwas muss man doch erfinden“, sagt er. Auf der Stelle treten will er nicht. „Soll ich immer nur meinen eigenen Film fahren? Soll ich zehn Alben machen, nur mit anderen Songtitel und anderen Beats, die aber alle klingen wie die Alben davor?“, redet er sich in Rage. „Nee, Alter, das macht mir keinen Spaß!“

Für eines seiner nächsten Alben hat er sich vorgenommen, komplett auf „ausländische Wörter“ zu verzichten. „Ich will zeigen, dass ich auch wirklich Deutsch rappen, so richtig gut Deutsch reden kann“, sagt er. Beobachter wiederum dürften gespannt sein auf die Reaktionen der Haftbefehl- Kritiker-Fraktion. Können die ihn nicht mehr für sein mangelhaftes Langenscheidt-Deutsch kritisieren, was bleibt ihnen dann noch? Fragt man ihn nach dem Sinn seiner Lyrics, winkt Haftbefehl ab. „Meine Texte haben im Endeffekt keinen Sinn“, sagt er. „Das sind Hollywood-Filme, die ich einfach auf Beats knalle, Bilder, die ich auf Takte schießen muss.“ Authentisch, dieses besonders im Rap überstrapazierte Adjektiv, treffe jedoch trotz seiner Hollywood-Texte selbstverständlich auf ihn zu. Erstaunlicher Weise sind sich da viele einig. Zwar wisse er nicht, „wie viele Pumpguns“ Haftbefehl „privat“ habe, aber das ist ihm „auch ziemlich egal“, sagt Toxik. In den Augen des HipHop.de- Chefredakteurs ist Haftbefehl „der Straßenfreak, den er auch in seiner Musik gibt“. Für Falk Schacht ist Haftbefehl heute schlicht das, was für seine Generation N.W.A waren. „Aykut Anhan ist Haftbefehl, in meinen Augen verändert er sich nicht, wenn er in der Öffentlichkeit steht“, konstatiert dazu Ramin Ahrari. Und der Spiegel überschrieb in Heft #7/2013 seinen Artikel über Haftbefehl mit den Worten „Der Babo von Frankfurt“. Anderthalb Seiten ist der Artikel lang. Das ist zwar nicht die Größe jener berühmt berüchtigten Geschichte, die das Hamburger Magazin mal über Massiv druckte. Aber wer dort stattfindet, ist definitiv angekommen.

Und Haftbefehl selbst? Wie sieht er sich? „Das bin genau ich“, sagt er. „Nur, ich bin ein bisschen schizo oder trizo, ich weiß es nicht.“ Wie er darauf kommt, erzählt er anhand einer Anekdote. Auf Konzerten sei er lieber allein, weil sein Kopf da „immer gefickt ist“. „Und dann sehe ich die ganzen Wodkaflaschen rumstehen, im Backstage stinkt es nach Wodka und Rauch. Und dann laufe ich auch mal weg, um alleine zu sein.“ Trifft er draußen Leute, die er kennt, bleibt er in diesen Momenten distanziert, auch wenn er die nur ein, zwei Mal im Jahr sieht, je nachdem wie oft er in der Stadt ist. „Das müssen die auch verstehen“, sagt er, „Da bin ich der zurückhaltende Haft, zurück in der Location auf der Bühne gebe ich dann Gas. Und da verstelle ich mich auch nicht.“

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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