Graffiti: Erinnerungen an Trica 186 (aus der BACKSPIN MAG #110)

In seiner kleinen Stadt war er eine große Nummer. Wie kein zweiter prägte Trica 186 die Graffitiszene Lüneburgs. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juni verstarb er nach langer Krankheit im Alter von 41 Jahren. Neben unzähligen Bildern hinterlässt Jens Flechtner auch eine nicht zu schließende menschliche Lücke. Erinnerungen.

Lebt man in einer der großen Städte des Landes, fällt es einem ab und an etwas schwer zu glauben, dass es auch in kleineren Städten etwas so urbanes geben kann wie Graffiti. Zumindest wenn man, wie der Autor dieses Textes, aus Hamburg kommt, 15 Jahre alt und voll auf Hip-Hop war. Doch dann verschlug es ihn doch nach Lüneburg. Dort sollte es einen Typen geben, der gute Wände zum Malen am Start hätte. Davis hatte damals schon Kontakt zu Trica, 1993 war das. Also machten sich die Hamburger Sprayer Davis One, Aitz, Kalb und Dek mit dem Regional Express auf den Weg.

Und tatsächlich erwartete die vier eine schöne, lange Wand. Sie war direkt an der Straße gelegen, in der Trica wohnte. Einzelhäuser links und rechts, am Ende aber befand sich ein altes Fabrikgelände. Hier hatte Trica eine große Fläche für seine Gäste aus Hamburg vorgestrichen. Und so lag an jenem Sonntag bald der Duft von Eisodur, Multona, Auto-K, Belton und natürlich Sparvar in der Luft. Nach dem Malen hing man noch ein Weilchen in Tricas Dachgeschosszimmer ab, guckte Fotos durch und unterhielt sich. Eine interessante, generationenübergreifende Runde war das damals, Trica hatte schon 1986 zu malen angefangen und das Thema ziemlich schnell ziemlich ernst genommen. Er hatte eine Menge zu erzählen.

Dieser Sonntag in Lüneburg war der Beginn einer langjährigen Freundschaft, die erst irgendwann Mitte der 00er Jahre zu einer locker gehaltenen Bekanntschaft ausfranste. In der Zeit dazwischen hat der Verfasser dieses Textes mit seiner Lüneburg-Connection einiges erlebt. Trica war nicht nur in Sachen Graffiti umtriebig. Er hatte in Lüneburg auch eine nicht minder spannende Posse um sich geschart. Einer seiner Jungs damals war AcidDJ, ein anderer Drum&Bass-DJ. Trica selbst hatte überdies eine Leidenschaft für Gabba und ähnliche Sounds. Der Kitt zwischen diesen ziemlich unterschiedlichen Typen aber war Hip-Hop. Den Beats der späten 80er und frühen 90er Jahre konnten sie alle etwas abgewinnen. Sie alle hatten Turntables und Plattensammlungen bei sich stehen. Zudem griffen auch die anderen dann und wann zur Dose. Zwar waren sie bei weitem nicht so into it wie Trica. Und sicherlich hatte sie damals auch eher die Abenteuerlust angezogen als die Idee des Getting-Up. Aber egal. Die Jungs waren Partner in Crime.

Einer von ihnen hatte damals einen Kleinbus. Von innen war alles mit Plüsch ausgekleidet, dazu baumelten Plüschwürfel vom Rückspiegel, als gehörte der Bus Cheech & Chong. Von Außen war er lackiert wie das Vehikel des A-Teams – in mattschwarz mit rotem Streifen. Mit dem Wagen ging es damals zu mancher Action. Eine weitere große Disziplin von Trica und seinen Jungs war das Feiern. Immer wieder organisierten sie Partys in den Lüneburger Clubs. Dann und wann starteten sie auch eine Sause in einer Abbruchhalle. Mit dem A-Team– Bus wurde ein Stromgenerator herangekarrt, Alkohol, Turntables, Boxen und was sie sonst noch so brauchten. Blockparty-Feeling in Lüneburg. Einmal hätten sie, so erzählte Trica, mit dem Kranlaster eines Freundes sogar ein paar Dixi-Toiletten von einer Baustelle eingesammelt, um so etwas wie einen sanitären Bereich für ihre Party zu haben. Stellenweise waren ihre Feier-Actions aber auch etwas asozial. „Die Party“ hatte Trica diese zweifelhafte Reihe getauft, für die er mit einem potenziellen Opfer einen Sit-in verabredete. Für diese Sit-ins fertigte er Low Budget-Farbflyer an, verteilte die und schließlich liefen Dutzende Gäste zu eben diesen Sit-ins in den Privatwohnungen oder Häusern der blauäugigen Gastgeber auf. Was dann passierte, könnte man als Remmi Demmi vom feinsten bezeichnen. Zu Hochform lief Trica auch an Silvester auf. Er liebte es, seine Straße mit Rauchbomben zu vernebeln, um dann mit Leuchtspurmunition durch die Rauchwolken zu schießen. Mülleimer und anderes sprengte er mit polnischen Böllern in die Luft. Die Fotos der demolierten Gegen- stände verschickte er an Freunde wie Eltern Fotos ihrer Babys.

