Haftbefehl: Auf Beats geschossene Bilder (aus der BACKSPIN MAG #111)

Wahrscheinlich gibt es Rapper in seinem Metier, die verkaufen mehr Alben als er. Oder spielen größere Konzerte. Trotzdem interessieren sich die großen Medien vor allem für ihn. In der Szene ist Haftbefehl ohnehin ein stetiges Thema. Für sein neues Album hat er noch eine Schippe draufgelegt. Geht da noch mehr?

Hört man sich um, ist das Thema für manch einen allmählich am Abklingen. Dass es diesen Rapper aus Offenbach gibt, der über das Milieu in Frankfurt rappt und dabei Worte aufeinander reimt, die sich manchmal kaum mehr reimen und der dazu eine Aussprache und einen Wortschatzt pflegt, die eine Steilvorlage sind für jeden Comedian, weiß inzwischen jeder Rap-Aficionado von Flensburg bis Füssen. Kann Haftbefehl mit seinem neuen Album da noch eine Schippe drauflegen? Zumal er sich seine größte Konkurrenz selbst ins Haus geholt hat. Celo & Abdi schlagen mit ihren Texten und ihrem Sprachkauderwelsch in die gleiche Kerbe wie er und könnten ihm durchaus den Schneid abkaufen. Stößt der Offenbacher allmählich an seine Grenzen? Oder steigt er weiter auf?

Mit seinem neuen Album habe Haftbefehl gezeigt, dass er sich weiter steigern kann, findet Ramin Bozorgzadeh, A&R-Manager bei Groove Attack. Die Kölner Firma vertreibt die CDs der Azzlackz. Für ihn ist Haftbefehl „intelligent und begabt genug“, um sich weiterzuentwickeln. „Wir haben den ersten Hit des neuen Albums doch schon gesehen, genau wie die erste Schlagzeile, die sich verbreitet hat wie nichts“, sagt er Anfang dieses Jahres mit Blick auf „Chabos wissen wer der Babo ist“. Mit dem Songtitel hat Haftbefehl einen weiteren geflügelten Ausspruch erschaffen, genau wie mit „Ja Ja, Ve Ve“ oder „Dann mit der Pumpgun“. Kein Zweifel. Mancher wiederum hielt seine Themenpalette schon nach „Azzlack Stereotyp“ für erschöpft. Stephan Szillus, Chefredakteur der Juice glaubte, das „Wesentliche“ sei mit Hafts Debüt erzählt gewesen. Aber dann hat es der Rapper „immer wieder geschafft, neues Interesse bei mir zu wecken“ sagt er und attestiert dem Offenbacher, „bessere Songs und spannende Kollaborationen“ gemacht zu haben. Dazu käme sein „gutes musikalisches Gefühl“. Nach an-Grenzen-stoßen klingt das nicht. „Die künstlerische Grenze von Haftbefehl liegt genau da, wo er sie sich selber setzt“, sagt Falk Schacht. Der Mixery-Raw-Deluxe-Moderator hat keine Zweifel, dass sich der Offenbacher als Künst- ler „immer weiterentwickeln kann – wenn er es denn will und zulässt.“ Aber wird sich die Weiter- entwicklung Haftbefehls auch in zählbaren Erfolg ummünzen lassen? Kann ein Gangsta-Rapper nach Bushido noch mal so kommerziell erfolgreich werden?

„Man muss schon realistisch sein, die Millionen werden wir wohl nie zählen“, sagt Chan, der Manager von Haftbefehl. Für ihn sind 200.000, vielleicht 300.000 verkaufte Alben das absolute Maximum, die irgendwo am Horizont liegende Grenze, die auch mit dem dritten Album „Blockplatin“ nicht überschritten werden wird.

