Graffiti: Gekoe – „Der chillige Perfektionist“ (aus BACKSPIN MAG #112)

Der Pott kocht, und das schon seit Jahren. Einer der besten „Köche“ ist Gekoe, ein Writer, der dem tristen Grau des Ruhrpotts Farbe verleiht. Ein traditioneller Writer, der mit einem gewissen Anspruch an die Sache herangeht. Er selber geht sogar soweit, dass er sich als „Style-Nazi“ bezeichnet, was natürlich nichts mit seiner politischen Einstellung zu tun hat, sondern mit seiner Einstellung und Toleranz sich selber gegenüber, aber dazu wird er sich in diesem Gespräch äußern. Hinzu kommen weitere interessante Themen, die er anschneidet und die man nicht erwartet, wenn man sich seine Pieces anschaut. Hier nun Gekoe – eine der treibenden Figuren im Güterwagons-Verschönern und Autobahn-Verzieren.

Gekoe, stell dich mal kurz vor!

Ich bin Gekoe und male seit zirka 1998. Ich hatte zwar vorher schon mal eine Dose in der Hand und habe damit eine Menge Quatsch gemacht. Mein erstes Bild habe ich 1996 gemalt, aber seit 1998 kann man das erst als Graffiti bezeichnen. (lacht)

Wie hast du zu dem Namen gefunden?

Das war ein langer Weg. Natürlich habe ich vorher diverse Namen gemalt. Irgendwann bin ich auf die Buchstabenkombination G E K S gekommen und habe diese auch relativ lange gemalt. Eines Tages kam dann der Besser und sagte zu mir, dass ich doch anstelle des S am Ende ein O malen solle, damit das Ganze einen Sinn ergibt. Anfangs habe ich mich natürlich dagegen gesträubt, da ich ungern das tue, was andere mir sagen. Jahre später kam das dann aber unterbewusst dazu, dass ich doch ein O am Ende gemalt habe. Irgendwann kam dann auch noch das E dazu, und so wurde es zu Gekoe. Damit wollte ich mich auch von diversen anderen Geckos abheben. Ganz abgesehen davon ist styletechnisch ein E am Ende einfach geiler.

1998 gab es ja schon lange Graffti in Deutschland. War das eher der Einfluss, der dich bewegt hat oder war es doch eher das New York Ding?

Beides. Aus Deutschland hat mich schon immer mein Homie Ferc inspiriert. Ansonsten hat mich das gesamte Buch „Graffiti Art 4“ beeinflusst. Das war für mich die Bibel. Da konnte man das sehen, was man sonst auch in der Realität zu sehen bekam. Es war ein richtiger Spaß, ein Bild zu finden, welches auch in dem Buch abgedruckt war. Inspiriert haben mich des Weiteren Dare (R.I.P.), Atom, Jepsy, Chintz, Yen (R.I.P.), Jeks, T-Kid, Seen, Cope2, Cowboy69, Milk, Odem, Shek, XYZ, A-Team und die alten Sachen von Seak.

 

Würdest du sagen, dass du mittlerweile selber andere Leute inspirierst?

Ich habe davon gehört. Und bei manchen sieht man es auch.

Wie würdest du deinen Style definieren?

Die Buchstaben an sich sind relativ simpel. Die sind nicht extrem verzerrt. Das ligrane sind eher die Elemente, die ich da ranbastle. Mir ist wichtig, dass der Buchstabe an sich nicht zu abstrakt wird, sondern dass man den relativ klar erkennen kann. Die Elemente sind nur dazu da, dass Ganze interessanter zu machen.

Du hast dich selber mal als Style-Nazi bezeichnet!

(lacht) Ja, kann man fast schon sagen! Es gibt sehr viele Sachen, mit denen ich nichts anfangen kann, insbesondere, wenn es aus der Ill- Style-Ecke kommt. Proportionen sind mir zum Beispiel sehr wichtig. Das Style-Nazi-Ding bezieht sich da aber eher auf meine eigenen Sachen, ich lasse schon jedem seinen Freiraum.