Basis der Connection zwischen dem Autor dieses Textes und Trica aber war das Graffiti. Mindestens ein Dutzend Wände hatte Trica in Lüneburg zum legalen Malen organisiert. Mal kam Dek alleine in die Salzstadt, mal brachte er Kollegen mit. Trica verfuhr ähnlich. Immer wieder hatte er Leute dabei, die stellenweise deutlich jünger waren als er und quasi als seine Graffiti-Schüler zu ihm aufschauten. Wer in der Gegend malte, kam eben nicht vorbei an Trica. Den Anfängern wies er die Katzenplätze an den Wänden zu. Wer etwas mehr drauf hatte, durfte mit auf die Wand der Großen. Teilweise ergab es sich zwei Mal im Monat, dass Dek zum Malen nach Lüneburg fuhr – immer Sonntags. Und wenn es mal nicht klappte, konnte er dennoch sicher sein: Trica wird in jedem Fall sein Bild am Sonntag sprayen, alleine oder mit anderen Kollegen. Dazu kamen weitere Pieces unter der Woche. Trica ohne Graffiti war nicht vorstellbar. Er pflegte ein riesiges Fotoarchiv, er sammelte alte Sprühdosen und was sonst noch als Graffiti-Accessoire taugte. Zudem war er in manchem Bereich ein überzeugter Nostalgiker. Als damals die Deutsche Bundesbahn ihr Logo änderte, malte er mit Streichfarbe einfach das alte Bahn-Logo in Übergröße auf die Wand einer Lüneburger Turnhalle. Beeindruckend war auch sein Netzwerk, das sich über die Jahre immer weiter vergrößert hatte. Zu allen möglichen Leuten hielt er Kontakt, vor allem über das Telefon. Rief man ihn an, war meist schon jemand anderes in der Leitung und man musste warten, bis das Gespräch beginnen konnte. Hatte man ihn dann an der Strippe, ging meist nichts unter eine Stunde. Er hatte das Talent, Kleinigkeiten des Alltags sehr detailverliebt zu beschreiben und alles auszubreiten, und zwar so, dass es nie langweilig wurde, mit ihm zu sprechen. Was man in diesem Text trotz allem nicht unterschlagen darf: Es gab in den 1990er Jahren vor allem in Hamburg auch eine Menge Leute, die Trica misstrauten.

Ein damaliger leitender Beamter der Soko Graffiti in Hamburg war ebenfalls Lüneburger – und, wie es der Zufall wollte, bekannt mit Trica. Sie kannten sich vom Fußball, einer weiteren großen Leiden- schaft Tricas, auf die hier aus Platzgrün- den nicht weiter eingegangen werden soll. Jedenfalls war es damals so, dass Trica von diesem Beamten stapelweise Fotos von bemalten S- und U-Bahnen aus Hamburg bekam. Warum, darüber konnte nur spekuliert werden. Und die Gerüchteküche der Hamburger Szene brodelte gewaltig. Richtig übel wurde es schließlich, als irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre unzählige Hausdurchsuchungen bei Writern im norddeutschen Raum stattfanden, auch bei Trica. Schnell war sich die Szene sicher: Da musste jemand geplaudert haben. Selbstredend, dass viele bald begannen, zusammenzuzählen was sie wussten. Ein Writer in Lüneburg, ein Soko-Beamter in Lüneburg, die Fotos… Wobei man nicht vergessen darf, dass mancher Writer von dieser ominösen Fotoquelle auch profitiert hatte und auf diesem Weg an ordentliche Aufnahmen seiner Trains gekommen war. Und doch war der Verdacht, Trica würde dem Beamten für die Fotos Informationen über die Graffitiszene preisgeben, zu naheliegend, als dass er sich nicht erhärten konnte. Fortan galt der Lüneburger als Verräter. Nur ganz wenige sahen das anders. Wer ihn gut genug kannte, konnte sich schlichtweg nicht vorstellen, dass Trica seinen ohnehin nicht immer ganz einfachen Ruf in der Szene für diese Fotos endgültig aufs Spiel setzen würde. Graffiti war sein Leben. Noch schlimmer als das Gerede derer, die ihn nicht oder nur flüchtig kannten, aber war, dass auch seine Lüneburger Posse nach den Hausdurchsuchungen zerbrach. Diese Jungs, die Gott weiß wie viele Abende und Nächte mit dem A-Team-Bus auf Achse waren und ihrem Besuch aus Hamburg so unzertrennlich erschienen, verdächtigten sich gegenseitig, kündigten sich die Freundschaft und begegneten sich mit allergrößtem Misstrauen. Das mit angesehen zuhaben, war bitter.

