Bilderserie: Punk-Graffiti in Santiago de Chile

Alle Bilder: Johannes Conradty

2016 war ich in Chile und geflasht von den Graffitis und der Streetart in Santiago. Als ich dann auf einem Konzert von Portavoz und Anna Tijoux war und anschließend noch mit ein paar netten Menschen um die Häuser zog, beschloß ich, mit den Jungs von der 3636-Crew, die ich dort kennengelernt hatte, in der kommenden Nacht loszuziehen um Kunst aus der Dose zu machen und das ganze mit der Kamera zu dokumentieren.

Johannes Conradty über das Entstehen dieser Bilderserie.

Text: David Rojas Kienzle

Das Klackern der Dosen kündigt an, was wir vorhaben. Die Gruppe 3636 bespricht, welche Farben sie für ihre nächtliche Tour benutzen will. Ein, vielleicht zwei Pieces sollen entstehen, getaggt werden soll auch. Santiago ist voll mit Graffiti. Neben den klassischen Murales, meist in Auftrag gegebenen Wandmalereien, gibt es eine riesige Graffitiszene, die die ganze Stadt bunter macht.

„Was wir machen ist anders als das, was viele andere machen. Wir machen Graffiti, weil es uns Spaß macht“, meint Luche, wie er sich nennt und an den Wänden Santiagos verewigt, einer der Writer von 3636. Alle in der Crew haben ein eigenes Alias, das sie taggen oder in Pieces verarbeiten. Heute abend sind Luche, PRK, Biac, Repudio, Klas und Poser, alle Mitte 20, dabei. „Andere Crews haben auch Schlägereien, sie sind sehr territorial. Vor allem, wenn es um Züge geht. Wenn man an einem Ort Züge macht, den sie für sich beanspruchen, kann es sein, dass du verprügelt wirst. Wir haben darauf keine Lust“, erklärt Biac. Die sechs Jungs haben sich auf eine Farbkombination geeinigt.

Das heißt, es kann losgehen.

Gemütlich verlassen wir die Wohnung und gehen ins nächtliche Santiago. Unser Ausflug fängt im hippen Barrio Brasil an, einem der Ausgehviertel im Zentrum Santiagos. „Es gibt sehr viele legale Arbeiten hier, vor allem um die Plaza Yungay und im Barrio Bellavista, aber die Kalligrafie, die man hier auf der Straße sieht, ist illegal“, meint Luche, der uns heute abend eingeladen hat. Es ist Mitternacht und die Straßen sind fast leer. Aber noch nicht leer genug, um malen zu gehen. Wir gehen erst mal ein Bier holen und setzen uns auf eine Bordsteinkante. Horrorgeschichten werden ausgetauscht. „Als ich einmal mit einem argentinischen Freund taggen war, sind auf einmal ein Haufen Männer mit Stöcken aus einem Laden rausgekommen und haben uns mit einem Pick-up verfolgt. Sie haben einen von uns erwischt, ihn dann aber gehen lassen“, erzählt Luche. Jeder der sechs Jungs wurde schon mal von der Polizei oder wütenden Anwohner*innen erwischt.

„Mit Graffiti habe ich gelernt in Gruppen zu arbeiten, jeder hat bei einem Piece seine Aufgabe, die gleich wichtig ist. Was bei 3636 aber anders ist, als in anderen Graffiti-Crews, ist die die Kollegialität, die wir hier haben. Wir haben uns über das Malen kennengelernt und treffen uns oft deswegen, aber passen auch im Alltag aufeinander auf und gehen zusammen auf Konzerte oder treffen uns einfach so. Ich war auch vorher schon in Gruppen, aber in keiner wie dieser.“

Luche

Das Bier ist alle und wir ziehen weiter in die Richtung, wo das erste Piece entstehen soll. Auf einer verlassenen Kreuzung ist ein Laden mit einem Rollladen verschlossen. Dieser soll bemalt werden. Aber entgegen aller Erwartung sind trotz der späten Stunde noch Leute auf der Straße; zwei Obdachlose sitzen in einem Hauseingang und gegenüber verkauft ein Geschäft noch Bier durch ein Stahlgitter. Ernüchterung macht sich breit und die Jungs fangen an zu diskutieren. Ziemlich schnell entschließt sich die Gruppe, das Piece doch zu machen, die Lust zu malen ist größer, als die Angst vor Stress. Aber trotzdem fragen PRK und Poser die zwei Obdachlosen, ob es in Ordnung für sie wäre, wenn neben ihnen gemalt werden würde. Nachdem diese meinen, dass es ihnen egal sei, geht es los: Luche, Repudio und Biac malen, die anderen stehen Schmiere. Die Dosen klackern erneut und innerhalb von drei Minuten entsteht, begleitet vom scharfen Zischen der Farbe, ein zwei mal drei Meter großes Piece auf dem Rolladen. Routiniert werden erst Outlines, die Konturen der einzelnen Buschstaben, gezogen, dann ausgefüllt und Schicht für Schicht ein trister brauner Rollladen in ein buntes 3636 umgewandelt.

Die Stimmung ist gelöst, auf dem Weg zum nächsten Spot wird getaggt.

