Graffiti: ECB (aus der BACKSPIN MAG #110)

Hendrick, vorab: Wofür steht eigentlich ECB? Das B könnte deinen Nachnamen repräsentieren, aber die anderen Buchstaben? Zumal du den Namen schon lange trägst und damit schon recht früh auf die Idee gekommen sein müsstest, deinen bürgerlichen Namen mit deiner Kunst zu verknüpfen…

Es sind wirklich Buchstaben aus meinem Vor- und Nachnamen, ganz banal diejenigen, die ich glaubte am besten zeichnen und malen zu können. Die Überschneidung mit dem Kürzel der Europäischen Zentralbank war ja zur damaligen Zeit nicht vorhersehbar. Über die Verknüpfung beziehungsweise relative Nähe zu meinem bürgerlichen Namen habe ich mir damals kaum Gedanken gemacht. Rückblickend wundert mich das selbst ein wenig. Die grundsätzliche Motivation für die Wahl eines Kürzels anstatt eines klassischen Pseudonyms lag darin, dass niemand die Bedeutungsebene kennt. Damit sollte ein zusätzliches Mysterium geschaffen und darüber hinaus keine Assoziationen wie bei einem klassischen Pseudonym auftauchen.

Deine Website www.hendrikbeikirch.com trägt wiederum deinen bürgerlichen Namen als Titel. Warum das?

Die Kommunikation nach Außen ist einfach mit dem bürgerlichen Namen leichter. Gerade auch weil ein Buchstabenkürzel ja nochmals abstrakter als ein Wort oder Künstlername ist.

Deine Wurzeln liegen im eher weniger urban geprägten Umfeld. Was hat dich dazu bewogen, Graffiti als Ausdrucksform zu nutzen?

Ende der 80er Jahre habe ich in Basel die ersten gesprühten Bilder gesehen. Zuerst auf Wand, kurz darauf fuhren von dort aus auch besprühte Züge in meinen Heimatort. Neben der Bildsprache faszinierte mich vor allem dieses Dunkelfeld, das Agieren unter einer zweiten Identität. Nach den ersten nächtlichen Gehversuchen wusste ich, dass ich für mich die passende Sprache gefunden hatte.

Du hast dich relativ schnell vom klassischen Stylewriting gelöst. Wie kam es dazu? Welche Rolle spielt hier wiederum die Pfalz als vermeintlich geschützte Region, die durch Abgeschiedenheit Innovation und das Aufbrechen von Dogmen ermöglicht?

Nach wie vor sehe ich Graffiti eher als Begriff für einen Lebensentwurf oder eine bestimmte Methode der Malerei. Diese klassische Eingrenzung auf Style war für mich noch nie relevant. Sicherlich wurde dies dadurch erleichtert, dass es dort keine dogmatische Szene gab. Auch heute noch bin ich verwundert, welche Diskussionen selbst von Mitte 30jährigen diesbezüglich geführt werden und wie relevant gerade auch in Großstädten diese Dogmen für manche nach wie vor zu sein scheinen.

Solche Dogmen sind für das klassische NYC-Graffiti ja durchaus bedeutsam, denn sie bieten Orientierung. Inwiefern ist es für dich wichtig, diese aufzubrechen oder mit ihnen zu spielen?

Auch wenn klassisches NYC-Graffiti Teil meiner künstlerischen Sozialisation war, so hat sich heute doch das, was unter dem Graffiti zusammengefasst wird, extrem weit aufgefächert. Klassisches Graff ist nur noch ein Bereich des Ganzen. Ich persönlich mag beide Begriffe nicht wirklich. Ich sehe meine Arbeit auf Wand als Malerei im Öffentlichen Raum. Als Kunstrichtung standen wir uns mit der Frage, was erlaubt ist und was nicht, doch ziemlich selbst im Wege.

Schaut man sich die Entwicklung deiner Werke über die Jahre an, so gibt es einige Konstanten in deiner Bildsprache, aber auch die Veränderungen sind immens. Man könnte sogar von Perioden sprechen. Es gibt die Phase mit den vielen Grüntönen, später dominiert dann Blau und derzeit reduzierst du auf Schwarz/Weiß. Wie beschreibst du diese Entwicklung?

Ich denke, Perioden trifft es ganz gut. Die vornehmlich in Blautönen gehaltenen Landschaftsdarstellungen sollten Orte zeigen, an denen Graffiti im öffentlichen Raum funktioniert, aber eben ohne die explizite Darstellung der eigentlichen Bildsprache. Die neueren Arbeiten im Galerie- oder Museumskontext lehnen sich stärker an meine Bilder im öffentlichen Raum an. Mir war es wichtig, zwischen beiden Bereichen eine stärkere Verbindung zu schaffen, weil sie ja mittlerweile fließend ineinander übergehen. Während die Arbeiten auf Leinwand real existierende Personen zeigen, sind die Gesichter im öffentlichen Raum in der Regel frei erfunden. Bei letzteren versuche ich, mit den örtlichen Gegebenheiten zu spielen, mein Bild so zu verändern und zu verzerren, dass die Wechselwirkung zwischen Bild und Format bzw. umgebender Architektur und Raum gelingt.