Vom Vorwurf entlastet, ein Verräter zu sein, wurde Trica erst, als die ersten Prozesse gegen die Writer begannen, bei denen während der Hausdurchsuchungen belastendes Material gefunden wurde. Über ihre Anwälte hatten einige der Sprayer Akteneinsicht erlangt und waren an den Namen des auskunftsfreudigen Plappermauls gelangt. Und das war nicht Jens Flechtner. Ein anderer hatte geplaudert. Ein Typ, der früher mal zum engen Kreis der Freunde Tricas zählte, inzwischen aber in eine andere Stadt gezogen war und den niemand mehr auf der Rechnung hatte. Dieser Typ wollte damals offenbar Polizist werden und vorher sein Gewissen erleichtern. Also hatte er gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft alles erzählt, was er damals so mitbekommen hatte. Das waren zwar nur Vermutungen und Gerüchte, das Geschwätz eines Wichtigtuers. Der Staatsanwaltschaft und einem Richter aber hatte das offenbar für Durchsuchungsbefehle gereicht.

Unterkriegen lassen hatte sich Trica von den schlechten Zeiten jedoch nicht. Konsequent blieb er am Ball und malte und malte – inzwischen allerdings nur noch legal. Einmal malte er allein über 100 Trica-Pieces in nur einem Jahr. Dazu kamen freilich etliche weitere Bilder. Immer neue Wände hatte er sich in Lüneburg organisiert. Und um die hatte er sich wie eh und je rührend gekümmert. Er schnitt die Sträuche vor den Wänden weg, die einen beim Malen oder anschließenden Fotografieren hätten behindern können und sorgte für Ordnung und Sauberkeit. Sprayte mal wer auf einer von Tricas Wänden ohne ihn vorher um Erlaubnis gefragt zu haben, konnte er richtig sauer werden.

Mit der Zeit hatten sich die Gemüter der Szene wieder beruhigt und Trica konnte neue Connections aufbauen. Ihm war das immer sehr wichtig. In Lüneburg war er die erste und letzte Instanz der Graffiti-Szene. Kam mal ein überregional bekannter Writer in die Salzstadt, malte Trica direkt neben dem prominenten Sprayer. Zu größerem Fame brachte er es auch, als er mit seiner Crew LGA 2003 in Hamburg am Write4Gold-Battle teilnahm. Die Konkurrenz war, neben anderen, mit der BTN-Crew stark besetzt. Doch das Rhyme-Style-Bild a la Bando 1986, das die LGA-Crew malte, traf den Nerv der Jury. Und so gewannen die Lüneburger den Vorentscheid Nord und fuhren zum Finale auf dem splash!.  Zu einem Event war über die Jahre auch sein Geburtstagsmalen geworden. Hierzu lud er jährlich zig Writer auf das Schulgelände in Lüneburg Kaltenmoor, wo es Fläche für bald 100 Pieces gibt. Anfangs kamen die Writer nur aus der näheren Umgebung, später aber auch aus Berlin, Bremen, oder Dresden. Und auf die Sprayer warteten nicht nur die vielen Wände der Schule, es wurde gegrillt und ein DJ beschallte die Sprayer. Das Event mutete an wie ein Stadtteilfest. Einmal soll sogar der stellvertretende Bürgermeister vorbeigekommen sein, um Trica zu gratulieren. Der Writer war längst eine Lokalgröße geworden. Nicht nur sein auffälliges Äußeres hatten zu seiner Bekanntheit beigetragen. Auch hatte Trica immer wieder Graffiti- Workshops an Schulen und in Jugendzentren gegeben. In seiner Heimatstadt war er bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Fuhr er mit seiner Mofa durch die Stadt, drehte sich mancher nach ihm um. Für ihr Kunstprojekt „Doppelkopf“, in der sie 30 bekannte Lüneburger Persönlichkeiten malerisch und fotografisch portraitierten, hatten die Malerin Swantje Crone und der Fotograf Morten Strauch auch Jens Flechtner als Motiv gewählt. Damit war seine Bekanntheit in Lüneburg quasiamtlich.

2010 wurde Trica schwer krank. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und ins künstliche Koma versetzt. Die Ärzte kämpften um sein Leben. Nach langem Aufenthalt wurde er in die Reha entlassen, anschließend kam er wieder nach Hause. Ganz erholt hatte er sich von den gesundheitlichen Strapazen jedoch nie. Vom Malen abgehalten hatte ihn all das allerdings nicht. Inzwischen war er zwar schon zu schwach auf den Beinen, um die paar Stunden für ein Piece stehen zu können. Dafür malte er dann eben aus einem Rollstuhl heraus. Im Juni verschlechterte sich sein Zustand wieder. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juni dieses Jahres schließlich entschlief Jens Flechtner alias Trica 186 bei sich zu Hause in seinem Bett. Wer ihn kannte, wird ihn nie vergessen. Die Mal-Action zu seinem Geburtstag Anfang September wird im Übrigen in Gedenken an ihn fortgeführt. Er wird es sich nicht anders gewünscht haben.

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