Auf einmal gibt es Geschrei: „Ihr verdammten Jugendlichen! Habt ihr nichts Besseres zu tun? Verschwindet!“ Eine ältere Frau hat Poser beim Sprühen erwischt und steht schimpfend am Fenster. Wir rennen weg, um die nächste Straßenecke und ziehen weiter. Das Adrenalin spornt die Gruppe weiter an. Luche steigt auf die Schultern von PRK und Repudio und taggt ein kunstvolles „3636“ in drei Metern Höhe an die Wand. Die Brasileña, eine der Methoden um höher zu kommen und zu taggen. Auf einmal bricht Panik aus: „Schnell weg! Schnell weg! Die Pacos!“ Eine Polizeistreife hat uns gesehen und angehalten. Wieder rennen wir, dieses mal bis zu einem Park, in dem wir keine Überwachungskameras ausmachen und verschnaufen dort. „Wenn wir weniger gewesen wären, wären sie uns wahrscheinlich hinterhergefahren und hätten uns festgenommen“, meint Repudio. Festgenommen werden will niemand.

„Wenn sie dich erwischen, verprügeln sie dich erst, bringen dich dann in die Wache und verprügeln dich dort nochmal. Das sind Schweine!“ 

„Eigentlich sind Schweine schön, die Pacos aber…“, ergänzt Luche. Gelächter bricht aus.

Alle Bilder: Johannes Conradty

„Für uns steht ‚3636‘ für drei mal die sechs, also 666 und 36 Dinge, wie 36 Freundschaften, 36 tote Bullen, 36 Lieben, 36 mal ein Hoch auf die, die kämpfen. Wir sind sowas wie eine Protestcrew, aber jeder von uns schreibt, was er denkt.“ Modernes Graffiti, das Malen von Tags und Pieces kam mit der Hip-Hop-Kultur nach Chile. So war es auch Hip-Hop, der Luche zum Graffiti brachte. „Ich habe mein erstes Tag mit 11 Jahren gemacht. Meiner große Schwester gefiel Rap und alle Rapper mit denen sie sich getroffen hat, hatten ein Alias. Das war vor 15 Jahren und seither konnte ich nicht mehr damit aufhören.“ Auch ästhetisch sind die meisten Graffitis an die US-amerikanische HipHop-Kultur angelehnt, bei 3636 ist das anders. „Als ich so jung war habe ich auch Rap gehört, dann habe ich angefangen Punk zu hören und als Tättowierer zu arbeiten, das hat meinen Stil verändert. Was wir bei 3636 gemeinsam haben, ist dass uns allen Punk gefällt, unser Stil ist punkiger und wir machen mehr Protestbotschaften.“

Ob Graffiti in Chile politisch sei?

„Hier haben die Leute angefangen, die Straßen zu bemalen, um Slogans gegen die Diktatur zu verbreiten. Es gab eine kommunistische Brigade, die Ramona Parra hieß und murales gemacht hat. Während der Diktatur wurden einige von ihnen umgebracht oder ins Exil geschickt. Heute gibt es Leute, die politische Botschaften sprühen oder auch einfach nur ihren Graffitinamen, alles eine individuelle Entscheidung.“

Eine Mauer, vier auf zwei Meter, ist das nächste Ziel, dieses Mal in einer Seitenstraße ohne viele Leute. Die Anspannung und Erschöpfung nach zwei Stunden durch die Stadt laufen und rennen ist den Leuten anzumerken. PRK fängt an lauthals zu lachen. „Was macht ihr denn da? Da steht 3366!“ Nach einer kurzen Pause wird weitergemalt, 3366 soll es sein. Als das Piece fast fertig ist, stürmt ein Mann mit einer Flasche in der Hand auf uns zu. „Was macht ihr da? Könnt ihr nicht das Eigentum von anderen Leuten respektieren? Ihr verdammten Faulenzer!“ „Beruhig dich, Mann! Ist das deine Wand? Wir machen die Stadt ein bisschen bunter, freu dich doch darüber! Das ist Kunst“ „Verschwindet von hier! Ich ruf die Polizei!“ Und wieder rennen wir weg. Poser sprintet grinsend vorbei: 

„Das sind die Graffitimomente. Wenn du fast erwischt wirst und das Adrenalin voll da ist.“

Alle Bilder: Johannes Conradty

Erschöpfung macht sich breit, die Sprühdosen sind auch fast alle leer. Alle kramen in ihren Geldbeutel ihre letzten Pesos zusammen und einer geht los und kauft ein letztes Bier für den Abend. Der Park in dem wir sitzen ist voll von jungen Leuten, die trommeln, Bier trinken und kiffen, was der Polizei anscheinend nicht passt. Vier Streifenwagen rasen auf die größte Gruppe zu. Alle rennen panisch weg, wir beobachten noch, wie die Polizist*innen die Trommeln beschlagnahmen, dann sind auch wir weg. Eine Straßenecke weiter wandern die leeren Sprühdosen in einen Mülleimer. Für 3636 ist der Abend vorbei und die Stadt ein bisschen bunter.

Alle Bilder: Johannes Conradty (@derdude3636) oder auf conradty-fotografie.de

The following two tabs change content below.
Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien studiert, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

1 Comment

  1. Siegbert

    12. Februar 2018 at 1:21

    Ein schönes lebensgefühl habt ihr in eurer fotostrecke dargestellt… Aber BITTE passt auf euch auf, seid brav manchmal; und hört was onkel und papa sagt(und auch mama) ..

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.