Welche Rolle spielt der Untergrund? Wo liegen die Unterschiede zwischen Leinwand und Straße?

Ich empfinde die Arbeit im Atelier als abgeschlossener und dadurch auch intimer. Obwohl man im Korb eines Hubsteigers oder auf einem Gerüst ja auch in einem fast separaten Raum arbeitet, also ein stückweit von der Straße getrennt ist. Bei den Leinwandarbeiten versuche ich wiederum vornehmlich Medien zu verwenden, die auch auf der Straße zum Einsatz kommen, so wie Marker, Tinten oder Sprühlack.

Deine Bilder sind auch ruffer geworden – wie hat sich hier deine Heran- gehensweise verändert?

Da spielt sicher auch das veränderte Format der Bilder, vornehmlich der im Außenraum, mit hinein. Aus der Distanz betrachtet ergibt für mich gerade das Unsaubere, Rohe einen stimmigeren Gesamteindruck als penibel abschattierte Farbverläufe. Dadurch fließt mehr Leben in den Duktus ein, also etwas, was gerade beim Portrait dem Sujet sehr entgegenkommt. Letztlich suche ich in meiner Malerei eine Ästhetik, die etwas der grobkörnigen, analogen Schwarzweißfotografie ähnelt.

Zu vielen deiner Kompositionen gehört ein flankierender Spruch. Sind das Zitate? Woher kommt die Inspiration hierzu?

Ich denke, mit lesbarer Schrift ist es einfacher, zusätzliche Bilderwelten zu öffnen, beziehungsweise überhaupt erst den Einstieg in diese zu erleichtern. Ein stückweit holt man den Betrachter damit dort ab, wo er steht. In der Regel sind das keine Zitate sondern eher ein Mix aus Fundstücken, eigenen Ideen und Erinnerungen.

Interessant ist auch, dass du offenbar eine eigene Type entwickelt hast….

Die meisten Buchstaben sind auf einem Quadrat aufgebaut. Ursprünglich rührt es daher, dass sie somit leichter freihändig in einer geraden Linie anzuordnen sind. Ich benutze diese Typographie bei Arbeiten im Außenraum seit mittlerweile fast 15 Jahren, somit ist sie sicherlich ein Stück weit auch zu meinem Markenzeichen geworden.

Von früher kennt man viele Produktionen mit anderen Künstlern, heute malst du meistens allein. Wie beurteilst du diese Veränderung?

Ich halte von 100 Gemeinschaftswänden vielleicht gerade mal zwei oder drei für in- teressant bzw. gelungen. Ich habe mich ja selbst jahrzehntelang in dem Bereich bemüht. Meine dahingehende Veränderung hat sicherlich damit zu tun, dass sich über die Jahre das eigene künstlerische Profil schärft und Produktionen mit anderen dadurch schwieriger werden. Darüber hinaus stört es mich, dass bei einer Gemeinschaftsproduktion die Zuordnung der einzelnen Werke zum Künstler für Außenstehende kaum möglich ist. Der Ansatz, einzelne Arbeiten in ein Gesamtbild einzubinden und dabei die größtmögliche Individualität zu wahren, ist aus meiner Sicht eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Woher stammen eigentlich die Vorlagen der Porträts. Was hast du für einen persönlichen Bezug zu denen?

Die Portraits der Leinwandserie basieren auf Skizzen von realen Personen. Die meisten davon sind auf Reisen entstanden, wobei sich meistens auch in der Wahl des Bildtitels die Örtlichkeit wieder findet. Von der Umsetzung her sind es oft Personen, die an öffentlichen Orten über einen etwas längeren Zeitraum die Möglichkeit zum Skizzieren boten. Anhand dieser ersten Skizze fertige ich mehrere Studien auf Papier an und übertrage diese dann auf die finale Leinwand. Inhaltlich geht es um die Gesichter, die Geschichten erzählen, um ein Gegenüber aus der urbanen Masse. Eigentlich auch um Zeichnung im doppelten Sinne, denn irgendwie sind diese schauenden Gesichter selbst gezeichnet zerfurcht und oft auch ermüdet. Letztlich jedoch mit einem ihnen innewohnenden Stolz, einer Zuversicht.

Hat der/ die Porträtierte einen Bezug zu dem Ort an dem du das Bild malst?

Eher weniger. Die wenigen Skizzen aus dieser Serie, die ich auch draußen umsetze, stehen inhaltlich eigentlich in keinem Bezug zu einem bestimmten Ort. In den seltensten Fällen ist es überhaupt das gleiche Land/ Kontinent, in dem die Skizze entstanden ist.