Du musst bei deinen Bildern also einen gewissen Anspruch erfüllen?

Auf jeden Fall. Neben den Proportionen muss das Ganze auch immer einen Sinn ergeben. Da dürfen Pfeile nicht einfach aus dem Nichts kommen. Meine Farbkombos folgen auch einem bestimmten Schema. Meistens mache ich einen Farbverlauf von unten nach oben, oder, wenn die Buchstaben einzeln da stehen, einen im Wechsel von außen nach innen. Wenn ich rausgehe und was mache, dann muss das ja auch alles schnell funktionieren. Ich gehe nie mit Skizze los.

Machst du denn überhaupt noch Skizzen?

Wenig. Wenn, dann zeichne ich nur einzelne Buchstaben oder Elemente, die mir in den Kopf schießen. Ich halte Ideen skizzenhaft fest, um sie dann irgendwann einzubauen. Wenn man die Bilder nicht direkt vergleicht, dann hat man schnell das Gefühl, ich mache immer das Gleiche, aber das Ganze hat nun mal ein bestimmtes Grundgerüst, auf dem ich aufbaue und wo ich dann nur einzelne Elemente tausche oder marginal verändere. Einen ganzen Style skizziere ich nur, wenn mal eine komplett neue Idee habe.

Dir ist also Qualität wichtig?

Es gibt für mich nur die zwei Extreme. Entweder ist es ausgearbeitet und geil oder als Throw-Up dahin gerotzt. Mit allem dazwischen kann ich mich schwer begeistern. Wenn Style, dann richtig und wenn hinrotzen, dann auch richtig.

Meines Erachtens nach bist du für zwei Medien bekannt Autobahn und Güterwagons. Wieso?

Am liebsten male ich Lokomotiven. Man kann noch Abrissgelände dazu nehmen, aber ansonsten stimmt das. Das hat sich mit der Zeit einfach ergeben. Ich war schon immer viel mit dem Auto unterwegs. Wenn man dann immer dieselben Strecken fährt, will man nicht nur ein einzelnes Piece sehen, sondern hier und da, andere Art und Weise, aber das gehört bei Graffiti ja dazu. Die Dinger kommen aber vorher viel rum. Und dann bekommt man auch ganz abstruse Feedbacks. Da wurde dein Ding dann in England oder Polen gesehen. Irgendwer hat mal gesagt, das ist wie eine Flaschenpost. Die schmeißt du ins Meer und vielleicht kommt mal eine Antwort. Wenn sie dann kommt, freust du dich umso mehr. Das war zwar nicht der Grund, warum ich damit angefangen habe, aber mittlerweile ist es dazu geworden.

Ist das deiner Meinung nach auch ein Grund für diesen immensen Boom in Europa auf den Güterwagons?

Ja. Manchmal macht das schon fast keinen Spaß mehr. (lacht) Die Kinder sehen in den Magazinen und im Internet, dass das ein Medium ist, das man machen kann. Früher war Güterwagons bemalen ja regelrecht verpönt.

Wie gehst du denn damit um, wenn jemand behauptet, du seist nicht real genug, nur weil du nicht jedes Wochenende eine U-Bahn bemalst?

Dann bin ich halt nicht real. Wen interessiert das schon? Wenn ich Bock auf Action hab, das kommt allerdings nicht oft vor, dann mache ich Action. Ich habe auch ein paar Züge bemalt. Das kann man allerdings an vier Händen abzählen. (lacht)

Du bist also kein Adrenalinjunkie?