Das Album ist auf Platz vier gechartet, die dazugehörigen Videos erreichen locker mehr als fünf Millionen Klicks und die obligatorische „Chabos wissen wer auf Tour ist“ Tournee führt ihn dieses Mal in die größere Hallen als die vorausgegangene. „Blockplatin“  läuft demnach besser an als „Kanackis“. So viel ist sicher. Und allein das mag manche schon wundern. Zumal es lange Zeit nicht einfach gewesen sei mit seinem Schützling, erzählt Chan. Ob Video-Ressisseure, Journalisten oder wer sonst wie in den letzten Jahren auf einer Business-Ebene mit Haftbefehl zu tun hatte – sie alle können von abenteuerlichen Verspätungen oder anderen Unzuverlässigkeiten des Rappers berichten. „Früher kam er zu einem Videodreh und ist nach einer Dreiviertelstunde wieder abgehauen, weil er keinen Bock mehr hatte“, erinnert sich Chan. „Auch wenn ich dann meinte, dass wir eigentlich vier oder fünf Stunden drehen müssten – das war ihm egal.“ Zu einem Dreh von Celo & Abdi, der für einen Donnerstagnachmittag angesetzt war, erschien Haft einst einfach am Freitagabend. Auch Ramin Ahrari, Geschäftführer von Thug Life, sah die Zusammenarbeit mit Haftbefehl dann und wann schon mal als „Herausforderung“. Allerdings gleiche der Rapper das in seinen Augen mit seinem Charakter und seinem Humor wieder aus. Natürlich ärgere er sich mal, wenn sich „wieder alles verschiebt“. „Aber das sind Strapazen, die man in diesem Business in Kauf nehmen muss“, sagt er. Zumal sie zusammen schon viel bewegt hätten.

Die alte Geschichte vom chaotischen Straßen-Typen, der mit großen Qualitäten gesegnet ist, sich aber nur schwer kontrollieren lässt, hat in Haftbefehl einen weiteren Protagonisten be- kommen. „Mittlerweile kriegt er das aber schon besser hin“, schmunzelt Chan. Der Manager kümmert sich seit dem „Zeit für was Echtes“- Sampler um den Rapper. Davor war er hier und da als Producer in Erscheinung getreten. Auf der Chabs-Maxi „Kern der Wunden“ hatte er den Titeltrack produziert und auch ein paar Tracks von Azad gehen auf sein Konto.Um seine professionellen Defizite weiß Haftbefehl auch selbst. Für sein aktuelles Album hat sich vorgnommen, professioneller zu sein. Verspätungen will er sich nicht mehr erlauben. In Interviews will er nicht mehr besoffen sitzen. Und auch mehr Respekt für die in sein Produkt Involvierten will er zeigen. „Was ich mache, ist kein Witz. Das ist mein Brot“, sagt er. Das verlangt nach Ernsthaftigkeit und Hingabe. Das hat er erkannt. Die Zeit rund um das Vorgängeralbum „Kanackis“ beschreibt er alskatastrophal“. „Ich war auf jeden Fall auf dem falschen Weg, aber an manchen Tagen vielleicht glücklicher als jetzt“, sagt Haftbefehl. Der Rapper zeigt sich nachdenklich. Seine Welt sei vor wenigen Jahren noch nicht so groß gewesen. Zudem habe er sich erhofft, dass die große Welt“, die sich ihm allmählich eröffnete, viel schöner“ wäre. Und dann ging alles ziemlich schnell. Sein Bekanntheitsgrad stieg. Autogrammstunden mussten wegen zu großem Andrang seiner Fans von der Polizei abgebrochen werden. Doch „wenn man alles gesehen und viel erlebt hat, fragt man sich, ob das schon alles war, was die Welt zu bieten hat“, sagt er. Unterhält man sich weiter mit Haftbefehl, bekommt man ab und an den Eindruck, als fühle er sich in der Haut des bekannten Rappers nicht immer wohl. Die Aufmerksamkeit, der Erfolg haben ihn scheinbar etwas überrumpelt. Zurück in sein altes Leben will er jedoch auch nicht. „Ich habe keine Lust, wieder kriminell zu werden“, sagt er. Aber wenn er „irgendwo einen Job für 5.000 oder 6.000 Euro“ bekommen würde, ginge er lieber „normal arbeiten“ anstatt seinen Job als Rapper zu machen. Seinen heutigen Lebensstil, oder zumindest einen Teil davon, will er eben nicht mehr missen.