Welcher Zusammenhang besteht dann zwischen Bild und Text?

Bei der Umsetzung der Arbeiten aus der Portraitserie im öffentlichen Raum integriere ich meistens den Bildtitel. Letzterer bezieht sich ja meistens auf den Entstehungsort.

Welche Bedeutung hat, ganz grundsätzlich, und im speziellen Graffitikontext, das Reisen für dich?

Es hat sich über die letzten Jahre so entwickelt, dass sehr viele meiner Projekte im Ausland stattfinden. Auch viele meine Sammler sind im Ausland. Grundsätzlich hat Reisen für mich schon immer zu Graffiti gehört. Einfach auch dort die eigenen Grenzen weiter stecken.

Hat sich dies, wo du heute ja auf Einladung von Galeristen oder Ausstellungs- betreibern reist, verändert?

Das ist heute nur noch schwer mit früher zu vergleichen. Heute gibt es in einem Projektrahmen wesentlich mehr organisatorische Dinge, die glücklicherweise nur zu einem kleinen Teil über mich laufen: Transportlogistik, Hubsteiger, Grundierung, Hotel,…

Wohin gingen deine letzten Reisen?

Neben Europa das letzte halbe Jahr nach Indien, Sibirien und mehrmals Russland, Korea, USA, Mexiko, …

Hast du manchmal das Gefühl, es geht alles zu schnell und du möchtest noch eine Weile dort bleiben?

Die Termine sind zeitlich schon sehr eng gesteckt. So weit es geht, versuche ich aber Übernachtungen am Frankfurter Flughafen zu vermeiden und – auch wenn nur für ein, zwei Tage – nach Koblenz zurückkommen. Und ich mag durchaus diese kurzen, sehr intensiven Aufenthalte in einem Land. Es ist heute einfach eine andere Zeit, ich bin in einem anderen Alter. Drei Monate ohne Termine, das geht wahrscheinlich nur in der Jugend.

Was nimmst du außer Fotos und Geschichten noch mit? Wie verändert dich das Reisen?

In einem Land auch zu arbeiten, ergibt andere Erfahrung als aus der Perspektive eines Touristen. Das macht sicherlich einen Teil des Reizes aus. Die Erinnerungen manifestieren sich schon zu einem großen Teil später in den Fotos der Arbeiten. Aber wie es mich letztendlich verändert? Das ist für einen selbst immer nur schwer zu beurteilen. Nicht zuletzt komme ich aber auch immer wieder gerne nach Koblenz zurück.

Welche Rolle spielt Koblenz generell als Wohnort? Berlin ist doch eigentlich etwas hipper…

Als Basis/ Ausgangsort bin ich ein großer Fan der Provinz. Was mich betrifft, so kann ich mich dort besser auf meine Arbeit konzentrieren, hier ist ein fokussierteres Arbeiten möglich und ich empfinde weniger Ablenkung. Nicht zuletzt kommt es auch meinem Hobby, dem Marathon, entgegen, weil ich am liebsten alleine und im Wald laufe.

Kunst und Kommerz um? Wie frei können hierbei deine Bilder sein?

Wie frei Bilder sind oder sein können, ist ja ein recht weites Feld. Am Ende kommt es dabei für mich sehr auf mein eigenes Bauchgefühl an. Bin ich mit dem, was ich mache, zufrieden? Wird es meinen eigenen Ansprüchen gerecht? Im Moment kann ich das für meine Arbeiten bejahen.

Mit „straight lines, a ten year graffiti art dialog“ gibt es bereits seit 2004 eine Buchpublikation von dir zu kaufen. Planst du hier ein weiteres Werk für 2014, oder gar eher?

Ich bin ein großer Fan von Büchern als Medium der Dokumentation eigener Arbeiten für die Nachwelt. Insofern ist es mehr als Zeit für eine neue Publikation und ich arbeite bereits daran.

Kannst du hier noch mehr drüber erzählen?

Nicht zuletzt ist ein Buch ein guter Abschluss, eine Art Bilanz der letzten Jahre. Inhaltlich geht es um die einzelnen Werkserien, die Portraits sowie die Umstände ihrer Entstehung. Auch um die weltweiten Murals, die ja doch noch stärker miteinander verbunden bzw. komplexer sind als das auf den ersten Blick den Anschein hat.

Was ist eigentlich das schönste/ interessanteste/ gemeinste/ überraschendste, das du je über deine Kunst gehört hast?

Da war über die Jahrzehnte schon so einiges dabei. Von Gangs, die potentielle Crosser erschießen wollten hin zu Straßenverkäufern aus Indien, die mich auch Monate später noch auf dem Handy beglück- wünschen. Es hat sich aber auch schon mal jemand direkt vor meiner Wand übergeben. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht so offen erkennbar scheint, so sehe ich in meinen Arbeiten doch immer eine positive, optimistische Aussage. Seinen Traum, sein Leben so zu leben wie man es sich vorstellt.

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