Nicht regelmäßig. Früher mehr. Da habe ich auch Backjumps an den unmöglichsten Stellen gemacht. Das ist aber immer weiter in den Hintergrund gerückt. Warum das genau jetzt so ist, darüber habe ich mir allerdings keine Gedanken gemacht. Ich bin halt eher der entspannte Typ. Von den Zügen, die ich bemalt habe, sind vielleicht drei dabei, die ich jetzt noch geil finde, wenn ich mir die Fotos anschaue. Die anderen kannst du stylemäßig in die Tonne kloppen, auch wenn vielleicht die Aktion geil war. Da wird meistens dann nicht mehr der Anspruch erfüllt, den ich an das Bild habe! Wenn das Zeitfenster zu klein ist und ich mich nicht anpassen kann, dann wird das nichts. Ich bin allerdings gerade dabei, Throw-Ups wieder richtig zu füllen und diese in Richtung Pieces gehen zu lassen. So etwas könnte man dann schon wieder eher machen. Mein Style in abgespeckter Version sieht auch scheiße aus.

Wenn man so hohe Ansprüche an sein Bild hat, könnte man ja her gehen und nur noch legal malen. Aber das scheint dich ja auch nicht zu reizen?

Es ist ja Teil des Anspruchs, dass das Ding fährt und die Hall of Fame kommt nicht wirklich viel rum. Irgendwie ist es schon wichtig, dass es illegal ist. Ich weiß nicht warum, aber es gehört dazu. Ich will meine Bilder halt dahin malen, wo ich es will und nicht vorher um Erlaubnis fragen. Ich will meine Werbung da platzieren, wo ich will, und nichts dafür bezahlen.

Wie rechtfertigst du dich denn dahingehend?

Ich musste mich noch nie rechtfertigen. Da, wo die Gesellschaft die Grenze zieht, was legal und was illegal ist, gilt das für mich nicht. Es gibt diverse Sachen, die sehe ich halt anders. Bei vielem sehe ich auch die Verhältnismäßigkeit nicht. Ich habe meine eigenen Werte. Ich finde es zum Beispiel schwachsinnig, wenn man mit 10 Gramm Gras in der Tasche eine horrende Strafe zahlen muss und bei anderen Delikten, die viel schwerwiegender sind, fallen die Strafen viel geringer aus. Meiner Familie und meinen Bekannten war es meistens bekannt, was ich mache und da musste ich mich nie dafür rechtfertigen, sondern es wurde akzeptiert. Da, wo ich mich eventuell rechtfertigen müsste, sprich Arbeit oder ähnliches, da ist es eh nicht bekannt. Das ist allerdings auch ein Punkt gegen das Hall Of Fame malen, da wird man oft nach einer Rechtfertigung gefragt.

Du hast deine Familie erwähnt. Die wissen also was du machst?

Meine Mutter redet sich das aktuell, glaube ich, eher schön und möchte darüber nichts mehr wissen, denn wir sind ja alle groß und erwachsen. Früher war das anders, als ich noch zwölf Jahre alt war, da hat sie uns rumgefahren und an den Spots rausgelassen und später wieder ein- gesammelt. Da ging es ihr wahrscheinlich eher darum, dass die Sicherheit, zu wissen was und wo die Kinder was machen, wichtiger war, als nur zu wissen, dass wir was Illegales machen. Sie hat uns damals auch zum Wallstreetmeeting gebracht und hat mit uns den ganzen Tag dort gechillt. Sie fand das auch alles recht gut. Ich male ja, seit ich elf war, und da war es einfach wichtig, dass der Kleine nicht nachts draußen alleine rumläuft. Es gab da echt Aktionen, da sind wir mit einer Menge Leute im Auto gesessen, meine Mutter am Steuer, noch drei im Kofferraum und ab zum Spot. Alle Mann raus, alles zuholzen und dann wieder weiter zum nächsten Spot. Wie willst du sonst als Zwölfjähriger an einem Wochenende in vier verschiedenen Städten an sechs verschiedenen Stellen zwölf Bilder malen? (lacht) Größter Respekt für meine Mutti!

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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Razer

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