Seinen Ruhm kann er dann und wann aber auch genießen. Amüsiert erzählt er, wie er mal, aus einer Pizzeria kommend, auf zwei Polizisten trifft. „Die Bullen kommen auf mich zu und ich bleibe stehen, weil ich denke, die wollen mich kontrollieren“, lacht Haft. Stattdessen aber habe der eine Polizist einfach nur ‚Chabos wissen, wer der Babo ist’, gesagt und sei weitergegangen. „Das ist lustig, das feiere ich mehr als 100.000 verkaufte Platten.“ Es sind aber nicht allein der Ruhm bei den Kids, Top-10-Platzierungen, überlaufene Autogrammstunden oder Begegnungen wie die eben geschilderte, die Haftbefehl sich ans Revers heften kann. Auch dem deutschen Rap an sich hat er etwas hinzugefügt. Als Stephan Szillus zum ersten Mal Tracks von dem Offenbacher hörte, hatte er eine ähnliche Gänsehaut wie damals, als ich zum ersten Mal Bushido hörte“, erinnert sich der Juice-Chefredakteur. Das war auf dem splash! 2007. „Der Typ hatte eine faszinierende Aura, ein spielerisches Gespür für Flows und Pausen und unglaublich viel Attack in der Stimme. Sein Kollege Toxik entdeckte Haftbefehl zwar erst etwas später für sich, seine Musik und sein Auftreten aber „habe ich direkt gefeiert“. „Ja Ja Ve Ve“ und „Gestern Gallus heute Charts“ hat der HipHop.de-Chefredakteur gleich zehn Mal am Stück gehört. Für ihn war das „ein anderer Style“, auch wenn er erst mal nur die Hälfte verstand. Falk Schacht wiederum befand, dass da ein Rapper aufgetaucht war, der „seinen eigenen Style hat – das findet man nicht so oft in Deutschland“.

Wie groß der Impact von Haftbefehl auf Rap- Deutschland ist, kann man am besten auf Youtube checken. Ob einfach nur billiges Nachgeahme oder durchaus lustige Parodie, beides findet man nur von relevanten Künstlern. Von Haftbefehl findet man beides. Dazu hat eigentlich keiner keine Meinung zu ihm. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Fragt man Haftbefehl selbst, was er für Rap in Deutschland getan habe, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er habe den Kuchen wieder aufgefrischt“, meint er. Er habe „das Spiel wieder ins Rollen“ gebracht. Dank ihm trauten sich einige Leute wieder zu rappen. Auf der anderen Seite fühle er sich von vielen zu unrecht kritisiert. Die Ansprüche an sich selbst sind hoch bei Haftbefehl. Er will auf keinen Fall einer von denen werden, die sich immer nur wiederholen und einst erreichtes nur noch verwalten. Hinter meiner Arbeit steckt sehr viel Konzept“, sagt er. Tatsächlich hat Haftbefehl neue Einflüsse in das hiesige Rap-Spiel gebracht. Das Verwenden einzelner Wörter aus dem Türkischen oder Arabischen bereichere die deutsche Sprache, befand sogar die Süddeutsche Zeitung und druckte gleich ein Glossar. Die Reporter von Spiegel-TV ließen vor ihrer Kamera von ihm einen seiner Texte erklären. Seine Kritiker beanstanden hingegen genau deswegen, dass er kein richtiges Deutsch spreche respektive die Sprache verhunze. Ob sich der Rap in den USA oder Großbritanien soweit hätte entwickeln können, wäre man immer um den Erhalt des korrekten Englisch bemüht gewesen, mag man diese Kritiker fragen. Mit dem Oxford-Dictionary jedenfalls kommt man wohl weder bei Lil Wanye noch bei Dizzee Rascal besonders weit.

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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