Gzuz – „Ebbe und Flut“

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Angenommen, man steht an einer Hamburger Straßenecke. Vielleicht die Kreuzung Reeperbahn/Helgoländer Allee. An der Ampel wartet ein mattroter Mercedes CL500, Nummernschild: HH – XL – 187, PS: 308. Die Fenster sind heruntergekurbelt und aus der Anlange tönt Gzuz‘ erstes Solo-Album „Ebbe & Flut“, um das es in diesem Text gehen soll.

Hinterm Steuer sitzt natürlich Gzuz selbst. Seine brandneuen, glänzend weißen Nikes berühren Gaspedal und Kupplung. Der Sitz ist tief gestellt, Gzuz sitzt breitbeinig drauf, Trainingshose, -jacke, Cap mit eng gestellter Schnalle, sodass unter der Mütze ein unförmiger Hohlraum entsteht. Eine Hand in Cruiser-Art am Steuer, in der anderen entweder sein Schwanz, eine Bitch oder eine Zigarette. Auf seinen Fingern hat er sein Album verewigt: rechts steht „Ebbe“ und links am Herzen die „Flut“. Seine Augen wirken fahl, müde und verstrahlt. Ist er breit oder zeichnet sich in darin ab, was er schon alles erlebt hat? Obwohl er erst 27 Jahre alt ist, ist die Liste lang: kein Vater, St. Pauli, jugendliche Langeweile und Orientierungslosigkeit, schiefe Bahn, Waffen, Diebstahl, Knast, der Tod seiner Mutter, Geld, Drogen, Frauen, Sex, Blasen, seine Ersatzfamilie 187 Strassenbande, ein Hype um diese Bande, eine Rap-Karriere.

Willkommen in Gzuz‘ Welt! Das Album ist eine detailgenaue Milieu-Studie von ebendieser. Auf unbehaglichen, düsteren, 808-Bass-Beats von Jambeatz erzählt er mit monotoner Stimme aus ihr. Als Hörer dieses Albums wird aus einem entweder automatisch ein ungläubiger Voyeur, der diese Welt nicht fassen kann. Oder man entdeckt seine eigene Welt in Gzuz‘ Welt wieder und er wird zum besten Freund, weil er versteht, was abgehen kann. Denn hinter dem obligatorischen Prolltum und Gepose verbirgt sich auch Nachdenklichkeit, Verletzlichkeit und die Hoffnung, dass die Flut über der Ebbe für den Rest des Lebens überwiegen wird. Aber man weiß nie…

Die Ampel wird grün für die Autos. Der Motor des CL500 heult auf und Gzuz und seine Welt fahren weiter. Alles Gute und dass sie weiterhin so glänzt wie die Chromfelgen!

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Rike ist von Musik besessen, hat auf ihrem Arm "Hip Hop Hippie" tätowiert und ist seit 2011 Gang-Mitglied. Sie hat bei Dr. Kraus' Sample-Quiz gar nicht so schlecht abgeschnitten, ist beim Soundcheck im BACKSPIN MAG einer der drei Meinungsgeber und kommt immer dann zum Einsatz, wenn's um in die Tiefe gehende Interviews mit Ami-Rappern geht. Im Auto auf dem Weg nach Tschechien zum "Hip Hop Kemp" drücken Niko und Martin gerne ihre Musikauswahl weg. Wenn sie nicht für BACKSPIN arbeitet, ist sie für die tägliche Musikseite in der Hamburger Morgenpost verantwortlich. #MachdenRike

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